Eine Konditorin und ein Obstkundler tun sich zusammen. Über die Erzeugnisse wollen Franziska Weiler und Matthias Braun erreichen, dass die Menschen alte Obstsorten (wieder) wertschätzen.
Er hat es schon wieder getan. Matthias Braun, der sich seit mehr als 20 Jahren für die Erhaltung alter und historischer Obstsorten einsetzt, schwerpunktmäßig für Äpfel und Birnen im Strohgäu, hat weitere Lebensmittel gefunden, die künftig mit „seinem“ heißgeliebten Streuobst verfeinert werden. Nachdem bereits die Hemminger Metzgerei Bäuerle-Schäufelin Salami mit heimischen Obstbränden veredelt und erfolgreich verkauft, wendet sich der 56-Jährige jetzt auch dem süßen Bereich zu: Er arbeitet nun mit der Wimsheimer Konditorin Franziska Weiler zusammen. Die 27-Jährige führt in der Gemeinde im Enzkreis die Patisserie Süßstoff. Der Obstkundler lacht. „Ich konnte den Streuobst-Virus auch hier positiv weitergeben.“ Was ihn nicht wundere. „Ich lebe das schließlich.“
Die Großeltern hatten im bayerischen Wald eine Streuobstwiese mit alten Sorten. Da begann die Liebe, die in der Jugend ins Hintertreffen geriet. Als Matthias Braun 1991 nach Hemmingen zog, sagte er nicht Nein, als die Verwaltung von seinem Interesse erfuhr und ihm Bäume zum Ernten zuteilte. Mittlerweile lebt der Streuobst-Enthusiast in Weissach, was seiner Leidenschaft keinen Abbruch tut. Die vielen Ideen für Projekte kämen ihm vor allem am frühen Morgen in den Sinn, beim Duschen, beim Zähneputzen.
Konditorin mit ungewöhnlichen Kreationen
Vor wenigen Tagen hat Matthias Braun Streuobst, Säfte und Obstbrände nach Wimsheim gebracht. Franziska Weiler setzt auf regionale Zutaten und überlegt nun, wie sie die Produkte am besten verarbeitet in Törtchen und Ragouts, Fruchtgummis und Marshmallows, Macarons und Pralinen. Beim jüngsten Treffen entstanden Test-Marshmallows verfeinert mit Gewürzluiken-Apfelsaft. „Matthias Braun hat uns gefunden. Wir passen unter einen Deckel“, erzählt die Konditorin, die, wie sie sagt, schon immer naturverbunden sei. Und deren Gedanken losgesprudelt seien, als Matthias Braun mit seiner Idee anklopfte. „Er reißt einen total mit und steckt einen mit seiner Freude an“, sagt Franziska Weiler. Die 27-Jährige ist bekannt für ungewöhnliche Kreationen; in ihren Törtchen stecken auch mal Blumenkohl oder Fenchel.
Franziska Weiler und Matthias Braun wollen über die Erzeugnisse erreichen, dass die Menschen alte Obstsorten wieder mehr wertschätzen. Sie planen in der Patisserie gemeinsame Veranstaltungen, wie Tastings. Sie verköstigt die Gäste, er informiert über Hintergründe und Historie. „Wir nehmen die Menschen mit auf eine Reise“, verkündet Franziska Weiler.
Der Luikenapfel zum Beispiel war vor mehr als 150 Jahren in Württemberg weit verbreitet. Rund ein Viertel aller Apfelsorten waren Luiken, die als wesentlicher Bestandteil der schwäbischen Mostkulturgeschichte gelten. Heute ist die Luike selten und alt – und Matthias Brauns „Herzblutapfel“. Der von ihm angestoßene Luikensorten-Erhaltungsgarten in Hemmingen soll die Sorte wieder in den Fokus rücken, sie vor der Vergessenheit und dem Aussterben bewahren.
Luiken-Salami stellt die Hemminger Metzgerei Bäuerle-Schäufelin noch dieses Jahr her. Jeden Monat kommt ein anderer Schnaps in die Wurst. Gleich drei mit Streuobstdestillat verfeinerte Salamisorten haben voriges Jahr in Stuttgart auf der Süffa, der Fachmesse für die Fleischbranche, eine Goldmedaille erhalten – und damit den Goldpokal. „Das passiert nicht so oft und ist ein toller Erfolg für unser Heimat-Salami-Projekt“, meint Matthias Braun. Die Metzgerei habe zudem lediglich drei Sorten Wurst präsentiert.
