„Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben“: Auf der Grundlage bislang unbekannter Quellen wirft die Leiterin des Deutschen Literaturarchivs, Sandra Richter, einen neuen Blick auf den Dichter im Kontext seiner Zeit.
An der italienischen Adria führt ein schöner Wanderweg über schroffe Kalkfelsen entlang nach Duino, zu dem Schloss, in dem der Dichter Rainer Maria Rilke an seinen berühmten Elegien geschrieben hat. Zu den Besonderheiten der Passage zählt, dass bei entsprechendem Wetter an jeder Biegung ergriffene Pilger im hohen Ton schwer verständliche Verse über den Strom vorüberwalzender Reisegruppen schleudern. Dass das Schöne des Schrecklichen Anfang sei, findet hier seine eigentümliche Bestätigung. Man darf die Szene als emblematisch für das Ineinander von Entrücktheit und Gefälligkeit, Preziosität und Popularität, Priestertum und Profanation betrachten, mit dem man es bei dem Dichter zu tun bekommt, dessen 150. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird.
Dies zu konstatieren, ist mittlerweile selbst zum beliebten Topos geworden. Auch zu Beginn der neuen Biografie der Literaturwissenschaftlerin Sandra Richter, „Rilke oder Das offene Leben“, wird der „Balanceakt zwischen Gedankenkitsch und hoher Kunst“ herbeizitiert. Hier Martin Heidegger, der den Dichter-Seher als Wegweiser in die Seinsphilosophie sah, dort Theodor W. Adorno, der in dem 1875 in Prag geborenen Autor nurmehr einen Schlafwandler auf schmalem Grat zum Faschismus erkennen wollte, der für eine ignorante Konsumgesellschaft Trostsprüche als Massenartikel verfertigt habe.
Sandra Richter leitet das Deutsche Literaturarchiv in Marbach, das mit dem spektakulären Ankauf des Rilke-Archivs in Gernsbach zu einem zentralen Forschungsort für den Dichter geworden ist. Umso gespannter blickt man darauf, welchen neuen Zugang diese Materialbasis in den polarisierten Rilke-Kosmos eröffnet. Jedem der 30 Kapitel sind bisher selten oder noch nie publizierte Fotografien, Abbildungen, Zeichnungen aus dem Bestand vorangestellt, darunter auch das Protokoll einer Séance des passionierten Geistersehers.
Am Anfang steht die Aufnahme des vierjährigen „Mädchens René“ im Kleidchen, mit keck schrägsitzendem Hut. Wie bislang unbekannte Kinder- und Jugendbriefe verraten, war das Verhältnis zu der in den Schein verliebten Mutter offenbar inniger als bisher angenommen. Die neuen Quellen machen sichtbar, wie die dem Sohn aus Kummer über den frühen Tod einer Tochter oktroyierte Doppelgeschlechtlichkeit Teile des Werks programmiert. So etwa die Persönlichkeitsspaltung der Titelfigur seiner für den modernen Roman wegweisenden Verfallsgeschichte der „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“. Sandra Richter zeigt, wieviel Aufzeichnungen des Rainer Maria Rilke darin stecken.
Ein Naturell, wie geschaffen für die Psychoanalyse, zu der der Dichter wie zu so vielem ein ambivalentes Verhältnis pflegte. Über die mütterliche Geliebte und seelische Mentorin Lou Andreas-Salomé, eine Freud-Schülerin, kam er mit ihr in Berührung. Doch Rilke analysierte sich lieber selbst, Schreiben als Selbsttherapie. Dafür hatte die Ehe, die vielen Affären und Gefolgschaften ihres Mannes, die Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff reif für das gemacht, was Rilke „eine Art Heildoktrin“ nannte.
Unattraktiver Womanizer
Der stets Kränkelnde selbst versifizierte dagegen seine Kuren, etwa wenn die Heilquellen von Bad Rippoldsau in den „Sonetten an Orpheus“ widerklingen: „Zu dem raschen Wasser sprich: ich bin.“ Auch Luftbaden in Viareggio kann zur existenziellen Erfahrung überhöht werden: „Wirf aus den Armen die Leere / zu den Räumen hinzu, die wir atmen“, heißt es in der ersten Duineser Elegie.
