Eigentlich ist Rosemarie Ilg nur als Vertretung an die evangelische Versöhnungskirche in Leonberg gekommen, nun findet hier ihre Investitur statt.
Für Pfarrerin Rosemarie Ilg ist der Gottesdienst am kommenden Sonntag in der Versöhnungskirche im Ramtel etwas Besonderes. Nicht nur, weil es ein Erntedankgottesdienst ist, für sie ist es auch ein Tag der Ernte für anderthalb Jahre segensreiches Wirken in der Kirchengemeinde Leonberg-Nord. Am Sonntag findet nämlich auch ihre Investitur als Pfarrerin dieser Kirchengemeinde statt.
Dabei war sie eigentlich nicht gekommen um zu bleiben, weil nach der ursprünglichen Planung wäre sie inzwischen schon wieder weg. Denn ihr Vertretungsauftrag, den sie hier wahrgenommen hatte, ist am 23. August 2023 ausgelaufen. Sie hatte in Leonberg die elternzeitbedingt um 50 Prozent reduzierte Pfarrstelle von Elisabeth Nitschke inne. Doch im Sommer konnte sich Pfarrerin Ilg auf eine sogenannte ständige Pfarrstelle bewerben. Pfarrerin Elisabeth Nitschke erklärte gegenüber dem Oberkirchenrat, dass sie ihren Dienstumfang in Leonberg weiterhin auf 50 Prozent begrenzen möchte. Und scheinbar hat es Ilg in Leonberg gut gefallen. Deshalb neu gedacht: Die halbe Pfarrstelle, die sie als Vertreterin innehatte, konnte sie sich auch weiterhin vorstellen – und hätte sie auch gern auf Dauer.
Einstimmig gewählt
Und der Leonberger Gemeinde gefiel ihre Arbeit wohl auch, denn der Kirchengemeinderat, der dafür mit Vertretern aus Bezirk und Gesamtkirchengemeinde ergänzt worden war, hat sie einstimmig gewählt.
Das ist dem Gremium offenbar nicht schwergefallen, denn es hat Rosemarie Ilg als engagierte, kompetente und einfühlsame Pfarrerin kennengelernt. Seit sie hier aktiv ist, hat sie lebensnahe Predigten gehalten, Konfirmandinnen und Konfirmanden begeistert, den Krabbelgottesdienst samt seiner Gemeinde aufgebaut. Sie hat die Schulgottesdienste neu etabliert und ihre seelsorgerischen Aufgaben wahrgenommen. Zu ihren Spezialitäten gehört das „Godly Play“ – eine schon mehrfach eingesetzte Erzähltechnik biblischer Geschichten, praktiziert zum Beispiel mit Gruppen des benachbarten evangelischen Wichernkindergartens. Ein weiterer ihrer Schwerpunkte ist die Projektpartnerschaft mit der Behinderteneinrichtung „Atrio“.
Die Psychologie fasziniert sie
Die gebürtige Böblingerin, die mit ihrem Mann und den beiden jüngsten Töchtern in Sindelfingen lebt, bringt als Mutter von vier zum Teil erwachsenen Töchtern mit ihrem zweiten Studienfach Psychologie und ihrem Bezug zur Inklusionsarbeit auch neue Ressourcen und Kompetenzen mit, die in ihr Tun einfließen. In dieser Konstellation werden nun gleich zwei Pfarrerinnen das Leo-Nord-Team komplett machen. Was allerdings die nächsten „Pfarrpläne“ an Überlegungen und Einsparungen nötig machen, ist jetzt erst mal Zukunftsmusik.
Obwohl die 51-jährige Seelsorgerin Rosemarie Ilg ursprünglich mit Medizin liebäugelte, weil vor allem die Psychologie sie faszinierte, hat sie sich doch für das Theologiestudium entschieden. Und weil die Psychologie sie nicht losgelassen hat, hat sie auch dieses Fach studiert. Stationen ihres Studiums waren Heidelberg, Tübingen und das schottische Edinburgh. Da war zum einen der Reiz der englischen Sprache, aber auch Einblicke in die anglikanische Kirche zu erlangen, interessierte sie brennend.
Die Kirche muss sich öffnen
Angetreten war Pfarrerin Rosemarie Ilg in Leonberg Anfang 2022 mit der Überzeugung „Kirche ist etwas Lebendiges, nichts Verstaubtes“ und das wollte sie kommunizieren. Davor war sie zwei Jahre im Schuldienst als Religionslehrerin an sonderpädagogischen Schulen in Böblingen tätig gewesen. Diese Stelle hat sie übernommen, weil der Unterricht mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen ein Ausdruck der christlichen Haltung ist - jeder ist in Ordnung, so wie er ist. Deswegen hatte Rosemarie Ilg auch den Religionsunterricht am Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum in Leonberg, der Karl-Georg-Haldenwang-Schule, übernommen.
Ihre Überzeugung: „Die Kirche muss sich öffnen, sie muss zu den Menschen kommen.“ Diese Ansicht teilt Rosemarie Ilg mit ihrem Mann Wolfgang, der ebenfalls Pfarrer ist und zudem als Professor an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg unterrichtet. Wenn Berufung und Familie der Pfarrerin Zeit lassen, ist sie gerne kreativ. Ausgefallene Dekorationen, Betongießen, Töpfern, Holzarbeiten – sie experimentiert leidenschaftlich gerne. Wenn das Priester-Ehepaar mal eine Auszeit zu zweit genießen will, unternimmt es ausgedehnte Touren auf ihren E-Bikes, denn vier Töchter im Alter von elf bis 21 Jahren können anstrengend sein, verrät die stolze Mutter.