Stefanie Klee Castellanos und Claus Lüdenbach wollen mit ihrer „VHS am Eck“ stärker als bisher in der Esslinger Innenstadt Präsenz zeigen und kreative Akzente setzen. Foto: Roberto Bulgrin

In ihrem Domizil in der Mettinger Straße fehlt es der Esslinger Volkshochschule an der nötigen Präsenz in der Innenstadt. Nun eröffnen VHS-Chef Claus Lüdenbach und sein Team eine neue Dependance in der Strohstraße, die viele Möglichkeiten bietet.

Die Esslinger Volkshochschule möchte sich wieder stärker in der Innenstadt zeigen. Seit dem Umzug 2011 vom Dick-Center in die Mettinger Straße ist die VHS im Stadtbild deutlich weniger präsent. Weil man diesen Eindruck inzwischen auch im Rathaus teilt, hat der Oberbürgermeister Matthias Klopfer angeregt, die Volkshochschule komplett im leer stehenden Karstadt-Kaufhaus anzusiedeln. Doch zuletzt ist es still geworden um diesen Gedanken. Ungeachtet einer möglichen großen Lösung sehen VHS-Leiter Claus Lüdenbach und sein Team jedoch schon jetzt die Chance, neue Impulse zu setzen. In der Strohstraße 16 wollen sie eine kleine Dependance eröffnen, die Raum bietet für Diskurs, Kreativität und Teilhabe. „VHS am Eck“ nennt sich das Projekt – bis Ende Oktober soll Leben in die neuen Räume einkehren.

 

Zurück ins Zentrum

Als die VHS vor 13 Jahren in die Mettinger Straße umgezogen ist, gab es ob der abseitigeren Lage nicht wenige kritische Stimmen. Der damalige Oberbürgermeister Jürgen Zieger und weite Teile des Gemeinderats hatten jedoch alle Bedenken weggewischt und wortreich versichert, der neue Standort in der Weststadt sei ideal. Doch die Kritik ist bis heute nicht verstummt. Denn das VHS-Gebäude in der Mettinger Straße ist weit ab vom Schuss, Laufkundschaft kommt selten vorbei. VHS-Chef Claus Lüdenbach ist überzeugt, dass eine zentralere Lage Vorteile bringt: „Wir machen tolle Sachen und haben viel zu bieten – alles, was unsere Arbeit sichtbarer macht, nützt. Wir wollen die Menschen zusammenbringen – sie müssen aber auch sehen können, wie viel Interessantes bei uns passiert. Im Moment sind wir ziemlich weit draußen. Da bekommen viele gar nicht mit, was wir tun.“

Die „VHS am Eck“ soll nun mehr Sichtbarkeit bringen und neugierig machen auf das, was die Volkshochschule zu bieten hat. Die Lage an der Strohstraße findet Lüdenbach nicht zuletzt ob der Nähe zur „Kreativmeile“ Küferstraße ideal. Derzeit läuft der Umbau der neuen Räume, die Schaufenster, in denen bislang Modisches präsentiert wurde, sind noch verhängt. „Dafür verwenden wir ganz bewusst knallig-bunte Farben, weil wir darauf aufmerksam machen wollen, dass sich hier etwas ganz Neues entwickelt“, sagt Lüdenbach. Wer näher kommt, kann das eine oder andere Guckloch entdecken: Jeder kleine Einblick zeigt eine Facette dessen, was die Arbeit der Esslinger VHS ausmacht. Und das soll auch so bleiben. „Ein oder zwei Schaufenster werden wir nutzen, um zu zeigen, was wir in der Mettinger Straße alles tun“, verrät Stefanie Klee Castellanos, die als Fachbereichsleiterin für Kultur und Gestalten federführend am Konzept der „VHS am Eck“ mitarbeitet.

