Der Geschäftsführer der Rems-Murr-Kliniken ist auf eigenen Wunsch von seinen Aufgaben entbunden worden. Die Nachfolge von Marc Nickel tritt zum Monatsende André Mertel an. Im Kreistag gibt es zum Abschied Applaus.
Mit lang anhaltendem Applaus hat der Kreistag am Montagnachmittag in seiner Sitzung in Alfdorf Marc Nickel, den Geschäftsführer der Rems-Murr-Kliniken, verabschiedet. Zuvor hatte das Gremium seinem Wunsch stattgegeben, ihn nach sieben Jahren als Manager der vom Kreis getragenen Krankenhäuser von seinen Aufgaben zu entbinden.
André Mertel übernimmt vorerst
Bereits von Ende des Monats an soll ein Team um den bisherigen Kaufmännischen Leiter André Mertel übernehmen. Der 45-jährige Gesundheitsökonom wird wie Nickel seit 2015 im Rahmen einer Managementvereinbarung von der Bayreuther Beratungsfirma Oberender gestellt. Ob der Vertrag mit der Gesellschaft, der noch bis Ende 2023 läuft, verlängert wird, soll zu einem späteren Zeitpunkt entschieden werden.
Am Vormittag hatten der Landrat und Nickel selbst in einem Pressegespräch noch einmal Hintergründe der Trennung erläutert. Nickel hatte vor allem private Gründe angeführt. Er wolle künftig seiner Rolle als Papa und Ehemann besser gerecht werden, sagte der 48-Jährige. Seine Frau und die gemeinsame dreijährige Tochter leben in München, Nickel kann sie – wenn überhaupt – nur an den Wochenenden sehen.
Doch die berufliche Umorientierung – Nickel wird bei der Oberender AG in der bayerischen Landeshauptstadt andere Aufgaben wahrnehmen – hat noch andere Facetten, das wurde bei dem Pressegespräch deutlich. Nachdem Marc Nickel die durch vorherige Strukturprobleme und den Neubau in Winnenden finanziell stark belasteten Kreiskliniken eigentlich wieder auf einen guten Kurs gebracht hatte, stehen sie durch Corona-Begleiterscheinungen wirtschaftlich wieder stark unter Druck. Weil die „Rückkehr“ der Patienten nicht in dem Maße eingetreten ist, wie erhofft, Land und Bund aber gleichzeitig keine Corona-Ausgleichszahlungen mehr gewähren und Dinge wie die Energiekrise hinzugekommen sind, könnte das Defizit in diesem Jahr von zuletzt 15 wieder auf bis zu 30 Millionen Euro anwachsen.
Projektionsfläche für Unmut der Mitarbeiter
Nickel konnte dem wohl nur entgegen- wirken, indem er von dem durch die Pandemie ohnehin stark belasteten Personal mehr Leistung einforderte, und möglicherweise ist er dabei nicht feinfühlig genug vorgegangen. Das führte zu Spannungen, die letztlich auch eine eigens beauftragte externe Mediation offenkundig nicht hatte lösen können.
Nickel räumt ein, dass er zur Projektionsfläche für den Unmut der Mitarbeiter geworden sei und nun aber „als Teil des Problems auch Teil der Lösung“ sein wolle. Die leitenden Chefärzte der Kliniken, Hans-Joachim Strittmatter (Winnenden) und Christoph Ulmer (Schorndorf), wollten sich auf Nachfrage nicht zu den Ursachen äußern, die letztlich zu dem geführt hatten. Man wolle nun „ein neues Kapitel aufschlagen, eine Medizinkonzeption 2.0 auflegen“, sagte der Chefarzt für Geburtshilfe und Gynäkologie, Hans-Joachim Strittmatter, der selbst erst unlängst seinen Vertrag mit den Rems-Murr-Kliniken verlängert hat.
Ihre Abschiedsworte am Abend im Kreistag hingegen klangen nach Respekt und Anerkennung für die Sanierungsleistung von Nickel, in dessen sieben Jahren die Rems-Murr-Kliniken nicht nur ein Umsatzplus von 100 Millionen Euro und einen Mitarbeiterzuwachs verzeichnen konnten. Nickel habe auch dafür gesorgt, dass der Standort Schorndorf, der wegen hohen Sanierungsbedarfs auf der Kippe stand, erhalten und mit Winnenden gut verzahnt werden konnte, sagte der Chefarzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Christoph Ulmer. Und er habe mit den angedachten Erweiterungen an beiden Standorten die Weichen für die Zukunft gestellt. Christoph Ulmer: „Danke, dass Sie all das auf den Weg gebracht haben.“ Wie Strittmatter aber sagte er auch: „Wir sind sehr froh, dass unser Krankenhaus in kommunaler Trägerschaft ist und nicht die Gewinnmaximierung, sondern die Versorgung im Fokus steht.“
Landrat: Empathie, Austausch und Dialog sind nötig
Der Aufsichtsratsvorsitzende, Landrat Richard Sigel, weiß hingegen, dass die allgemeinen Rahmenbedingungen den Klinikmitarbeitern auch in Zukunft viel abverlangen werden. Und, dass bei allen Bemühungen um Wirtschaftlichkeit in jüngster Zeit „die Menschen ein wenig aus dem Blick geraten sind“. Das soll die neue Führungsmannschaft zusammen mit den Chefärzten nun wieder ändern. Um die anstehenden Aufgaben meistern zu können, so Sigel, brauche es „viel Empathie, Austausch und Dialog“.