Harsche Kritik, Unmut und Verunsicherung: Die erste Auflage des Leistungstests für Viertklässler geht holprig über die Bühne. Was sagen Betroffene zur neuen Grundschulempfehlung?
Kompass 4, der neue Kompetenztest in Mathe und Deutsch an Grundschulen, löst Wirbel aus. Es gibt heftige Kritik, Verunsicherung, da gerade in Mathe viele Viertklässler sehr schlecht abschneiden. Sogar die, die sonst Einser schreiben und die passenden Noten fürs Gymnasium haben.
Mitte Dezember waren zehn Prozent der Ergebnisse ausgewertet. Demnach erreichen in Mathe rund 86 Prozent eine Empfehlung für das grundlegende Niveau (Note 3,13 und darunter), gut acht Prozent eine Empfehlung für das mittlere (Note zwischen 3,0 und 2,56) und nur sechs Prozent für das erweiterte Niveau (ab 2,5 und darüber) – was einer Gymnasialempfehlung entspricht. „Das Kultusministerium geht nach dieser ersten Auswertung nicht davon aus, dass sich noch signifikante Änderungen ergeben“, steht in der damaligen Pressemitteilung weiter.
Eltern halten den Test für überflüssig
Eltern sehen weniger die nun verbindlichere Grundschulempfehlung als vielmehr den Leistungstest als Problem. Sie halten ihn für überflüssig, zumal sie an seiner Aussagekraft zweifeln. Von Momentaufnahme sprechen sie, von unnötigem Druck und Stress. „Die Meinung der Lehrer reicht doch. Sie sind die besten Personen, um die Kinder einzuschätzen, und die Eltern haben Vertrauen, dass sie die Kinder objektiv bewerten“, meint Aurélie Larraud aus Ditzingen. Ihre Tochter Leonie, Gymnasialempfehlung, hat Deutsch und Mathe mit Bravour bestanden. „Sie war nicht nervös. Wir wussten, dass sie es schafft.“
Dennoch sei die Zehnjährige etwas verunsichert gewesen, als die Ergebnisse publik wurden. „Sie unterschätzt sich gern“, sagt Aurélie Larraud und auch, mit dem Gymnasium habe sie hinterher mehr Möglichkeiten. Andere Kinder steckten den Test offenbar weniger gut weg. „Leonie hat erzählt, dass manche Kinder nach Mathe geweint hätten“, so Larraud. Weil der Test so schwer gewesen sei, weil die Zeit nicht gereicht habe.
Gemeinschaftsschule trotz Gymnasialempfehlung?
Die neue Grundschulempfehlung ist nach Larrauds Ansicht sinnvoll. So kämen weniger „Brems-Kinder“ aufs Gymnasium. Generell fände es die 41-Jährige besser, die gemeinsame Zeit in der Grundschule würde länger dauern. „Nach der vierten Klasse sind die Kinder einfach noch nicht reif genug.“
Das sieht Monica Schaller ähnlich. Ginge es nach ihr, gäbe es nur Gesamtschulen. Sie und ihr Mann spielen mit dem Gedanken, ihre Tochter trotz Gymnasialempfehlung auf die Gemeinschaftsschule in Ditzingen zu schicken. Statt Noten erhalten die Kinder zum Beispiel auf sie zugeschnittenen Unterricht auf drei Niveaustufen und nehmen an vielen Projekten teil. „Das wäre voll ihr Ding und Schule, wie sie ihr gefallen würde.“
„Scheitern ist fürs Kind nicht schön“
Einen großen Vorteil sieht die Mutter darin, dass Emily dank eines individuellen Stundenplans keinen Druck hätte. Abitur machen könne die Zehnjährige später immer noch, wenn sie das wolle. „Ihre Lernbereitschaft ist nicht so groß“, berichtet Monica Schaller. Im Elterngespräch habe sie das bestätigt bekommen. Genau das müsste sich aber ändern, da auf dem Gymnasium das Tempo anziehe und viel gefordert werde. „Scheitern ist fürs Kind nicht schön.“
Das Kultusministerium hatte voriges Jahr den Leistungstest vorgeschrieben. Mit der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9) wird befürchtet, dass diese Schulart überrannt wird. Daher ist die Grundschulempfehlung jetzt verbindlicher als bisher: Möchten Eltern ihr Kind aufs Gymnasium schicken, muss entweder auch der Test dafürsprechen oder die Lehrerempfehlung. Diese Verbindlichkeit gilt für die anderen Schularten nicht. Vor der Reform war allein den Eltern die Schulwahl überlassen.
Die Empfehlung schützt Kinder
Matthias Bochert leitet das Ditzinger Gymnasium und befürwortet die neue Grundschulempfehlung. Er findet die Entwicklung des Gymnasiums richtig, sagt er. „Die Empfehlung schützt Kinder, die auf einer anderen Schulart als dem Gymnasium besser aufgehoben sind, vor Überforderung und letztlich vor dem Scheitern“. Mit den neuen Vorgaben hätten die Lehrer die Aufgabe, das Kind auf Basis der Noten ganzheitlich zu beurteilen und dann zu entscheiden, welche Schule am besten zu ihm passt. Der – in der Idee sinnvolle – Test, wie man ihn jetzt vorliegen hat, sei indes wenig hilfreich, obwohl sich Grundschulen massiv unterscheiden würden und manche nicht einmal Noten hätten.
