Im Cannstatter Keller: Markus und Melanie Schmitt haben unter der Garage eine Mikrobrauerei. Foto: / Kathrin Haasis

Die Craft Beer-Szene in der Region Stuttgart wächst – und ist gleichzeitig geschrumpft. Markus Schmitt ist mit seinem Cannstatter Keller der jüngste Neuzugang, Daniel Singh der jüngste Braumeister auf Wachstumskurs.

Am Ende hat die Frau den Anfang gemacht. Markus Schmitt hatte schon lange eine Affinität zum Bier. „Aber wie man es als Mann so macht“, sagt er und lacht, „man  redet darüber – und  macht nichts.“ Also schenkte ihm seine Frau ein Selbstbrauset. In der Küche fabrizierte er damit sein erstes Craft-Beer, wurde mit seinem neuen Hobby jedoch schnell in den Keller verbannt. Seither sind zehn Jahre vergangen, und das Bier aus dem Cannstatter Keller gibt es in einigen Supermärkten, Kneipen und übers Internet zu kaufen. Sein Betrieb ist die jüngste Mikrobrauerei in der Region Stuttgart. Der jüngste Braumeister ist vermutlich Daniel Singh, der in Weilheim an der Teck gerade ein altes Bauernhaus zum Schaubrauhaus umbaut. Die Szene wächst nach wie vor und schrumpft gleichzeitig ein bisschen.

 

Ein Hobbyraum fürs Bierbrauen

In sein neues Wohnhaus in Bad Cannstatt plante Markus Schmitt gleich einen Extrakeller unter der Garage ein. Der Elektroinstallateur besuchte einige Braukurse, bildete sich zum Biersommelier aus und experimentierte in seinem Hobbyraum. Er fing klein an, hatte erst 30 Liter im Tank und dann 50. Freunde und Bekannten tranken die Ergebnisse mit Begeisterung, einer bestellte nach einer Verkostung ein Fass für seinen Polterabend. Außerdem bescherte ihm die Coronapandemie mehr Zeit – und eine Krebsdiagnose brachte ihn zum Umdenken. „Er hat lange gemacht, was er muss“, erklärt seine Frau Melanie, „jetzt macht er, was sein Herz will.“ Und sein Herz wollte eine eigene Brauerei neben dem eigentlichen Geschäft für Haustechnik, nachdem der Krebs ausgemerzt war. Seit einem Jahr sind seine Flaschen auf dem Markt. „Es ist nur Bier, im schlimmsten Fall muss man es selbst trinken“, lautete seine Risikoeinschätzung.

Die dritte alternative Biermarke in Stuttgart

In Stuttgart ist der Cannstatter Keller neben Rossknecht und Kraftpaule aktuell die dritte alternative Biermarke neben den Platzhirschen Dinkelacker und Stuttgarter Hofbräu. Zu den alten Hasen unter den Craft-Beer-Brauern in der Region zählt der Weissacher Tälesbräu: Andreas, der in Weihenstephan Brauwesen und Getränketechnologie studierte, und Günter Huber schenkten ihr erstes Bier 2015 aus. Zwei Jahre später startete Hey Joe Brewing in Murrhardt. Die „erste Handwerksbrauerei im Kreis Göppingen“ legte 2020 los, heißt Eremita und ist als einzige biozertifiziert. Die Kraftbierwerkstatt braut seit 2014 bei der Böblinger Schönbuch Braumanufaktur. Aber die Coronapandemie hat auch drei Craft-Beer-Hersteller dahingerafft, weil sie von Veranstaltungen und Gastronomie abhängig sind. Der Stuttgarter Pionier Cast zog noch vom Heusteigviertel nach Feuerbach, bevor die Insolvenz und die Übernahme durch den Rossknecht-Brauer Andreas Rothacker folgten. Sven Fuchs stellte seine 2016 in Stuttgart gegründete Brauerei Lost River Brewing wieder ein, und auch beim Nürtinger Gerstenfux wurde der Hahn zugedreht.

Ein Schaubrauhaus mit Biergarten für Singh Bräu

Daniel Singh „verdichtet“ derweil sein Geschäftsmodell. Der Diplom-Braumeister startete während seines Studiums und lebt seither von seinen 500 Hektolitern im Jahr. „In einem großen Betrieb hat man mehr mit Technik und Management zu tun als mit dem Produkt selbst“, erklärt der 27-Jährige. Auf der Achse bis nach Stuttgart verkauft er sein Singh Bräu in Läden und Lokalen. Statt weiter zu expandieren, konzentriert er sich nun auf die Schaubrauerei, wo es wie in einem Weingut Führungen, Verkostungen und einen Ausschank in Form eines Biergartens geben wird. Etwas Crowdfunding hilft dabei, außerdem ist mit Danilo Paulus ein zweiter Braumeister eingestiegen. Die Eröffnung soll im Herbst sein. Craft-Beer herzustellen sei „ein sehr komplexes Geschäftsmodell“, sagt er. Dazu seien ein Riesenanlagepark und Kenntnis im Vertrieb notwendig.

Das Bier als Hommage an Cannstatt

Über Messen und Mund-zu-Mund-Propaganda befördern Melanie und Markus Schmitt ihren Nebenerwerb. Als Kuckucksbrauer hat sich der 46-Jährige bei Rossknecht eingemietet, denn in seinem Keller ließen sich solche Mengen nicht produzieren. Im ersten Jahr waren es 140 Hektoliter, das Vierfache ist das Ziel. Als „einfach und ehrlich“ beschreibt er sein naturtrübes, ungefiltertes und helles Kellerbier, das im Gegensatz zu anderem Craft-Beer „nicht total abgedreht ist“. Er wolle den Leuten handwerklich gebrautes Bier nahe- und sie weg von der Massenproduktion bringen. Ein fruchtiges Leichtbier, eine alkoholfreie Variante, ein Radler mit Apfelsaft und ein mit den Fellbacher Weingärtnern entstandenes Grape Ale zählen zum Sortiment. Die Rezepte dafür entwickelte er in seinem Cannstatter Keller. Für Markus Schmitt ist seine Marke „eine Hommage an sein Städtle“, erklärt seine Frau Melanie: „Er ist ein gebürtiger und stolzer Cannstatter durch und durch.“