Das Kopftuch-Emoji kommt im Sommer auf die Smartphones. Grund für viele. sich aufzuregen. Aber warum? Foto: aratehortua/Fotolia

In diesem Sommer wird es 69 neue Emojis geben. Besonders eines wird – wenig überraschend – hitzig diskutiert: das Kopftuch-Emoji. Aber warum eigentlich?

Stuttgart - Stuttgart - Das Kopftuch ist ein Dauerbrenner in der gesellschaftlichen Debatte. Nachdem vor rund zwei Wochen das Tragen der Kopfbedeckung am Arbeitsplatz teilweise eingeschränkt wurde, gibt es wieder einen neuen Aufhänger für die Debatte um Freiheit, Religion und Gleichberechtigung.

Stein des Anstoßes im aktuellen Disput ist ein Emoji, das eine Frau mit Kopftuch zeigt und das für alle Smartphone-Nutzer ab Sommer zur Verfügung steht. Obwohl Emojis erst einmal unschuldig anmuten, entspannt sich auch um sie eine hitzige Diskussion. Das Kopftuch-Emoji wird im Netz als antidiskriminierend gefeiert. Doch wo ein Kopftuch ist, ist die Debatte um Freiheit und Unterdrückung nicht weit.

Jeder Gläubige darf sich auszudrücken, wie er will

Eine Debatte, die an dieser Stelle nichts zu suchen hat. Es geht um neue Ausdrucksformen, nicht aber um den ewigen Streit um Unterdrückung und Religionsfreiheit. Das Emoji zeichnet das Kopftuch nicht als grundsätzliches Zeichen für Unterdrückung aus. Das Kopftuch ist ein religiöses Symbol. Und jeder Gläubige hat das Recht, sich auszudrücken, wie er will.

Rayouf Alhumedhi, die Berliner Schülerin, die den Vorschlag für dieses Emoji eingereicht hat, sagte gegenüber der „Washington Post“: „Ich wollte etwas, das nicht nur mich verkörpert, sondern auch die 550 Millionen Musliminnen auf dieser Welt, die stolz sind, ein Kopftuch zu tragen.“

Mit dem Emoji haben Frauen eine Wahl. Sie können sich dazu entscheiden, sich online mit Kopftuch darzustellen – oder auch nicht. Es handelt sich nicht um einen Zwang, sondern schlicht um eine Wahlmöglichkeit.

Was Muslime in Stuttgart zum Thema Kopftuch denken und warum manche von ihnen ein Kopftuch tragen, sehen Sie im Video:

Kritiker befürchten, dass Muslimas, die kein Kopftuch tragen, gezwungen seien, das Emoji zu nutzen, um zu zeigen, dass sie zu ihrem Glauben stehen. Emojis sind – wie jede Form von Online-Kommunikation – immer nur ein Zusatz. Sie können echte Sprache aber niemals ersetzen. Auch der Glaube teilt sich nicht nur digital über Emojis, sondern über die gesamte Bandbreite sprachlicher Ausdrucksformen mit.

Emojis zeigen Stereotype

Emojis haben einen grundsätzlichen Makel, der an dieser Stelle deutlich wird. Sie sollen ein Abbild unserer Sprache, gar unserer Gesellschaft sein. Das können sie aber nicht. Sie sind immer nur ein Auszug. Sie zeigen Stereotype, können aber niemals die ganze Welt in ihrer Vielfalt darstellen.

Es gibt Schritte, um eine gewisse Vielfalt darzustellen, um nicht sexistisch zu wirken. Wie jene Emojis, die Familien mit zwei Vätern und einem Kind zeigen. Mit dem Update im Sommer wird das Emoji einer männlichen und einer weiblichen Fee dazukommen. Auf Initiative von Google-Mitarbeiterinnen gibt es seit vergangenem Jahr Emojis, die Frauen als Schweißerinnen und Wissenschaftlerinnen zeigen, um gegen tradierte Rollenbilder im Berufsleben anzugehen. Gibt man allerdings CEO (englischer Begriff für Geschäftsführer/Firmenchef) ein, erscheint ein Bild von einem Mann mit Hemd. Emoji-Frauen haben immer längere Haare, Männer nur kurze. Man kommt nicht umhin, Abstriche bei der Gender-Vielfalt zu machen, wenn man sich auf ein Symbol einigt.

Weiß, schwarz, gelb, braun

Vor der öffentlichen Diskussion um Kopftuch und Geschlechterklischees tobte die Debatte um Emoji-Hautfarben. Diese gab es lange Zeit entweder nur in Weiß oder in Gelb. Von vielen wurde es als ein Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung von Farbigen angesehen, als 2015 verschiedene Hautfarben eingeführt wurden. Aber auch hier wurde Kritik laut. Manche fühlten sich genötigt, sich als Farbige identifizieren zu müssen. Im Englischen kam der Begriff des „Racemojis“ auf – im Sinne von Rassen-Emojis.

Weiße wiederum nutzten ungern die weißen Emojis, berichtet die amerikanische Zeitschrift „The Atlantic“. Das Verwenden solcher Piktogramme könnte als Zeichen missverstanden werden, dass sie stolz auf ihre Hautfarbe und die damit verbundenen Privilegien seien. Lieber nutzten sie die als neutral geltendenden gelben Emojis. Dadurch werden diese allerdings in Zusammenhang mit Weißen gebracht. Wirklich neutral sind die gelben Emojis auch nicht. Denn durch die gelbe Haut und die gelben Haare wirken sie eher weiß als schwarz.

Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit sollte in der virtuellen Welt keine Rolle spielen müssen – aber dürfen. Gleiches gilt für die reale Welt. Ein Recht auf Wahlfreiheit hat jeder. Und damit auch das Recht, das Kopftuch-Emoji zu nutzen. Um dann mit anderen gelassen zu argumentieren – und im Gegenzug die gleiche Gelassenheit erwarten zu können.

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