Stuttgart 21 wird sichtbar. Erstmals wird ein Bau fertig und nutzbar, der mit dem Bahnprojekt zu tun hat. Die Stadtbahnen können nun an der neuen Haltestelle Staatsgalerie verkehren.
Stuttgart - Die neue Stadtbahnhaltestelle Staatsgalerie liegt mitten in der Großbaustelle des Stuttgarter Tiefbahnhofs. Doch obwohl dessen Fertigstellung noch fünf Jahre entfernt ist, gibt die Inbetriebnahme am Samstag bereits eine konkrete Vorahnung auf S 21. Trägt die Station doch die unverkennbare Handschrift ihres Architekten Christoph Ingenhoven, der auch den Tiefbahnhof entworfen hat. Ausgeführt haben den Bau die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB), begonnen hatte man mit den Arbeiten im Jahr 2014. Am Freitag zeigte sich der 60-jährige Düsseldorfer im Rahmen einer Pressekonferenz dann auch erleichtert darüber, dem Großprojekt einen Schritt näher gekommen zu sein.
Haltestelle musste verlegt werden
„Das zeigt, was S21 einmal sein könnte“, sagte Ingenhoven. Zwar werde die Architektur erst später mit der sie umgebenden Landschaft voll zur Geltung kommen. Doch schon heute sehe man eine offene, transparente und helle Station, die den Fahrgästen eine gute Orientierung biete. Für Ingenhoven stellt die neue Haltestelle weitaus mehr dar als einen zentralen Verkehrsknotenpunkt. Vielmehr werde sie Teil des öffentlichen Lebens, Teil der Stadt werden, ein Aufenthaltsort.
Der Umbau war erst durch das Bahnprojekt nötig geworden. Der neue Verlauf der Gleise des Fernbahnhofs hatte die Verlegung der Haltestelle erfordert. Die Fernbahngleise verlaufen nun unter dem neuen SSB-Tunnel. Dem Planetarium kommt der Umbau auf jeden Fall zugute. Reisende sehen das Gebäude, das in den vergangenen Jahren im Baustellengewirr optisch untergegangen war, vom Bahnsteig aus. Nach Fertigstellung des Tiefbahnhofs ist dieser dann von der Stadtbahnhaltestelle aus über den Südkopf erreichbar. Christoph Ingenhoven hofft, dass die Vorfreude auf Stuttgart 21 durch die Fertigstellung der Staatsgalerie-Haltestelle steige. „Mit jedem Schritt wird sich ein Bewusstsein dafür einstellen, dass hier etwas passiert“, so Ingenhoven. Der Effekt sei bei jedem Bauprojekt zu beobachten. „Bodenaushübe allein schaffen nur schwer Begeisterung“, so der Architekt.
Architekt Ingenhoven übt Kritik
Begeisterung löst bei Ingenhoven auch die Stuttgarter Verwaltung nicht aus. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur hatte er sich vor seinem Besuch in der Landeshauptstadt über mangelnde Kommunikation beklagt und mehr Tempo bei der Planung des direkten Bahnhofsumfelds gefordert. Sorgen bereiten dem Architekten demnach vor allem der Arnulf-Klett-Platz, eine „Verkehrsschneise“, die den Bahnhof von der Innenstadt abtrenne.
Oberbürgermeister Fritz Kuhn ging darauf am Freitag nicht ein. Stattdessen dankte er Ingenhoven für den Entwurf und lobte die Formensprache der Haltestelle, von der er „sehr, sehr begeistert“ sei. Sie antizipiere den Tiefbahnhof und setze sich von der alten, unterirdischen Haltestelle ab, die „angstbesetzt“ gewesen sei, so der OB. Die Öffnung ins Freie binde den öffentlichen Nahverkehr in die Stadt ein. Das werde man nach der Fertigstellung von S21 noch stärker sehen. Mit Blick auf das Großprojekt forderte Kuhn, es nicht auf ein Verkehrsprojekt zu reduzieren, sondern seine städtebauliches Bedeutung zu erkennen.
Große Herausforderung für die Ingenieure
Michael Pradel, Technischer Leiter des Bauabschnitts bei der Projektgesellschaft Stuttgart-Ulm, nannte die neue Haltestelle „die schönste Stuttgarts“. Für das Großprojekt sei es ein besonderer Tag, da der erste Teil der neuen Infrastruktur im Talkessel in Betrieb gehe. Die schmucklose Haltestelle sei Geschichte. Entstanden sei ein „kleiner Bruder“ des Tiefbahnhofs, der allen Anforderungen zeitgemäßen öffentlichen Nahverkehrs erfülle. An die Ausführenden habe das Projekt große ingenieurstechnische Anforderungen gestellt, sagte Pradel, Ingenhoven sei ein „zäher Hund“, was die Umsetzung seiner Entwürfe angehe. Der Vorstandssprecher der SSB, Thomas Moser, bezeichnete die Inbetriebnahme als Meilenstein, den man ohne Zwischenfälle erreicht habe. „Jetzt fehlen der SSB nur noch 370 Meter zwischen Staatsgalerie und Hauptbahnhof“, so Moser. Bis Ende 2023 werde man auch diesen Abschnitt wieder in Betrieb nehmen und damit das komplette Streckennetz wiederherstellen können.
Erster Halt am Samstagmorgen
Bis dahin werden die Züge, die in Richtung Hauptbahnhof fahren oder von dort kommen, über den Charlottenplatz umgeleitet. Damit habe man eine stabile und berechenbare Streckenführung, sagt SSB-Sprecherin Birte Schaper. Der erste planmäßige Halt an der neuen Haltestelle sollte um 4.11 Uhr am Samstagmorgen stattfinden.
Infos für Fahrgäste
Sechs Linien verkehren über die Haltestelle Staatsgalerie: U1, U2, U4, U9, U11 und U14. Weil sie mitten im Baufeld liegt, sind die Zugänge bislang noch provisorisch. Man erreicht die Station über den Wulle-Steg, über zwei neue, ebenerdige Fußgängerüberwege am Gebhard-Müller-Platz, über die Schillerstraße, die Willy-Brandt-Straße sowie über eine barrierefreie Rampe aus dem mittleren Schlossgarten. Kosten Aus dem Finanzierungstopf für Stuttgart 21 wurden 100 Millionen Euro für den Umbau zur Verfügung gestellt. Ausgeführt hat ihn die SSB, unterstützt wurde sie vom Tiefbauamt. Noch ist nicht alles fertig: die Aufzüge sind erst in ein bis zwei Wochen nutzbar, außerdem fehlen noch einige Lampen und Anzeigetafeln. Mit Inbetriebnahme der Aufzüge ist die Haltestelle dann komplett barrierefrei.