Am neuen Audi E5 zeigt sich, wie deutsche Autobauer inzwischen von den Chinesen lernen. Mercedes geht ähnlich vor. Ein notwendiger Schritt, meint Innovationsexperte Stefan Bratzel.
Ein Audi ohne die vier Ringe ist eigentlich kaum vorstellbar. Seit dem Jahr 1932 sind sie das Markenzeichen des Ingolstädter Autobauers. Doch in China wird das Unmögliche bald Realität: Mit der Gründung der Schwestermarke AUDI – großgeschrieben und ohne das berühmte Markenlogo – wollen die Ingolstädter im Reich der Mitte einen Neustart wagen.
Das erste Serienmodell der neuen China-only-Marke wurde bereits vorgestellt: Der vollelektrische AUDI E5 Sportback hat eine Reichweite von 770 Kilometern und eine Leistung von bis zu 579 Kilowatt. Im Herbst sollen die ersten Fahrzeuge an Kunden ausgeliefert werden, 2026 und 2027 dann zwei weitere E-Modelle folgen. Ziel der Markengründung ist es, das Premiumsegment auf dem chinesischen Markt zu bedienen. Kann das funktionieren?
Absatzkrise in China trifft Audi besonders hart
Audi war 1988 der erste westliche Premiumhersteller, der eine eigene Produktion in China aufgebaut hat. Seitdem hat das Unternehmen zahlreiche Erfolge auf dem chinesischen Markt gefeiert. Doch zuletzt bekam Audi immer stärker die Konkurrenz der lokalen Hersteller zu spüren, im vergangenen Jahr verzeichnete man einen Absatzrückgang um elf Prozent.
Für Audi ist die Krise auf dem so wichtigen China-Markt ein Riesenproblem. Denn sie schlägt sich auf das Gesamtergebnis nieder. 2024 ging der Gesamtgewinn um 33 Prozent zurück. Helfen soll eine Modelloffensive, die mit fünf Premieren auf der diesjährigen Shanghaier Automesse bereits ihren Anfang nahm. Schon seit mehr als 25 Jahren stellt Audi Fahrzeuge mit verlängertem Radstand exklusiv für den chinesischen Markt her. Hinzu kommen fortan die Premium-Elektromodelle von AUDI.
Zusammenarbeit mit chinesischem Staatskonzern
Die Ingolstädter begründen die neue Marke mit den „spezifischen Bedürfnissen“ der dortigen Kundschaft. „Chinesische Premium-Kunden sind im Durchschnitt etwa 20 Jahre jünger als in Europa und technikaffiner. Sie erwarten herausragende Konnektivität im chinesischen Ökosystem, umfassende digitale Services sowie auf chinesische Verkehrsbedingungen ausgelegte Fahrerassistenzsysteme“, erklärt ein Sprecher.
Um diesen Bedürfnissen gerecht zu werden, soll beim AUDI E5 Sportback unter anderem ein KI-gestützter Assistent eine Art Dialog zwischen Fahrer und Fahrzeug herstellen. Dazu kommt ein 27 Zoll großes 4K-Display, das sich über die gesamte Breite des Armaturenbretts erstreckt. Von außen sieht der AUDI E5 Sportback futuristisch aus, im Innenraum mit dem konsequenten Verzicht auf Tasten ebenso. Mit dem Design wolle man „ein ganz eigenes Statement setzen“, so der Sprecher. Entwickelt werden die AUDI-Modelle zusammen mit dem chinesischen Staatskonzern SAIC, der „tiefe Kenntnisse mit Fokus auf die Anforderungen des lokalen Marktes“ biete. Durch die Zusammenarbeit deutscher und chinesischer Ingenieure habe die Entwicklungszeit um 30 Prozent verkürzt werden können. „Das Beste aus zwei Welten“ verspricht Audi durch die Zusammenarbeit.
Autoexperte sieht Chancen für deutsche Hersteller
Die Frage ist, ob diese Rechnung aufgeht. Stefan Bratzel, Innovationsexperte und Direktor des Forschungsinstituts Center of Automotive Management (CAM), findet die Vorgehensweise grundsätzlich richtig: „Am Ende des Tages kommt es darauf an, dass Audi in China nicht noch weitere Marktanteile verliert und mittelfristig wieder Geld verdient. Ob dazu das Verschwinden der Ringe unbedingt notwendig ist, ist zumindest fraglich.“
Audi habe in China ein starkes Behördenimage. Das lässt sich seiner Meinung nach aber nur dadurch ablegen, dass man „wieder Innovationsgeschwindigkeit aufnimmt“. Dass Audi dafür mit einem chinesischen Staatskonzern zusammenarbeitet, sieht Bratzel als Chance: „In den letzten fünf, sechs Jahren haben sich die Chinesen einen Riesenvorsprung erarbeitet. Lange Zeit haben die Chinesen von den Deutschen gelernt. Jetzt ist es umgekehrt: Nun müssen Audi, aber auch Mercedes und BMW ein Stück weit von den Chinesen lernen.“
China mit Wettbewerbs- und Geschwindigkeitsvorteilen
Auch Mercedes-Benz arbeitet schon länger mit der Beijing Automotive Group (BAIC) zusammen. Erst im vergangenen Jahr kündigten die Stuttgarter an, im Rahmen dieses Joint Ventures 1,8 Milliarden Euro zu investieren, um neue Modellvarianten speziell für den chinesischen Markt zu entwickeln. BMW betreibt in China ebenfalls schon seit über 20 Jahren ein Joint Venture mit Brilliance China Automotive Holdings.
Für Autoexperte Bratzel kommt es nun darauf an, dass die Hersteller Entwicklungsgeschwindigkeit aufnehmen. Als deutlichen Wettbewerbsnachteil sieht er aber, dass in China in der Entwicklung im Drei-Schicht-Betrieb gearbeitet werde. Hierzulande habe man schon Probleme, die Arbeitnehmer vom Homeoffice wieder in den Betrieb zu bringen. Aber Bratzel sieht auch Chancen: „Wir stellen fest, dass die Innovationskurve nach einem Niedergang in den letzten fünf, sechs Jahre jetzt wieder nach oben geht.“ Und vielleicht hilft es ja auch, wenn man dafür seine lieb gewordenen Ringe über Bord wirft.