Ideenreich neugierig machen

Die Dependance soll ein Ort der Begegnung werden. Klassische Volkshochschulkurse können dort ebenso Platz finden wie Kreativaktionen, Workshops, kleinere Diskussionsveranstaltungen, Lesungen oder Ausstellungen. Auch der eine oder andere Vortrag wäre dort gut aufgehoben. Und vor allem sollen immer neue Ideen entstehen. So könnte sich Stefanie Klee Castellanos sogenannte „Walk-in-Aktionen“ vorstellen, die spontan zum Mitmachen einladen: „Während des Weihnachtsmarktes könnten wir die Marktbesucher zum Beispiel einladen, einfach mal reinzuschauen und Weihnachtskarten zu gestalten. Die Menschen sollen Lust bekommen, uns und unsere Arbeit zu entdecken und sich überraschen zu lassen.“ Dass das schon jetzt gelingt, haben die vergangenen Wochen gezeigt: Seit an der neuen „VHS am Eck“ gebaut wird, bleiben Neugierige stehen – manche schauen sogar rein, um zu erfahren, was dort entsteht. „Gerade bei ‚ES funkelt!’ hat man bei den Passanten großes Interesse gespürt“, erzählt Lüdenbach.

In der Kommunalpolitik dürfte der Vorstoß Beifall finden. Gemeinderat und Verwaltung suchen schon lange nach Möglichkeiten, die Innenstadt, wo der Einzelhandel zuletzt manchen Nackenschlag wegstecken musste, auf innovative Weise zu beleben. So hatte etwa die CDU 2021 vorgeschlagen, leer stehende Ladenflächen auf Zeit anzumieten, um sie vielfältig kulturell zu nutzen – damals waren die Christdemokraten bei der Verwaltung noch abgeblitzt. Claus Lüdenbach sieht die Belebung der Innenstadt als eine Aufgabe für die ganze Stadtgesellschaft. „Dazu wollen wir mit unserer ‚VHS am Eck’ gerne einen kleinen Beitrag leisten.“

Lüdenbach ist sich bewusst, dass Volkshochschulen einem steten Wandel unterworfen sind, weil die Anforderungen der Gesellschaft im Fluss sind. „Darauf müssen wir uns einstellen, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Volkshochschulen sind ein ganz wichtiger gesellschaftlicher und demokratischer Faktor, den wir weiter stärken wollen“, sagt der VHS-Chef. „Was wir bieten, muss attraktiv sein und der Lebenssituation der Menschen gerecht werden.“ Dazu gehören neben interessanten und differenzierten Angeboten auch attraktive Rahmenbedingungen terminlicher und räumlicher Natur. „Die ‚VHS am Eck’ wird uns einige neue Möglichkeiten eröffnen“, ist Claus Lüdenbach überzeugt.

Esslinger Volkshochschule und ihre Angebote

Profil
 Mehr als 1000 Veranstaltungen wie Kurse, Vorträge, Ausstellungen und Exkursionen bietet die Esslinger Volkshochschule in jedem Semester. 2023 wurden rund 29 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gezählt. 35 Personen zählen zum hauptamtlichen Team, dazu kommen zahlreiche Dozentinnen und Dozenten, die für ein breites Angebot sorgen. Außenstellen gibt es in Altbach, Deizisau, Denkendorf, Hochdorf, Köngen, Plochingen und Reichenbach.

Angebote
 Das Programm ist breit gefächert – die Fachbereiche Gesellschaft und Leben, Fremdsprachen, Beruf und Gesundheit, Bewegung und Fitness, Kultur und Gestalten, Deutsch und Integration sowie die Junge VS setzen Akzente. So werden derzeit 25 verschiedene Sprachen unterrichtet. Ein differenziertes Vortragsprogramm bringt hochkarätige Experten aus unterschiedlichsten Themenbereichen nach Esslingen – viele dieser Vorträge werden digital angeboten, manche auch vor Ort.

Integration
Die VHS bietet zahlreiche Integrationskurse für Menschen mit Migrationshintergrund an. In der Tobias-Mayer-Schule werden Schülerinnen und Schüler aus einem Dutzend Ländern in fünf Klassen unterrichtet. Unter dem Dach der VHS lernen sie die deutsche Sprache und machen den Hauptschulabschluss, um sich für eine Berufsausbildung zu rüsten.