Igor Levit Foto: Felix Broede/Sony

In aktuellen Klavier-Aufnahmen zeigen Igor Levit, die Duos Taal/Groethuysen, Grau/Schumacher und imPuls eine neue Lust an der Bearbeitung. Und wer den Schweizer Fabrizio Chiovetta noch nicht kannte, sollte die Begegnung unbedingt nachholen.

Stuttgart - Musik, durch zwei Brillen hindurch betrachtet: In seinem Konzept-Album „Encounter“ (Sony, Doppel-CD) zeigt Igor Levit, wie Ferruccio Busoni Werke von Bach und Brahms bearbeitete und wie Max Reger Brahms’ „Vier ernste Gesänge“ arrangierte. Zu hören sind komplexe Werke, aber keine Zirkusstücke; zu erleben sind Berührungen und Vereinnahmungen, und am Ende münden die Begegnungen, die der CD-Titel verspricht, in Morton Feldmans leisen, meditativen „Palais de Mari“, das einzige Originalwerk des Albums. Der Weg von dem ornamentalen und harmonischen Zuviel bei Busonis Bearbeitung von Bachs Choralvorspielen gewinnt bis hin zu Feldman zunehmend an Innerlichkeit, mündet in Einsamkeit und Konzentration. Die Aufnahme entstand während des ersten Corona-Lockdowns. Levit ist zurzeit so omnipräsent, dass man den Verdacht haben kann, es müsse mehrere Künstler gleichen Namens geben. Wunderbar deshalb, dass er auch anders kann: sperrig und zurückgezogen.

Bearbeitungen präsentieren auch zwei bekannte Klavierduos. Andreas Grau und Götz Schumacher haben Brahms’ Fassung seines Klavierquintetts für zwei Klaviere (op. 34b), Regers Arrangement von Vorspiel und Liebestod aus Wagners „Tristan und Isolde“ und Ravels Transkription dreier Debussy-Nocturnes aufgenommen („Remixed“, Neos/harmonia mundi). Allein Brahms’ zweite Reinkarnation seines ursprünglichen Streichquintetts (das populäre Klavierquintett war die dritte Fassung des Stücks) ist schon eine Offenbarung: Die Pianisten durchleuchten die Musik, man sieht die Knochen der Kunst wie bei einem Röntgenbild, alles wirkt entschlackt und sogar im komplexen Finalsatz ganz klar. Und bei Wagner ist, nimmt man Regers füllende Trillerketten einmal aus, alles Über-Pathetische weg.

Bach-Bearbeitungen mit Yaara Tal und Andreas Groethuysen

Yaara Tal und Andreas Groethuysen bieten die Erstaufnahme der 18 Studien über Bachs „Kunst der Fuge“, die Reinhard Febel 2015 komponierte (Sony), und faszinierend ist dabei vor allem, wie das Duo die Sprödigkeit der Materie überwindet. Kleine Verschiebungen, die wie Nachklänge oder Schattenbilder gespielter Töne wirken, prägen alle 18 Studien, in denen Febel Bachs Strukturen auf den Zahn fühlt: mal nur durch kleine Veränderungen von Rhythmik, Metrik, Klangfarbe und Lautstärkegraden, mal auch durch tosend hereinfahrende Stör-Akkorde. Unter der Schicht des Neuen geht keine originale Note verloren, und Tal/Groethuysen geben das kaum Spielbare mit staunenswerter Leichtigkeit.

Weniger bekannt dürfte vielen das Duo imPuls sein – aber auf ihrer CD „minimal Bach“ (Buzz/H’Art) gelingt es Barbara Bartmann (Klavier) und Sebastian Bartmann (Klavier und Komposition), klangvoll und spielerisch Teile aus den Präludien von Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ (1. Band) zu Minimal Music zu transformieren.

Einzelne Takte oder Phrasen Bachs werden rhythmisch oder melodisch entkernt, in (teils ziemlich raffinierte) Wiederholungsschleifen getrieben, und das Tolle ist, dass das Besondere des Originals dadurch nicht verwaschen, sondern sogar deutlich sichtbar gemacht wird – und das auch noch mit Drive und Sog.

Einfach nur Beethoven, genial genau

Zuletzt noch ein Pianist, der einfach nur Beethoven spielt: extrem genau, hochkonzentriert, mit feiner Anschlagskultur. Der 44-jährige Schweizer Fabrizio Chiovetta hat die späten Sonaten op. 109 bis 111 aufgenommen (Aparte/harmonia mundi) – zerklüftete, schwierige Musik. Allein die Tatsache, dass er trotz allen Detailreichtums bei der Gestaltung von Tempi und Dynamik nie den großen Bogen verliert, macht sein Album besonders. Das ist hoch kultiviertes Klavierspiel ganz Mätzchen und Manierismen – selten und schön.

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