Bislang unbekannte Briefe rücken die „Künstlerehe als Gemeinschaftsbetrieb“ in neues Licht. Sandra Richters Buch lässt die Bedeutung Clara Rilke-Westhoffs aus dem Schatten ihres Mannes und der von ihm beherrschten Wirkungsgeschichte hervortreten. Er hatte ihr wesentlich mehr zu verdanken, als er selbst wahrhaben wollte. Wie hier überhaupt der Anteil der unendlich vielen Frauen des äußerlich offenbar eher unattraktiven Womanizers an der Autorschaft gewürdigt wird – und welchen Preis sie dafür zu entrichten hatten.
„Trotz Akne und Mundgeruch konnte er die Angebeteten für sich gewinnen“, schreibt Sandra Richter. Die neuen Quellen zeigen, wie früh schon sich der unscheinbare Charismatiker zum Menschenfänger entwickelte. Man könnte leicht den Überblick verlieren, wer alles als Muße, Mutter, Gönnerin, Geliebte an der Formung dieses Solitärs beteiligt war, kaum ein Name der Zeitgeschichte fehlt. Wie sich im europäischen Maßstab kaum ein herausgehobener, prominenter Ort findet, der nicht einmal von Rainer Maria Rilke als Günstling reicher Verehrerinnen oder auf Rechnung seines Verlegers Anton Kippenbergs bewohnt und beschrieben worden wäre. Kommunenleben in Worpswede, Reisen nach Russland, Reformpädagogik in Schweden, Rodin in Paris, Eleonora Duse in Venedig, Geisterbeschwörungen in Spanien, orientalische Erweckungen in Ägypten. Noch am Vierwaldstätter See, wo Rilke schon schwer krank zur Kur weilt, führt die gemeinsame Jagd auf einen Maulwurf zur Bekanntschaft mit der als „femme fatale“ berüchtigten Elisabeth Salomon. Unterdessen versinkt die alte Welt im Krieg.
Langsames Sterben
Wie Rilke, dieser „zukunftsbegeisterte Nostalgiker“, von den Denkmoden seiner Zeit durchströmt wurde, dem swastikaverzierten Lebenskult des antisemitischen Obskuranten Alfred Schuler ebenso wie den hellsichtigen soziologischen Forschungen Georg Simmels, fließen auch in Richters Darstellung aktuelle literaturwissenschaftliche Konjunkturen ein. Etwa wenn der Dichter, der Panther, Schwänen, schwarzen Katzen und weißen Elefanten Verse gewidmet hat, einer Lesart des derzeit in Geltung stehenden Ecocriticism unterzogen wird: „Selbstsorge und ökologisches Bewusstsein“.
Auch auf Rilkes langes Sterben erlauben die neuen Quellen einen genaueren Blick. Nicht der dornige Stängel einer Rose reinen Widerspruchs, der eine hartnäckige Entzündung der Hand zur Folge hatte, dürfte die Ursache für seinen Tod am 29. Dezember 1926 gewesen sein, sondern eine Bleivergiftung.
Dass der sich zum Propheten und esoterischen Einzelgänger Stilisierende in Wirklichkeit ein die Geselligkeit durchaus schätzender, dem Literatur- und Kunstbetrieb seiner Zeit eng verbundener Autor gewesen sei, könnte man für die fällige Revisions-Rhetorik halten, mit der in Gedenkjahren die Korrektur von Klischees oder eingespielten Sichtweisen in Aussicht gestellt werden – hat man zuletzt nicht über Kafka ähnliches gehört? Doch hier liegen die Dinge anders. Sandra Richter unterläuft die gängigen Oppositionen durch einen produktiven Umgang mit Realien, der exemplarisch in Anschlag bringt, wozu sich Archive nutzen lassen. Das Offene, in das diese Biografie Rilkes Leben einzeichnet, ist angefüllt mit Material, das zeigt wie sehr Rilkes „Weltinnenraum“ vom Äußeren der Welt durchdrungen ist, gerade auch da, wo in akribischer Arbeit alle Spuren verwischt wurden, um das scheinbar Unbedingte des Werks ins Licht zu setzen.
Wer künftig unterwegs zu dem Dichter ist, wird um ihr Buch nicht herumkommen.
Sandra Richter: Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben. Insel Verlag. 478 Seiten, 28 Euro.
Info
Autorin
Sandra Richter, geboren 1973 in Kassel, seit 2008 Professorin für Neuere deutsche Literatur in Stuttgart, seit 2019 Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach, das 2025/26 eine Ausstellung und Veranstaltungen über Rilke und sein Werk plant. 2017 erschien von ihr „Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur“.
Termin
Am 13. Februar stellt sie ihre Biografie im Literaturhaus Stuttgart vor.