Eine Impfung gegen Mpox (Affenpocken) wird bisher nur Risikopersonen empfohlen. Foto: dpa/Sven Hoppe

Die WHO schlägt wegen einer neuen Variante von Mpox (Affenpocken), die vor allem in Zentralafrika auftritt, Alarm. Bedarf es nun auch in Baden-Württemberg und der Region Stuttgart einer höheren Aufmerksamkeit?

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat gerade eine „Gesundheitliche Notlage internationaler Reichweite“ und somit ihre höchste Alarmstufe ausgerufen. Nun ist der erste Fall der neuen Variante von Mpox (Affenpocken) in Schweden aufgetreten. Nach Ansicht von Experten ist es nur eine Frage der Zeit, bis erste Fälle dieser Virus-Variante (die sogenannte Klade Ib) auch in Deutschland nachgewiesen werden. Bedarf es somit in Baden-Württemberg und der Region Stuttgart einer höheren Aufmerksamkeit?

 

Wie ist die Gefahrenlage bei Mpox?

„Ich hatte schon länger damit gerechnet, dass Mpox – nach den vielen Fällen im Jahr 2022 – nun wieder Europa erreicht“, sagt Peter Kremsner, der Direktor des Instituts für Tropenmedizin, Reisemedizin und Humanparasitologie am Uniklinikum Tübingen auf Anfrage unserer Zeitung. Er rechne in den kommenden Wochen mit weiteren Fällen in Europa und auch in Deutschland. Mark Dominik Alscher, medizinischer Geschäftsführer des Robert-Bosch-Krankenhauses (RBK) in Stuttgart, sieht es ähnlich, betont aber: „Ich sehe im Moment kein erhöhtes Risiko für die Bevölkerung und unser Gesundheitssystem.“

In Zentralafrika sei die Gefahr groß, in Europa „sehr, sehr gering“, schränkt auch Kremsner ein: „Ich sehe derzeit keinen Grund zur Sorge.“ Dennoch müsse man das Geschehen weiter intensiv im Blick haben. „Reisende können das Virus mitbringen und weitergeben.“ Ausschließen könne man somit nichts.

Warum schlägt die WHO Alarm?

Dass die WHO eine internationale Notlage ausgerufen hat, hat nach Angaben des Gesundheitsministeriums Baden-Württemberg unter anderem folgenden Hintergrund: So könne die Organisation konkrete Empfehlungen etwa zur Eindämmung der Infektion aussprechen. Andere Experten fügen hinzu, dass damit zudem auf die angespannte Lage in den betroffenen Länder in Zentralafrika aufmerksam gemacht und Hilfe angeschoben werden soll.

Welche Auswirkungen hat das aufs Land?

„Für Baden-Württemberg hat dies bis auf Weiteres keine relevanten Auswirkungen“, teilte das Ministerium auf Anfrage mit. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) unterscheiden sich die Diagnostik, Behandlung und auch die Indikation zur Impfung zwischen Klade I und II bislang nicht. Dies gelte auch für die weiteren Maßnahmen zum Infektionsschutz. „Das Landesgesundheitsamt beobachtet die Situation aber weiter sehr genau und passt seine Empfehlungen bei Bedarf an“, so das Gesundheitsministerium.

Wie sieht es im Ausland aus?

In anderen Ländern werden bereits Vorkehrungen getroffen. Großbritannien etwa baut weitere Testkapazitäten auf, die schnelle Nachweise für alle Arztpraxen ermöglichen sollen. Pakistan und China wiederum kontrollieren schon an den Grenzen: Flugreisende, die aus den betroffenen Ländern einreisen wollen, müssen sich unter Umständen medizinisch untersuchen lassen. Als betroffenes Land gilt unter anderem die Demokratische Republik Kongo. Von dort habe sich das Virus auf benachbarte Staaten ausgebreitet, sagen Experten.

Wie viele Mpox-Fälle gibt es in Baden-Württemberg?

In Deutschland wurden seit Mai 2022 nur Infektionen mit Klade II festgestellt: „Bislang gibt es keine gemeldeten Fälle mit Klade I, sprich der neuen Mpox-Virusvariante“, teilt das Landesgesundheitsministerium mit. „Mit Datenstand 16.08.2024, 9 Uhr, wurden dem Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg 176 Mpox Fälle (Klade II) übermittelt“, heißt es weiter. Es habe keine Todesfälle gegeben.

