Andrea Schweikart und ihre Nachbarn leben auf einer Großbaustelle. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Deutschlands größter Immobilienbesitzer Vonovia saniert überall Wohnungen und erhöht danach die Miete deutlich. Doch bevor sie mehr bezahlen müssen, stehen für die Bewohner Lärm, Dreck und Dauerstress auf dem Programm. Ein Beispiel aus Stuttgart.

Stuttgart - Der ältere Herr schaut auf, steigt aus dem Auto und kommt über die Straße. „Sind Sie von der Vonovia?“, spricht er den Unbekannten an, der mit Unterlagen in der Hand vor dem Haus in der Augsburger Straße steht. Nein, Pech gehabt – der Besucher hat nichts mit dem Großvermieter zu tun, dem hier die Wohnblocks gehören. Und doch sprudelt es aus dem Anwohner heraus. „Wissen Sie, wir haben hier einen Krach und Dreck, das kann man sich nicht vorstellen.“ In seiner Wohnung seien die Fenster nur zum Teil getauscht worden. Und den Balkon habe er schon im Frühsommer freiräumen müssen – doch passiert sei bis heute nichts. „Mehrere Leute haben der Vonovia Briefe geschrieben – doch eine Reaktion kam bisher nicht“, sagt der Mann und verabschiedet sich.

Die Aussagen ähneln sich frappierend, wo immer Vonovia Wohnungen saniert. Und das sind derzeit Hunderte allein in Stuttgart. In der Landeshauptstadt gehören dem Bochumer Unternehmen über 4600 Wohnungen, zahlreiche weitere in der Region. Und überall rumort es. Nicht nur, weil nach der energetischen Sanierung der oft einfachen Gebäude aus günstigen Wohnungen teure werden. Die Mieten steigen zum Teil um rund 60 Prozent. Nein, auch der Ablauf der Arbeiten und die Kommunikation mit dem Vermieter werden von den Betroffenen einhellig als chaotisch beschrieben. Sei es im Nordbahnhofviertel, in Korntal-Münchingen, wo das Dach eines Hauses monatelang nur mit einer Plane abgedeckt gewesen ist, oder jetzt in der Augsburger Straße in Untertürkheim.

Kabel hängen aus den Wänden

Dort wohnt auch Andrea Schweikart und geht kopfschüttelnd über das Gelände. Die Wohnblocks sind eingerüstet, überall stehen mobile Toiletten, Container mit Müll oder neue Fenster, die auf den Wiesen abgestellt worden sind. Im Treppenhaus hängen Kabel aus den Wänden. In ihrer Wohnung zeigt Andrea Schweikart ihr neues Badezimmerfenster. Das ist seit Wochen nur notdürftig mit Bauschaum abgedichtet, bei Regen dringt Wasser ein. „Die anderen Fenster sind fertig, das hier hat man einfach so gelassen. Und ein anderes ist noch gar nicht getauscht. Doch die Handwerker haben gesagt, sie seien fertig“, erzählt die Bewohnerin. Nach der mindestens ein Jahr dauernden Sanierung, zu der auch eine Aufstockung der Gebäude gehört, soll ihre Kaltmiete um 228,56 Euro steigen. Wie viele andere weiß die Familie nicht, wie sie sich das leisten können soll.

Im Haus erzählen die Mieter, dass allein für die Fenster bereits die vierte Firma vor Ort sei. „Die ersten drei Termine haben sie nicht eingehalten, aber nicht mal abgesagt“, so eine Nachbarin. Hier lässt sich ein Roll­laden nicht öffnen, dort geht ein Fenster nicht auf, da fehlt die Fensterbank. Und so ziehe sich das durch die meisten Gewerke.

Andrea Schweikart führt inzwischen Tagebuch darüber, was wann passiert. Denn manchmal lassen sich die Handwerker auch über Wochen gar nicht blicken. Sie hat einen Anwalt eingeschaltet und der Vonovia schriftlich mitgeteilt, dass sie die Miete nur unter Vorbehalt bezahlt. Darauf kam immerhin eine Antwort – mit einem Widerspruch. Man behalte sich eine „eventuelle freiwillige Entschädigung nach Abschluss der Arbeiten vor“, heißt es da. Ansonsten, klagen die Mieter, gebe es kaum einmal eine Reaktion auf Beschwerden. „Wie die Leute hier behandelt werden, ist ein schlechter Witz“, sagt Schweikart. Angesichts von Lärm und Dreck flüchte tagsüber, „wer immer das kann“.

Unternehmen entschuldigt sich

„Grundsätzlich war ein anderer und schnellerer Bauablauf geplant“, sagt eine Vonovia-Sprecherin. Deshalb habe es zum Beispiel die Aufforderung gegeben, die Balkone bereits im Sommer zu räumen. Man entschuldige sich für die Verzögerungen und Unannehmlichkeiten. Das Unternehmen, das mit der Montage der Fenster begonnen habe, arbeite nicht mehr für Vonovia. Es habe gedauert, eine neue Firma zu finden. Die arbeite jetzt seit Kurzem „mit Hochdruck“ die Rückstände auf. Man habe von den Mietern die Rückmeldung, dass alles reibungslos laufe. Fehlende oder nicht gedämmte Fenster seien „Einzelfälle“.

Das beschwichtigt viele Mieter nicht. Der Unmut ist inzwischen so groß, dass eine Mieterinitiative am nächsten Donnerstag zu einer stadtweiten Protestaktion aufruft. Treffpunkt ist zunächst um 15.30 Uhr vor dem Vonovia-Regionalbüro in der Katharinenstraße 22. Danach ist geplant, um 16.30 Uhr vors Rathaus weiterzuziehen.

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