Giganten, wie sie im Strohgäu stehen
Seit geraumer Zeit blicken Wissenschaftler von der Weinsberger Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau ins Strohgäu. Wegen des Klimawandels widmen sich die Experten in Hemmingen besonders den sehr spät blühenden und daher gut gegen Spätfröste geeigneten Luikentypen. Das Ziel ist es, robustere Apfelsorten zu züchten, die Frost besser vertragen. Im Südwesten gibt es immer weniger Streuobstwiesen. Umso wichtiger ist der Erhalt des Bestands.
So zögerte Matthias Braun nicht, sich über den Verein Hochstamm Deutschland in einer Arbeitsgruppe zu engagieren, die sich mit den Streuobstbäumen der Zukunft beschäftigt. Es geht darum, Obst-Unterlagen zu finden, die Krankheiten, Schädlingen und immer längeren Trocken- und Hitzeperioden besser trotzen als viele jetzige Sorten. Der Schlüssel könnten starke Streuobst-Methusalembäume sein; die Entwicklung neuer Unterlagen aus „uralten Kracherbäumen“, wie Matthias Braun sie nennt. Giganten, wie sie im Strohgäu stehen.
Projektteilnahme kommt einem Ritterschlag gleich
Anfang 2024 hätten er und ein Team acht verschiedene Methusalembäume – unter anderem den 120 Jahre alten Blauluikenbaum, die Ur-Luike im Sortengarten und einen über 130 Jahre alten Börtlinger Weinapfel-Sämlingsbaum – an der Wurzel-DNA untersucht, „mit hochinteressanten Ergebnissen“. Nun würden für neue zukunftsfähige Unterlagen aus den Apfelkernen Bäumchen im Gewächshaus gezogen, um zu sehen, wie resistent und robust sie sind. „Weil die Ur-Bäume selbst ja auch sehr robust und widerstandsfähig dastehen.“ Ob die Bäumchen dann in die Erde kommen oder auf eine Unterlage, müsse man ausprobieren. Parallel wurden im Landesobstgut in Heuchlingen Beete aus Trestern von der Saftgewinnung aus den Äpfeln der alten Bäume angelegt.
Das Projekt geht über fünf bis zehn Jahre. „Es ist eine Art Ritterschlag, dass wir teilnehmen dürfen – und extrem spannend, bei der Entwicklung der Zukunft des Streuobsts dabei sein zu dürfen“, meint Matthias Braun stolz. Er hat mehr als 20 Jahre Vorarbeit geleistet. Die zahlt sich aus.
Umtriebig auch andernorts
Die Macher
Mit dem Landschaftsgärtner Eric Raasch aus Hemmingen hat Matthias Braun im Jahr 2018 das ziemlich erfolgreiche und in Forscherkreisen gefragte Projekt Sortenerhalt Hemmingen ins Leben gerufen. Die beiden verbringen viel Zeit damit, unbekannte Sorten an uralten Bäumen zu bestimmen und neu zu entdecken, geeignete Reiser zur Veredelung auf einer Hochstammunterlage zu gewinnen, Sorten für die Erhaltung neu zu pflanzen – auch auf dem Hauwiesle am Viehweg, wo sie ein Kompetenzzentrum inklusive kleiner Baumschule schaffen – und ihr Wissen weiterzugeben. Die Erzeugnisse verkaufen sie an immer mehr Orten, unter anderem in der Bücherei. Neu hinzu kommt der Weltladen.
Der Garten
Im März 2021 startete ein Gemeinschaftsprojekt mit der Gemeinde Hemmingen: Zwischen dem Wengertweg und der Bahnlinie am Ortsausgang in Richtung Schwieberdingen entsteht um einen rund 100 Jahre alten Apfelbaum – eine sortenreine Ur-Luike und in der Region eine Rarität – ein ganzer Garten. Der Luikensortengarten wächst und gedeiht und öffnet im November. Bis dahin stehen dort auch Schilder. Zeitgleich soll im Rathaus eine Ausstellung mit Werken der Heidelberger Botanikmalerin Brigitte Hofherr beginnen.