Die weit überwiegende Anzahl der Fälle stamme aus dem Jahr 2022, als in Deutschland erstmals Fälle gemeldet wurden und insgesamt etwa 3800 Menschen erkrankten – allerdings an der weniger infektiösen Untergruppe II. „Damals fand das Virus vor allem über Sexpartys seinen Weg aus Afrika nach Europa“, erklärt der Tübinger Mediziner Kremsner. Durch Impfung und Verhaltensänderungen habe die Verbreitung des Affenpocken weitgehend eingedämmt werden können, so das Ministerium.

Droht eine Epidemie?

Mark Dominik Alscher sieht keine Gefahr, dass nun eine Epidemie bevorsteht: „Affenpocken werden zum Glück nur bei recht intensivem Kontakt mit einem Infizierten übertragen – und nicht über die Luft.“ In der Regel geschehe dies über Körperflüssigkeiten, meist beim Geschlechtsverkehr. Auch das RKI erklärt, es gehe derzeit nicht von einer erhöhten Gefährdung aus. Man sei aber wachsam.

Wer gehört zur Risikogruppe?

Derzeit zählen Männer, die ungeschützten Sex mit Männern haben und häufig die Partner wechseln, sowie Mitarbeitende in Speziallaboratorien, die mit infektiösen Laborproben arbeiten, zu den Risikogruppen. „Inzwischen würde ich das aber auf alle Menschen ausdehnen, die ungeschützten Sex haben. Aber auch Menschen, die engen Kontakt zu Infizierten haben, sind durch Schmierinfektionen gefährdet“, sagt Kremsner. Der Stuttgarter Mediziner Alscher fügt hinzu, dass zudem immungeschwächte Menschen aufpassen sollten.

Wem wird eine Impfung empfohlen?

„Man geht Stand jetzt davon aus, dass die verfügbaren Impfstoffe auch gegen Klade I wirksam sind“, sagt Kremsner. Er rate Menschen, die für längere Zeit in ein Land in Zentralafrika reisen, dazu, sich impfen zu lassen: „Und Menschen, die ungeschützt Sex haben. Was aber generell keine gute Idee ist.“

Wer gegen Pocken geimpft sei, habe – ebenfalls Stand jetzt – bereits einen recht guten Schutz, betonen Kremsner und Alscher: etwa zu 80 bis 85 Prozent. Bis 1976 herrschte im Westen Deutschlands Impfpflicht gegen Pocken, im Osten sogar bis 1982.

Auch die Ständige Impfkommission (Stiko) rät aktuell nur den oben beschriebenen Personengruppen zur Impfung: „Eine Impfung anderer Bevölkerungsgruppen ist, basierend auf der aktuellen Risiko-Nutzen-Bewertung, nicht notwendig und nicht empfohlen“, so das Landesgesundheitsministerium. Darüber hinaus wird eine Impfung als Prophylaxe nach einer Mpox-Exposition empfohlen.

Wo kann man sich impfen lassen?

„Seit dem Sommer 2023 ist der Impfstoff Imvanex für den Pharmagroßhandel bestellbar und damit grundsätzlich für alle Praxen verfügbar“, so das Gesundheitsministerium. Grundsätzlich kann man sich nach Angaben von Experten in jeder Hausarztpraxis ein Rezept ausstellen lassen, damit in der Apotheke den Impfstoff holen oder diesen bestellen und sich dann in der Praxis impfen lassen.

Allerdings herrscht inzwischen durch den gestiegenen Bedarf eine Knappheit an dem Impfstoff, wie Experten einschränken. Einige Krankenhäuser verfügen aber über Rationen, die in den nächsten Monaten bei Bedarf verimpft werden können.

Was kostet die Impfung?

Die Krankenkassen und die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg hätten sich bereits auf einen Bezugs- und Abrechnungsweg in der Regelversorgung geeinigt, teil das Ministerium mit.

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) heißt es erklärend dazu: „Die Krankenkassen übernehmen nur dann die Kosten für den Impfstoff und die Impfung, wenn eine medizinische oder berufliche Indikation nach Schutzimpfungs-Richtlinie vorliegt.“ Sprich: Wer nicht zu den Risikogruppen oder eine andere Indikation hat, muss die Kosten selbst tragen.

Für die Impfdosis fallen etwa 200 Euro an. Dazu kommt das Honorar des Arztes, das in der Regel bei etwa 10 Euro liegt.