Gionatan Curia aus Steinheim (Kreis Ludwigsburg) brauchte dringend eine neue Lunge. Bei der Transplantation versagten zwei Organe. Was dann passierte, konnte sich niemand erklären.
Der schmale Lifter im Treppenhaus hat schon ein bisschen Staub angesetzt. Gionatan Curia kann die Stufen inzwischen wieder mühelos selbst hinauf- und hinabspazieren, braucht keine Hilfsmittel mehr. Das wäre vor zwei Jahren noch völlig undenkbar gewesen. Die Lunge des jungen Mannes stand vor dem Kollaps. Jede winzige Bewegung war ein Kraftakt. Dass der 28-Jährige nun so fit wie lange nicht mehr ist, verdankt er einer Transplantation – und einem besonders wohlmeinenden Schutzengel. Denn Curia sprang dem Tod in den vergangenen Monaten gleich zweimal von der Schippe.
Die Krankenakte des Steinheimers dürfte mittlerweile mehrere Ordner umfassen. Die ersten Seiten haben die Mediziner bei ihm bereits im Säuglingsalter anlegen müssen. Curia kam mit einem äußerst seltenen Immundefekt zur Welt. In ganz Deutschland sei er der Einzige gewesen, der an dieser Knochenmarkserkrankung gelitten habe, sagt er. Er musste bereits als Kind vier Stammzellübertragungen über sich ergehen lassen. Dann war die Krankheit besiegt. Doch dafür musste er einen hohen Preis zahlen.
Das Transplantat reagierte, und zwar auf fiese Art und Weise. Normalerweise bekomme man in solchen Fällen einen harmlosen Hautausschlag, erklärt Gionatan Curia. Bei ihm sei die Lunge angegriffen worden. „Sie hat sich entzündet. Es wurde ganz langsam schlechter. Mit 20 Jahren war es so weit, dass ich immer kurzatmiger wurde und nicht mehr machen konnte, was ich wollte. Ein Einkaufsbummel war zum Beispiel nicht mehr möglich“, erzählt der junge Mann. Ende 2022 spitzte sich die Lage zu. Die Stimme wurde dünner. Er konnte kaum noch die Wohnung verlassen, war auf ein Sauerstoffgerät angewiesen.
Irgendwann konnte er sich nur noch mit Mühe wachhalten. Sogar im Stehen schlief er oft ein. „Ich dachte, es geht zu Ende. Ich habe eine halbe Stunde gebraucht, um das Haus zu verlassen. Nach jeder zweiten Stufe musste ich im Treppenhaus eine Pause einlegen. Schließlich lag ich quasi den ganzen Tag nur noch da“, berichtet Curia. Dann der traurige Höhepunkt am 28. August 2023: Er nickte im Gespräch mit seiner Mutter mehrfach ein. Die Lunge war kollabiert.
Gionatan Curia wurde in einem Stuttgarter Krankenhaus umgehend an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Nach drei Tagen flog man ihn nach München in eine Spezialklinik, wo ihm eine neue Lunge eingesetzt werden sollte. Es war die letzte Chance, die ihm blieb.
Schon lange hatte der leidgeprüfte Mann auf ein Ersatzorgan spekuliert. Allerdings hatten die Ärzte ihm wenig Hoffnung gemacht. Angesichts seiner Vorgeschichte seien die Aussichten gering, dass er eine Operation überstehen würde, habe man ihm stets klargemacht. Sollte also je ein Spenderorgan frei werden, wäre es eher anderen Patienten mit besseren Voraussetzungen eingepflanzt worden, sagt der 28-Jährige. Aber da war ja noch der Schutzengel, der ihn offenbar wie seinen Augapfel hütet und ihm das erste Mal zur Seite sprang.
Keine Angst vor der OP: „Ich hatte ja nichts zu verlieren“
Curia lag in München drei Monate lang im Koma, unterbrochen nur von wenigen Wachphasen. Nach einer Weile brachte ihm ein Arzt eine Kastanie als Glücksbringer ans Bett, eine Woche später eine zweite. „Soweit ich mich erinnere, kam dann tatsächlich die Nachricht, dass eine Lunge für mich da ist“, berichtet Curia. Diesen 23. Oktober 2023 wird er wahrscheinlich nie vergessen. „Ich war glücklich. Mir kamen die Tränen“, sagt er. Trotz der Risiken hatte er kein schlechtes Gefühl. „Ich hatte ja nichts zu verlieren“, betont Curia. Da konnte er auch noch nicht ahnen, dass er zum zweiten Mal die Hilfe seines Schutzengels brauchen würde.
Noch am selben Tag, an dem er die frohe Botschaft mit dem Spenderorgan erhalten hatte, wurde er in den OP geschoben. „Aber dort ging alles schief, was schiefgehen konnte“, sagt er. Aus Versehen sei die neue Lunge wohl verletzt worden. Im Bauchraum habe sich Blut gesammelt, er habe rund 50 Konserven bekommen, um den Aderlass zu kompensieren. „Die haben das Blut oben eingelassen und im Bauch kam es wieder raus“, veranschaulicht Curia.
Als die Blutung endlich gestillt war, hätten seine Leber und die Niere versagt. „Die Ärzte haben mir nur noch wenige Stunden gegeben. Meine Familie wurde angerufen, dass sie kommen solle, um Abschied von mir nehmen zu können“, sagt er. Als seine Angehörigen schon auf dem Weg waren, geschah Unglaubliches. „Den Ausfall der Niere haben die Ärzte über die Dialyse kompensieren können. Irgendwie hat dann aber auch die Leber wieder angefangen zu arbeiten. Die Ärzte konnten sich das nicht erklären. Sie meinten, das sei ein Wunder“, erklärt Curia. Er war damit über den Berg.
Allerdings stand ihm noch mental eine harte Zeit bevor. Er machte zunächst nur langsam Fortschritte. „Es gab einen Moment, da wollte ich nicht mehr. Meine Muskulatur war am Boden, ich konnte mich nach der langen Zeit im Koma praktisch nicht mehr bewegen“, sagt er. Ein Lichtblick waren dann die ersten Schritte mit dem Rollator. Curia merkte: es geht aufwärts.
Vielleicht wird ein Buch aus seiner Geschichte
Heute fühlt er sich fast wie neugeboren. Er kann kilometerlange Fußmärsche unternehmen und shoppen gehen. Außerdem hat er jetzt mit Maria Salerno auch eine feste Freundin, die viel mit ihm unternimmt und ihm zur Seite steht. „Ich bin happy“, sagt er. Er würde gerne ein Buch über seine Erlebnisse schreiben, sucht dafür einen Ghostwriter. Träume für die Zukunft hat er dennoch keine. „Planen werde ich nichts mehr im Leben. Ich nehme alles spontan, wie es kommt“, sagt er. Wohl wissend, dass Spenderlungen ein relativ begrenztes Haltbarkeitsdatum haben – und er in einigen Jahren wieder einen Schutzengel brauchen könnte.