Die Fluggesellschaften Lufthansa und Eurowings haben eine neue Route vom Stuttgarter Airport Richtung Süden vorgeschlagen. Foto: imago images//Arnulf Hettrich

Um Gebiete mit vielen Einwohnern in der Region Stuttgart vom Fluglärm zu entlasten, soll es neue Flugrouten geben. Doch nun findet eine Online-Petition Tausende Unterzeichner dagegen – der Protest wächst täglich.

Region Stuttgart - Nun gibt es sogar eine Petition. Und obwohl sie erst am Samstag auf der Plattform Change.org erstellt wurde, haben bis Donnerstagmorgen bereits mehr als 6300 Menschen unterschrieben. Die Idee, dass Piloten eine neue, zusätzliche Flugroute vom Stuttgarter Flughafen aus in den Süden – etwa nach Mallorca – fliegen, treibt die Menschen rund um den Flughafen um. Denn während Christoph Bolay, der Vorsitzende der Fluglärmkommission für den Flughafen Stuttgart, davon ausgeht, dass „90 000 Menschen vom Fluglärm entlastet werden“, fürchten die Menschen in Nürtingen, Neuhausen, Wolfschlugen, Aichtal und in einigen anderen Orten mehr Lärm. Am 2. November soll die Stuttgarter Fluglärmkommission abstimmen und anschließend eine Empfehlung abgeben.

 

„Wir leiden jetzt schon unter dem Fluglärm, wenn die Maschinen von der Rollbahn abheben“, sagt Tim Pakai, der mit seiner Familie in dem neuen Wohngebiet Akademiegärten in Neuhausen auf den Fildern gebaut hat. „Wir sind davon ausgegangen, dass wir keinen Lärmschutz brauchen“, sagt Daniel Capano, der mit seiner Familie auch in Neuhausen lebt. Das sei nun alles anders. Auch Steffen Siegel, Vorsitzender der Schutzgemeinschaft Filder, sieht „viele Unklarheiten“ in der geplanten Flugroutenänderung. Er fordert, die Entscheidung auszusetzen und weitere Untersuchungen zu beauftragen.

Warum soll es eine neue Flugroute geben?

Die Fluggesellschaften Lufthansa und Eurowings haben vier mögliche neue Routen vorgeschlagen, die sich aber nur marginal unterscheiden und alle eine deutlich engere Kurve beinhalten würden. Dadurch hofft man, dass man den Fluglärm über bevölkerungsreichen Gebieten wie Plochingen oder Oberesslingen reduzieren und weniger schädliche Gase in die Luft blasen würde.

Was sagt der Verkehrsminister Hermann?

Eine Flugroute zu finden, bei der niemand von Lärm betroffen ist – das wird nicht klappen. Das betont der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Doch weil sich immer mehr Widerstand gegen die Pläne bildet, soll es nun weitere Gespräche geben. „Bei diesen Terminen wird die Deutsche Flugsicherung das neue Konzept nochmals erläutern.“ Denn der bisherige Vorschlag führe zwar zu Lärmentlastungen für viele, aber auch zu Mehrbelastungen für wenige. „Das Ziel einer Neuregelung sollte eine faire Be- und Entlastung sein.“

Wo wäre es am lautesten?

Die stärkste Lärmbelastung würde innerhalb des Waldgebiets Sauhag liegen. Dieses ist zwar unbebaut, aber ein Landschaftsschutzgebiet, das zur Naherholung genutzt wird. Laut den Berechnungsmodellen gäbe es die maximale Mehrbelastung in Nürtingen-Oberensingen mit einer Erhöhung von 65 Dezibel (A) auf 72 Dezibel (A): Das A bedeutet in diesem Zusammenhang, das nicht allein der Schalldruck in die Bewertung einfließt, sondern auch die Entfernung und die Frequenz. Zugleich würde Ostfildern-Nellingen, das bisher stark durch Fluglärm gekennzeichnet ist, von 81 Dezibel (A) auf 65 Dezibel (A) entlastet.

Warum ist der Ärger so groß?

In Wolfschlugen waren kürzlich knapp 150 Gäste im Gemeinderat – allesamt aus Unsicherheit über die neue Flugroute. „Manche Bürger sind zuvor bewusst aus der Flughafenumgebung weggezogen“, erläutert der Bürgermeister von Wolfschlugen, Matthias Ruckh, den Ärger. Er selbst plädiert dafür, dass zunächst einige widersprüchliche Aussagen geklärt werden sollten, bevor man weiter über die neue Route debattiere: „Bisher spricht man von einem Flugzeug pro Stunde. Aber ich habe auch schon von drei Flugzeugen pro Stunde gehört.“ Zudem gebe es keine belastbaren Zahlen. Das bisherige Rechenmodell berücksichtige beispielsweise nicht die Auswirkungen von Wind – was auch die Schutzgemeinschaft Filder und die Bürgerinitiativen kritisieren. „Ich verstehe nicht, warum die Fluggesellschaften nicht erst einmal einige Probeflüge machen, dass man verlässliche Zahlen hat“, sagt Ruckh.

Was sagen die Befürworter?

In Deizisau hofft man, dass die neue Route Realität wird. Für den Ort sowie für Plochingen und Altbach würde dies laut Berechnungen eine Lärmreduzierung von mehr als 22 Dezibel (A) im Vergleich zu jetzt bedeuten, sagt Deizisaus Bürgermeister Thomas Matrohs. Rechne man die Bürger, die entlastet würden, gegen jene auf, die stärker belastet würden, blieben immer noch 80 000 Personen, die unter weniger Lärm zu leiden hätten, argumentiert er.

Was sagt die Fluglärmkommission?

Am 2. November entscheidet die Stuttgarter Fluglärmkommission, ob sie die neue Route befürwortet oder nicht. Jedes Mitglied hat eine Stimme. Insgesamt sitzen in der Kommission 15 ständige Mitglieder, darunter das Verkehrsministerium, nicht aber der Flughafen selbst. Außerdem sind die Kommunen Mitglied, die im Lärmschutzbereich liegen. Dazu gehören Filderstadt, Leinfelden-Echterdingen, Ostfildern, Stuttgart, Denkendorf, Steinenbronn, Schönaich, Esslingen und Neuhausen. Die künftig womöglich stärker belasteten Kommunen Nürtingen, Köngen oder Wolfschlugen sind keine Mitglieder, wurden zuletzt aber zu einem Informationstermin eingeladen. Sie konnten zudem ihre Anliegen schriftlich gegenüber der Kommission formulieren und sind zur entscheidenden Sitzung Anfang November eingeladen. Die Sitzungen sind nicht öffentlich.

Welche Rolle spielt der Umweltschutz?

Einerseits würden sich laut den Berechnungen die Emissionen durch die neue Flugroute reduzieren. Die Fluglärmkommission erwartet eine Einsparung von 200 Kilogramm Kohlenstoffdioxid pro Flug. Andererseits bildet das Waldgebiet Sauhag einen Rückzugsort für Vögel. Am umweltfreundlichsten wäre es freilich, wenn die Anzahl der Flüge insgesamt reduziert würde.

Wann kann die Route genutzt werden?

Sollte der Beschluss in der Sitzung der Fluglärmkommission positiv ausfallen, müssen das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung und das Bundesverkehrsministerium die Route noch genehmigen. Danach könnte diese erstmals im August 2022 genutzt werden. Einen Bürgerentscheid gibt es nicht, stattdessen aber die Petition – und den Protest der Bürgerinitiativen.

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