Vom Hoffnungsträger zum Sorgenkind: Der in Sindelfinger gebaute Mercedes EQS Foto: AFP/Thomas Kienzle

Der Konzern investiert erfreuliche Summen in sein Sindelfinger Werk. Doch das ist an entscheidenden Stellen nicht ausgelastet, analysiert unser Redakteur.

Die Euphorie bei der Grundsteinlegung für die neue Lackiererei im Sindelfinger Mercedes-Werk vergangene Woche hätte kaum größer sein können. Der Grundstein für den knapp eine Milliarde Euro teuren Bau wurde sogleich zum Meilenstein aufgewertet, der Tag als „denkwürdig“ gelobt und Mercedes-Benz in Sindelfingen als richtungsweisend für andere Weltregionen gepriesen.

 

Die weltwirtschaftlichen Verwerfungen dürften dazu beigetragen haben, dass vor allem die Politik bei dem Termin so laut frohlockte. Immerhin hatte US-Präsident Donald Trump dem gesamten Welthandel gerade mit drakonischen Zöllen gedroht, die besonders die exportorientierte Wirtschaft im Südwesten empfindlich träfen.

Die Mercedes-Millionen senden ein wichtiges Signal

Die guten Nachrichten aus Sindelfingen klangen wie Musik in den Ohren: strategische Investition, klares Bekenntnis zum Standort, Halbierung des Ressourcenverbrauchs. In der Tat senden die Mercedes-Millionen ein wichtiges Signal an Stadt, Region und Land. Denn die Angst vor Produktionsverlagerungen ist angesichts der massiven Verwerfungen nicht unbegründet. Das zeigt sich beim Blick auf die Aktivitäten des Konzerns in den Vereinigten Staaten.

In 2024 setzte Mercedes in den USA mit 324 500 Einheiten immerhin neun Prozent mehr Fahrzeuge als im Vorjahr ab. Zugleich gerät der Premiumhersteller in China weiter unter Druck: In der Volksrepublik lag die Zahl der verkauften Modelle mit Stern zwar mit 683 600 Einheiten mehr als doppelt so hoch als im zweitwichtigsten Markt USA – aber die Verkäufe dort gaben um über sieben Prozent nach. Dadurch steigt die relative Bedeutung des US-Markts im Sternenreich. Und der Konzern reagiert bereits.

US-Produktion fährt hoch

So soll die Produktion im US-Werk Tuscaloosa hochgefahren werden, um die Auswirkungen von Trumps Zollpolitik abzufedern. Größtmögliche Flexibilisierung heißt daher das Zauberwort der Mercedes-Manager: Idealerweise produziert der Konzern die Modelle nah an der jeweiligen Nachfrage und umgeht somit die Zollschranken. Schwierig wird es allerdings, wenn die dafür benötigten Teile wiederum importiert werden müssen und ihrerseits Zöllen unterliegen.

Zufahrt zum Mercedes-Werk in Alabama Foto: dpa/Harry Melchert

Bei all dem Frohlocken über die Großinvestition bleiben also eine ganze Reihe von Unwägbarkeiten und Risiken. So ist abseits der großen Bühne zu erfahren, dass die mäßig erfolgreiche Elektrostrategie des Autobauers in Sindelfingen deutlich spürbar ist. Die für ihre Flexibilität gerühmte, hoch modernde Factory 56, in der S-Klasse, Maybach und EQS auf einer Linie laufen, fährt seit Sommer 2024 im Einschichtbetrieb. Grund sei die abgekühlte Nachfrage nach den Luxuslimousinen. Beim EQS brach die Nachfrage 2024 sogar um einen zweistelligen Prozentsatz ein.

Die neue Sindelfinger Sänfte war einst der Hoffnungsträger der Marke und wichtiger Bestandteil der Luxusstrategie von Mercedes. Offenbar fanden sich weltweit viel weniger Käufer als erhofft, die von der traditionsreichen S-Klasse auf deren elektrischen Bruder umsteigen wollten. Ende 2024 stellte Mercedes die modellgepflegte Variante vor, die optisch wieder mehr nach Mercedes aussieht – nicht zuletzt, weil sie wieder einen ikonischen Stern auf der Motorhaube trägt, statt nur im Kühlergrill.

Die in 2024 neu angelaufene E-Klasse allerdings erfreut sich einer deutlich regeren Nachfrage. Das Modell setzt nach wie vor auf einen Verbrenner- oder Hybridantrieb. Das schmeckt den Kunden besser: Limousine und T-Modell sind auf den Straßen im Kreis Böblingen nicht zu übersehen. Das Werk kommt mit der Produktion kaum hinterher: Die E-Klasse fährt im Dreischichtbetrieb. Von diesem Absatz können die Elektro-Benz bisher nur träumen.