Der Sprecher des Kultusministeriums, Florian Mader, teilt mit, der Kompass-Test sei ein „alternativer Weg zur Gymnasialempfehlung“. „Maßgeblich ist und bleibt die Empfehlung der Schule.“ Kompass 4 könne den Kindern „immer nur zum Vorteil, aber nicht zum Nachteil gereichen“.
Wie geht es an den Gymnasien mit G9 weiter?
Zu Beginn des Schuljahrs 2023/2024 sind 10,4 Prozent der landesweit 41 245 Viertklässler ohne Grundschulempfehlung aufs Gymnasium gegangen. Laut dem Kultusministerium ist in den vergangenen Jahren ein „erheblicher Anteil“ später in eine andere Schulart gewechselt. „Das ist für niemanden eine angenehme Erfahrung.“
Dem stimmt der Gymnasialschulleiter Bochert zu. Er betont, generell sei das Gymnasium nicht die bessere Schulart, „sondern es hat schlicht andere Schwerpunkte und Ziele als die anderen Schularten“. Wie viele Kinder künftig tatsächlich aufs Gymnasium gehen, sei „Kaffeesatzleserei“ und hänge auch von verschiedenen Faktoren ab. Zum Beispiel von der Frage, welche Betreuung die Eltern für ihr Kind möchten. Gemeinschaftsschulen sind Ganztagsschulen, wohingegen Gymnasien allenfalls einen offenen Ganztag bis zur siebten Klasse anböten.
Gewerkschaft fürchtet keinen Ansturm
Die Bildungsgewerkschaft GEW stellte nach einer landesweiten Umfrage unter Lehrkräften fest: Kompass 4 ist gescheitert. Und forderte den Stopp des „übereilt eingeführten“ Verfahrens. „Wir brauchen kein neues Grundschul-Abi, das Kinder und Eltern mit fragwürdigen Inhalten unnötig unter Druck setzt“, meint die Landesvorsitzende Monika Stein. Es gelte, der Beratungskompetenz Tausender pädagogischer Profis in den Grundschulen zu vertrauen. Ohnehin fürchtet die GEW keinen Ansturm auf die Gymnasien. „Aus den Bundesländern, in denen das G9 wieder eingeführt wurde, ist uns nicht bekannt, dass dann dort die Gymnasien ‚überrannt’ wurden“, berichtet der Geschäftsführer Matthias Schneider. In Baden-Württemberg mit den bundesweit am stärksten ausgebauten beruflichen Gymnasien sei damit auch nicht zu rechnen.
Schneider verweist auf die Statistiken: Schon immer wechsle eine große Gruppe von Kindern mit Gymnasialempfehlung auf Realschulen und Gemeinschaftsschulen. Für gewöhnlich sei in ländlichen Regionen diese Quote höher. „Unter anderem, weil dort mitunter der Schulweg zur Realschule oder Gemeinschaftschule kürzer ist.“
Das Land bleibt bei seinen Plänen
Das Land bleibt beim Drei-Säulen-Modell. Der Deutschtest sei „wesentlich besser ausgefallen“, sagt der Ministeriumssprecher. Gerade werde das Gesamtbild evaluiert. Liegen die Ergebnisse vor, analysiere man sie und ziehe gegebenenfalls Konsequenzen. „Dabei werden wir auch noch weitere Faktoren wie die Intensivierung der Förderung im Fach Mathematik sowie die Lehrkräftefortbildung in den Blick nehmen.“
Das steckt hinter dem Potenzialtest
Kinder ohne Gymnasialempfehlung können einen Potenzialtest schreiben. Bestehen sie ihn, ist der Weg fürs Gymnasium frei. „Der Test wird ähnliche Dinge wie der Kompass-Test abfragen und wohl nicht so leicht werden“, glaubt Matthias Bochert. Zudem sollen die Kinder nicht die Möglichkeit haben, gezielt dafür zu üben. Die Gymnasien bekommen die Aufgaben deshalb erst kurz vorher. Aus dem Kultusministerium heißt es hierzu: „Es ist davon auszugehen, dass der Potenzialtest mit einigen Abweichungen grundsätzlich die Empfehlungen der Lehrkräfte in der Klassenkonferenz bestätigt.“
Kinderbetreuung und Schulbildung
Bildungsreform
Abitur nach neun Jahren, ein größerer Fokus auf Sprachförderung in Grundschulen, die verbindliche Empfehlung für das Gymnasium und der Wegfall des Werkrealschulabschlusses: Mit der Bildungsreform hat die Landesregierung ein üppiges Paket geschnürt. Und auch Kitas und Kindergärten stehen angesichts eines großen Fachkräftemangels und steigenden Gebühren vor großen Herausforderungen.
Reihe
Wir fragen nach in der Region: Was machen diese Veränderungen mit Schülern, Eltern, Lehrkräften und Schulleitern?