Die James-Simon-Galerie (vorne re.), hinten das Pergamonmuseum Foto: Ute Zscharnt for David Chipperfield Architects

Die James-Simon-Galerie nimmt künftig als zentrales Eingangs- und Servicegebäude die Besucher der Berliner Museumsinsel in Empfang. Das Büro David Chipperfield Architects lässt die Finger von Stahl, Glas und avantgardistischen Formen, sondern besinnt sich auf den klassischen Kanon.

Berlin - Die Akropolis von Marbach, das von einer Pfeilerhalle umgebene Literaturmuseum hoch über dem Neckar, ist hierzulande bekannt. Berlin-Touristen, die dem Pergamonaltar und Nofretete einen Besuch abstatten wollen, werden angesichts des neuen Eingangsbauwerks der Museumsinsel die Handschrift des Architekten David Chipperfield wiedererkennen. An diesem Donnerstag findet die feierliche Schlüsselübergabe statt.

Bauherr ist die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Sie hatte 1993 einen Wettbewerb zur Neuordnung der Museumsinsel ausgeschrieben, in dem es um die Regelung der Zugänglichkeiten und um ein zentrales Eingangsgebäude zur Bewältigung der stetig anwachsenden Besucherströme ging. Gewonnen hatte der italienische Rationalist Giorgio Grassi mit einem nüchtern-freudlosen Entwurf, wie er damals in Berlin Konjunktur hatte. Die Museumsleute hingegen favorisierten, vor allem aus funktionalen Gründen, den viertplatzierten Entwurf von Frank O. Gehry. Dessen skurrile Sandförmchenarchitektur, die mit den klassizistischen Nachbarbauten von Karl Friedrich Schinkel und Friedrich August Stüler nichts anzufangen wusste, fanden wiederum die Denkmalpfleger und die Stadtöffentlichkeit nicht tragbar.

Der Streit endete nach einem zweiten Gutachterverfahren, das der Brite David Chipperfield gewann. Zehn Jahre und 134 Millionen Euro später – es gab enorme Baugrundprobleme und eine Verdoppelung der Baukosten – ist er es, der nach dem grandiosen Wiederaufbau des Neuen Museums (der neuen Heimat der Nofretete) nun die James-Simon-Galerie realisierte. Der Empfangsbau mit Kassen, Garderoben, Shop, Café, Hörsaal ist nach einem kaiserzeitlichen Unternehmer und Kunstmäzen benannt, der die Museen gefördert hatte.

Neue Adresse der Museumsinsel

Es kommt nicht von ungefähr, dass man beim Anblick des vor dem Pergamonmuseum am Kupfergraben aufragenden Gebäudes an die Akropolis und deren Eingangssituation an den Propyläen denkt. Die breite Freitreppe, die Kolonnaden, die Erhabenheit, die steinerne Anmutung des Betons verweisen auf die Antike – in abstrahierter Form natürlich, denn David Chipperfield und sein maßgeblich beteiligter Partner Alexander Schwarz sind nicht als Historisten bekannt. Der hohe, bis auf zwei Panoramafenster geschlossene Ufersockel geht in jenen des Pergamonmuseums über, auf der anderen Seite schließt sich das Pfeilerstakkato der neuen Kolonnaden an Stülers klassizistische Säulengänge an, die das Neue Museum und die Alte Nationalgalerie umrunden.

„Wir haben mehr einen Ort als ein Gebäude geschaffen“, erläutert Chipperfield, und in der Tat spielt die Topografie, die Bildung des Kolonnadenhofs, die Treppenrampe, der tempelartige Aufsatz auf dem Terrassengeschoss eine entscheidende Rolle, sind die Verbindungen zur Umgebung wichtiger als das Erscheinungsbild des Bauwerks, wenngleich das Ensemble an Signifikanz nichts zu wünschen offen lässt: Es bildet eine Adresse, die Adresse der Museumsinsel, und erfüllt damit trefflich seinen Zweck.

Wer also heute die Museen besuchen möchte, kann dies direkt an deren Eingängen tun, er kann demnächst aber auch den zentralen Eingang ansteuern und die breite, einladende Freitreppe der James-Simon-Galerie hinanschreiten. Er findet sich in einem großzügigen Foyer mit Rundumsicht wieder, geht zum Kassentresen und auf gleicher Ebene weiter zum Pergamonmuseum. Zur Linken lockt ein Café mit großartigem Ausblick am Kupfergraben mit Freisitz unter der Kolonnade. Treppab sind Garderoben zu Diensten. Ein Auditorium mit 300 Plätzen auf filzgepolsterten Bänken ist heute im Museumswesen ebenso unverzichtbar wie der geräumige Museumsshop. Auf Ebene null, schon unter Spreewasserspiegelniveau, steht ein 750 Quadratmeter großer Saal für Wechselausstellungen zur Verfügung. Nebenan hängt in einem Durchgang ein schwarzer Baumstamm von der Decke. Es ist einer der Gründungspfähle, die aus dem Spreemorast gezogen wurden und der früher Schinkels Packhof trug, der an dieser Stelle stand. Heute markiert er den Beginn der viel diskutierten „Archäologischen Promenade“, auf der man trockenen Fußes unterirdisch vier andere Museen erreicht. Einige Bereiche des Neubaus werden auch außerhalb der Öffnungszeiten zugänglich sein.

Deutsche Präzision als Markenzeichen

Das Äußere des Gebäudes, das weitgehend aus Fertigteilen montiert wurde, korrespondiert durch seine Materialität farblich mit den Naturstein- und Putzbauten der Museumsinsel. Dem Beton mit 70 Prozent Weißzement sind als Zuschlag Dolomit aus dem Erzgebirge und gelbliche Sande beigegeben. Im Inneren ist kaltgrauer, glatt geschalter Sichtbeton allgegenwärtig. Der Boden ist mit grauem Crailsheimer Muschelkalk belegt. Tresen und Einbauten bestehen aus aseptisch weißem Corian. Kühle Perfektion beherrscht die Räume, alles ist akkurat gefügt, handwerklich perfekt gearbeitet, aber es mangelt etwas an angenehmer Atmosphäre. Man hätte sich zum Beispiel etwas mehr Holzoberflächen gewünscht. Die geradezu deutsche Präzision ist Chipperfields Markenzeichen. Vielleicht auch deshalb ist Berlin als zweiter Bürostandort immer wichtiger geworden.

Schelte wird Chipperfield aushalten können

Auf der Museumsinsel fühlten sich Chipperfield und Schwarz nicht berufen, als zeitgenössische Ergänzung eine demonstrativ neue, gleißende Stahl-Glas-Architektur hinzuzufügen – sie blieben im klassischen Kanon und führten das Schrittmaß von Karl Friedrich Schinkel zu Friedrich August Stühler, zu Ernst-Eberhard von Ihne (Bode-Museum), zu Alfred Messel (Pergamonmuseum) weiter und vermieden einen Riesensatz ins 21. Jahrhundert. Gehrys Versuch, mit seinen heterogenen Baukörpern „die anderen Gebäude zu Objekten kritischer Betrachtung“ zu machen, wie der Architekturpublizist Philipp Meuser formulierte, wozu auch immer das gut sein sollte, ist den Berlinern erspart geblieben. Die Stiftung als Nutzer ist auf Chipperfield eingeschwenkt, dem man ohnehin das großartige, allgemein gepriesene Neue Museum nebenan verdankt. Die Schelte aus jenen Kreisen, die immer nur Neues in avantgardistischer Formensprache gelten lassen, wird Chipperfield aushalten.

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