Orgasmen? Echt? Peyton Kennedy und Jahi Di’Allo Winston in „Everything sucks!“ Foto: Scott Patrick Green/Netflix

Knuddelige Nerds, Retro-Charme und Highschool-Liebe: die Netflix-Serie „Everything sucks!“ erinnert mehr an „Freaks and Geeks“ als an „Stranger Things“. Sie hat aber auf jeden Fall das Zeug zum Hit.

Stuttgart - Das also waren die 1990er? Die Kids tragen karierte Flanellhemden und ausgebeulte Jeans, diskutieren in der Schulkantine darüber, ob Alanis Morissette wirklich weiß, was Ironie ist, und ob der dritte Song auf dem zweiten Oasis-Album was taugt, und die Theater-AG probt statt Shakespeares „Romeo und Julia“ eine Grunge-Version von Tschechows „Onkel Wanja“. Die Coming-of-Age-Serie „Everything sucks!“ reist zurück in die 1990er Jahre, um dafür zu sorgen, dass Netflix vermehrt nicht nur als das Zuhause von Serienjunkies wird, sondern sich auch als Familiensender etabliert. Serien, bei denen man Jugendlichen beim Erwachsenwerden zuschauen kann, haben sich bei dem kalifornischen Streamingdienst ja zuletzt einige angesammelt: neben „Stranger Things“ hat er derzeit etwa „Atypical“, „Riverdale“, „Tote Mädchen lügen nicht“ und seit kurzem auch die morbide britische Produktion „The End of the fucking World“ im Programm.

Willkommen in Boring, Oregon!

Die Helden von „Everything sucks!“ heißen Luke (Jahi Di’Allo Winston), McQuaid (Rio Mangini) und Tyler (Quinn Liebling). Ihre Geschichte beginnt im Sommer 1996 an ihrem ersten Schultag an der Highschool der Kleinstadt Boring in Oregon, deren Bewohner es gar nicht komisch finden, wenn man blöde Witze über den langweiligen Ortsnamen macht. Da die drei Jungs echte Nerds sind, ist es nur konsequent, dass sie an ihrem ersten Schultag gleich dem AV-Club, der Videoabteilung der Schule, beitreten. Eigentlich hoffen sie aber, dass sie auf der Highschool endlich lernen, das große Mysterium namens Mädchen zu verstehen, und Luke verliebt sich prompt in die Zehntklässlerin Kate (Peyton Kennedy). Aber es gibt zwei Probleme: Zum einen ist sie die Tochter des Schuldirektors, zum anderen interessiert sie sich ein bisschen zu sehr für die Nacktfotos in dem Schmuddelheft, das Lukes Vater in der Garage versteckt hat.

Überdrehte Ideen und subversiver Ton

Zwar erinnern Luke, McQuaid und Tyler sehr an die Nerds aus „Stranger Things“ . „Everything sucks!“ ist aber nicht einfach nur „Stranger Things“ ohne Monster, kein Abklatsch der Erfolgsserie, der statt den achtziger Jahren nun die neunziger Jahre zeitgeistmäßig ausschlachtet. Dazu erzählen Ben York Jones und Michael Mohan viel zu einfühlsam, spielen viel zu virtuos mit den bekannten Versatzstücken aus Highschool- und Nerd-Komödien und haben viel zu viel Freude daran, die Story immer wieder mit überdrehten Ideen und einem subversiven Ton anzureichern.

Zwischen „Freaks and Geeks“ und „Raus aus Amal“

Und neben „Stranger Things“ hat „Everything sucks!“ noch viele andere Vorbilder. Zum Beispiel Lukas Moodyssons Jugendfilm „Raus aus Amal“ (1998), vor allem aber die grandiose Serie „Freaks and Geeks“ (1999-2000) . Dass es die unerhört witzige, schlaue und mit viel 80s-Schick aufgehübschte Coming-of-Age-Serie von Judd Apatow („Girls“, „Dating Queen“) nur auf zwei Staffeln und insgesamt 18 Episoden gebracht hat, ist eine der großen Gemeinheiten der Fernsehgeschichte. Aber vielleicht bekommt sie ja dank „Everything sucks!“ endlich die Aufmerksamkeit, die sie eigentlich verdient.

Die erste Staffel von „Everything sucks!“ ist bei Netflix verfügbar.

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