Die Impfkommission empfiehlt, Kinder zwischen sechs Monaten und vier Jahren nur bei Vorliegen von Risikofaktoren gegen das Coronavirus zu impfen. Eine generelle Notwendigkeit zur Impfung sehen die Experten nicht.
Vor einem Monat hat die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) die Corona-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna auch für Kleinkinder zugelassen. Damit ist eine Impfung der Kleinsten grundsätzlich möglich. Doch ist sie auch sinnvoll? Wir beantworten wichtige Fragen dazu.
Wie begründet die Stiko ihre Entscheidung?
Stiko-Chef Thomas Mertens verweist auf die in aller Regel leichten Corona-Verläufe bei gesunden Kindern und Kleinkindern. „Die Krankheitslast ist in dieser Altersgruppe gering. Schwere Fälle sind sehr selten“. Nur ganz wenige mit Sars-CoV-2 infizierte Kinder müssten ins Krankenhaus, und nur rund zwei Prozent der hospitalisierten Kinder bräuchten eine Intensivbehandlung. Experten führen das unter anderem darauf zurück, dass die angeborene Abwehr von Kindern besser mit Corona zurechtkommt als das reife Immunsystem Erwachsener. Der medizinische Nutzen der Impfung für die Kinder selbst sei daher vergleichsweise gering.
Und wie sieht es mit Langzeitfolgen bei Kindern aus?
„Man kann nicht sagen, dass Kinder generell keine Langzeitsymptome entwickeln“, sagt die Leiterin des Infektionsschutzzentrums der Uniklinik Köln, Clara Lehmann. Aber sie träten seltener auf als bei Erwachsenen. Insgesamt sei das Risiko von Post-Covid bei der Omikron-Variante ohnehin geringer als beim ursprünglichen Coronavirus. Ähnliches gelte für das kindliche Entzündungssyndrom PIMS, sagt der Berliner Kinder- und Jugendarzt Martin Terhardt, der ebenfalls der Stiko angehört. An PIMS sei ein Deutschland kein Kind gestorben: „Die sind alle wieder gesund geworden.“
Welche Rolle spielt der Fremdschutz durch geimpfte Kinder?
Der Schutz besonders gefährdeter Menschen diente lange als Argument für die Impfung von Kindern, die in der Familie oder im Umfeld Kontakt mit Risikogruppen haben. Doch insbesondere seit dem Aufkommen der diversen Omikron-Varianten hat sich gezeigt, dass die Impfstoffe auch Kinder in vielen Fällen nicht vor Infektionen schützen. Zudem können sie die Weitergabe des Virus an andere Menschen oft nicht verhindern. „Die Impfung von Kindern bringt nur wenig zusätzliche Sicherheit für anfällige Menschen in der Umgebung“, sagt Terhardt. Mittlerweile gebe es bessere Schutzmöglichkeiten für Immungeschwächte und andere Risikogruppen – etwa Antikörpertherapien oder zusätzliche Impfungen.
Was empfehlen die Experten für Kleinkinder mit Vorerkrankungen?
Die Stiko empfiehlt die Impfung für Kleinkinder zwischen sechs Monaten und vier Jahren, bei denen Risikofaktoren vorliegen. Als Beispiele nennt Terhardt chronische Erkrankungen von Lunge, Herz oder Nieren. Hinzu kämen einige neurologische Erkrankungen, Tumorerkrankungen sowie Syndromerkrankungen, von denen mehrere Organe betroffen sind – etwa Trisomie 21. Sinnvoll könne die Impfung auch für Kinder sein, die zu früh geboren worden seien. „In dieser Gruppe sind schwere Verläufe etwas häufiger“, so Terhardt. Nach seiner Schätzung gehören rund zehn Prozent der Kinder zwischen sechs Monaten und vier Jahren einer der genannten Risikogruppen an.
Was rät die Stiko für Fünf- bis Elfjährige?
Für gesunde Kinder dieser Altersgruppe empfiehlt die Stiko weiterhin standardmäßig die Impfung mit nur einer Dosis eines mRNA-Impfstoffs. Mindestens 90 Prozent dieser Altersgruppe hätten bereits eine natürliche Infektion überstanden, so Terhardt. In Verbindung mit einer Impfdosis bestehe daher in den meisten Fällen eine gute Basisimmunität, die vor schweren Verläufen schütze.
Wie sieht es mit den Impfrisiken aus?
Für die Altersgruppe von sechs Monaten bis vier Jahre lägen erst wenige Daten vor, sagt Terhardt. „Man konnte in der kurzen Zeit keine großen Studien mit Kleinkindern machen.“ In den USA seien inzwischen zwar rund eine Million Kinder dieser Altersgruppe geimpft worden. Die Verträglichkeit der Vakzine sei demnach gut, doch über das Risiko sehr seltener Komplikationen könne man auf dieser Basis noch nichts sagen. Nach den bisher vorliegenden Daten könne man den Impfstoffen aber vertrauen. Die bei 12- bis 18-Jährigen teilweise etwas häufiger beobachteten Herzmuskelentzündungen spielten bereits in der darunter liegenden Altersgruppe der Fünf- bis Elfjährigen keine nennenswerte Rolle.
Kann man sein Kleinkind auch ohne Stiko-Empfehlung impfen lassen?
Sobald ein Impfstoff von der EMA zugelassen sei, könne er auch in Deutschland eingesetzt werden, sagt Terhardt: „Wenn Eltern die Impfung möchten, gibt es für einen Arzt aus juristischer Sicht keinen Grund, Nein zu sagen.“
Impfungen für Kinder und Kleinkinder
Dosierung
Kleinkinder sollen bei Biontech drei Impfstoffgaben mit einer reduzierten Dosis von je drei Mikrogramm erhalten. Die zweite Dosis soll drei Wochen nach der ersten und die dritte mindestens acht Wochen nach der zweiten folgen. Bei Moderna sind es zwei Dosen à 25 Mikrogramm im vierwöchigen Abstand.
Erfahrungen
Am Klinikum Stuttgart seien bereits viele Kinder ab fünf Jahren gegen Corona geimpft worden, wie der medizinische Vorstand Jan Steffen Jürgensen berichtet. „Viele Familien, insbesondere mit vorerkrankten Kindern, haben dieses Angebot dankend angenommen.“ Eine Impfung von Kleinkindern gegen das Coronavirus komme insbesondere bei Vorliegen von Risikofaktoren wie etwa Krebserkrankungen infrage. „Ein großer Anteil der Kinder dürfte ohnehin inzwischen mit dem Coronavirus in Kontakt gekommen sein“, so Jürgensen. Bei ihnen bestehe daher in aller Regel bereits eine hohe Grundimmunität.