Der Betrieb der Galileo-Grundschule hat in zwei ersten Klassen begonnen. Foto: Bergmann

Der Klett-Verlag hat mit dem Betrieb einer privaten Grundschule im Stadtzentrum begonnen.

S-Mitte - Ein Schulhof auf dem Dach mit Blick über die Stadt dürfte nicht nur in Stuttgart exklusiv sein. „Früher war das eine Wohnung“, sagt Christina Heinisch. Jetzt ist es das Musikzimmer der Galileo-Grundschule samt Dachterrasse. Der größere Teil des Schulhofs ist auf der anderen Seite des Obergeschosses an der Alexanderstraße. Eine Küche, in der 20 Kinder gleichzeitig ihre eigenen Rezepte erproben können, ist auch keine Selbstverständlichkeit, ebenso wenig wie der frisch verlegte Parkettboden im Speisesaal. Bis an den ersten Schultag heran haben Handwerker gearbeitet, um den einstigen Bürobau zum Schulhaus umzurüsten, das sich über vier Etagen verteilt.

Ihr Auftraggeber war eine Tochterfirma des Klett-Verlags, der seit dem Schuljahresbeginn an der Alexanderstraße seine private Grundschule samt Kindertagesstätte betreibt. Zu der gehören neben acht Klassenzimmern und der Kinderküche ein Theaterraum, eine Werkstatt, ein Atelier, ein Medienraum, eine kleine Turnhalle plus einer angemieteten Sporthalle. Dass Geld nicht die entscheidende Rolle gespielt hat, ist offensichtlich. Heinisch ist für die Öffentlichkeitsarbeit eingestellt. Über Investitionskosten oder das künftige Verhältnis von Einnahmen zu Ausgaben spricht sie ungern, lieber von sozialer Verantwortung. „Ziel ist, dass der Betrieb sich irgendwann amortisiert“, sagt sie. „Milliarden wird man damit sicher nie scheffeln.“ Wie jede Privatschule muss die Galileo-Grundschule mindestens in den ersten drei Jahren ohne staatliche Zuschüsse auskommen. Mindestens ebenso lang wird es bis zum Vollbetrieb dauern. Der Unterricht hat in zwei ersten Klassen begonnen. Die Mehrzahl der Unterrichtszimmer bleibt also vorerst ungenutzt. Und sowohl im Kindergarten als auch in der Schule sind noch Plätze frei.

Die Preise sind im Vergleich zu manch tatsächlich exklusiver Privatschule moderat. Sie staffeln sich nach Einkommen. Die Eltern müssen pro Monat mindestens 90 Euro Schulgeld bezahlen. Ab einem Jahreseinkommen von mehr als 160 000 Euro wird der Höchstsatz von 445 Euro fällig. Ein Kind pro Jahrgang wird vom Schulgeld befreit. Kriterium dafür ist die Bedürftigkeit der Familie. Laut Heinisch „sind alle Einkommensgruppen vertreten, von 12 000 bis 250 000 Euro, wir kommen punktgenau in der Mitte raus“. Allerdings kommen für Betreuung und Verpflegung nach dem Unterricht Pauschalen hinzu. Der endet um 15.30 Uhr. Spätestens um 18 Uhr müssen die Eltern ihre Kinder abholen.

Regeln bestimmt der Nachwuchs selbst, der Lehrplan wird trotzdem erfüllt

Petra Ferrari leitet das Haus. Eine ihrer ersten Amtshandlungen war, die Kinder zu einer Konferenz einzuladen. Der Nachwuchs soll über die Regeln des Zusammenlebens und -lernens selbst bestimmen, zumindest mitbestimmen. Das mag nach einer Rückkehr zur Frühzeit der antiautoritären Erziehung klingen, allerdings „sind Deutsch, Mathematik und auch Englisch Schwerpunkte im Unterricht“, sagt Ferrari. „Wir erfüllen den Lehrplan.“ Das ist nicht in jeder Privatschule selbstverständlich.

Die Grundzüge der Fremdsprache lernen schon die Vorschulkinder. Und selbst bei ihnen liegen Pipetten für Experimente auf einer Kommode. Ihrem Namensgeber gemäß – dem italienischen Universal-Forscher Galileo Galilei – sollen die Kinder ihre Umwelt eher erforschen als erlernen. „Dafür nutzen wir die Zeit, die über die normale Unterrichtszeit hinausgeht“, sagt Ferrari. An einem Tag in der Woche sollen die Kinder ihre Umgebung erkunden, sei es den Wald oder das Stadtzentrum. Das dabei Beobachtete wird auf allerlei Art im Schulhaus weiterverarbeitet, sei es beim Pflanzenzüchten, dem Umgang mit Feuer oder mit physikalischen Experimenten. Eins der ersten, eines der Optik, scheint nicht nur Kinder zu faszinieren. „Bei einem Seminar am Freitag“, sagt Ferrari, „saßen alle Kollegen mit Prismen und Spiegeln da und haben Playmobil-Männchen vervielfältigt“.

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