In Großbottwar machen alle Fraktion ihrem Ärger über die Standortvorauswahl der AVL zur neuen Erddeponie Luft. In Hemmingen gibt es Alternativvorschläge
Die Suche der Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises (AVL) nach einem geeigneten Standort für eine neue Erddeponie im Kreis Ludwigsburg erhitzt weiter die Gemüter, nachdem kürzlich offiziell wurde, dass die AVL für ihre Pläne nach einer ersten Sondierung als potenzielle Standorte zwei Areale bei Großbottwar und bei Hemmingen ins Visier nimmt. Sie will jetzt mit den betroffenen Kommunen ins Gespräch gehen.
Sowohl Großbottwar als auch Hemmingen haben sich allerdings bereits klar gegen die Pläne positioniert. In der Strohgäu-Kommune ist eine 23 Hektar große Fläche am Kreisverkehr Richtung Ditzingen-Heimerdingen und Eberdingen auserkoren. Zwischen Großbottwar und Oberstenfeld geht es sogar um rund 45 Hektar an Landwirtschaftsflächen und Streuobstwiesen, die bisher eigentlich bebauungstechnisch – so sehen es jedenfalls die Anlieger dort – aus verschiedenen Gründen als sakrosankt gegolten haben.
Angelika Maier (SPD): „Ich war einfach fassungslos“
Nachdem Großbottwars Bürgermeister Ralf Zimmermann bereits einen Protestbrief über die Standortsuche samt völlig intransparenter Entstehungsgeschichte, wie er sagt, verfasst hatte, machen die vier Fraktionen im Gemeinderat unisono ihrem Ärger über die Attacke auf die heimische Landschaft Luft. „Wir sind schockiert und fassungslos, einen solchen Standort ins Gespräch zu bringen“, sagt der CDU-Fraktionsvorsitzende Matthias Wien. „Jahrzehntelang redete man uns ein, wir seien ein wertvolles Naherholungsgebiet, weshalb Gewerbeansiedlung untersagt wurden, und nun soll mitten im Bottwartal eine Müllhalde aufmachen.“ Ähnlich klingen die Töne, die von den Freien Wählern zu hören sind: Den Naturraum hoch zu loben, Gewerbegebiete zu verhindern und dann eine Deponie im Bottwartal zu planen, das sei absolut nicht vorstell- und vermittelbar. „Wir lehnen den geplanten Standort aus verschiedenen Gründen entschieden ab und werden uns mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Einrichtung wehren“, heißt es in einer ausführlichen Pressemitteilung der SPD-Fraktion. Unverhältnismäßiger Flächenverbrauch, Existenzbedrohung für Landwirte Kahlschlag an Streuobstflächen, Artenvielfalt und zunehmende Verkehrsprobleme sind da nur einige Aspekt der Kritik. „Ich war einfach fassungslos“, sagt die Fraktionsvorsitzende Angelika Maier.
Paul Wien denkt an kommunalen Austritt aus dem Kreis
Der FDP-Mann Paul Wien stellt sich angesichts dieser „völligen Missachtung der Peripherie des Kreises“ durch Landkreis und AVL die Frage, ob man demonstrativ den Austritt aus dem Kreis Ludwigsburg anstreben sollte. „Ich habe das zunächst im Spaß getwittert, aber ich denke, man müsste womöglich ernsthaft darüber nachdenken.“
Komplettes Unverständnis für den Standort signalisiert aus Oberstenfeld auch Bürgermeister Markus Kleemann. Nicht nur das Verfahren bisher sei komplett undurchsichtig, sondern auch die Kriterien, anhand derer die beiden Gebiete definiert wurden. „Ich kann nicht nachvollziehen, dass mitten im Landschaftsschutzgebiet eine Fläche von gut 40 Hektar ausgewählt wird.“ Dies, zumal ja vor nicht allzu langer Zeit acht Hektar Gewerbegebiet als absolut unzumutbar für den Naturraum Bottwartal galten und die ohnehin überhand nehmenden Verkehrsprobleme bekannt seien. „Das Ganze ist für mich sehr befremdlich.“
Wie der Hemminger Amtskollege Thomas Schäfer verweist er auch darauf, dass ein Deponiestandort im Landkreis benötigt werde. „Dem Solidarprinzip verschließen wir uns nicht“, sagen beide. Doch die Kriterien, heißt es in Hemmingen, müssten nun auch bei möglichen Alternativstandorte angelegt werden. Laut der AVL wiederum habe es „keinen potenziell möglichen Standort gegeben, der nicht untersucht worden“ sei. Es habe andererseits Ausschlusskriterien gegeben, anhand derer rund 84 Prozent der Gesamtfläche aus der weiterführenden Betrachtung herausgefallen seien, sagt ein AVL-Sprecher.
Laut AVL seien die beiden aus Hemmingen genannten alternativen Standorte aus gutem Grund nicht eingehender betrachtet worden. Diese Areale lägen „vollständig in der Umweltzone Leonberg/Hemmingen und Umgebung“. Die Fläche des potenziellen Deponiestandorts hingegen liege lediglich im Bereich der Rückstellkriterien und sei deshalb „logischerweise“ bevorzugt wurden.
Neben Steinbrüchen und anderen vermeintlich auffülltauglichen Flächen waren bei ähnliche Debatten einst in den Nachbarkreisen auch ganz andere Arten der Entsorgung von Erdaushub und Bauschutt ins Spiel gebracht worden. In Böblingen Anfang der 1990er-Jahre etwa unter Landrat Reiner Heeb entstand die Idee, Erddeponien als zehn bis 25 Meter hohe Lärmschutzwälle entlang der Autobahn Stuttgart-Singen anzuhäufen. Nach heftigen Protesten und ausbleibenden Mengen aus Stuttgart ist aus den – heute wohl für Photovoltaik geeigneten – Lärmschutzdeponien nichts geworden.