Ein lesbisches Paar freut sich aufs Kind. Die Partnerin der Mutter muss sich aber auch nach der Einführung der Ehe für alle um eine Adoption bemühen. Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich

Familien mit zwei Vätern oder Müttern sind keine Seltenheit. Doch immer noch gibt es besonderen Beratungsbedarf. Hilfe soll es bei einer neuen Anlaufstelle in Stuttgart geben. Hauptthema in den Gesprächen ist bisher der Kinderwunsch lesbischer Paare.

S-Mitte - Eine Frau will ein Kind, weiß aber nicht, wie sie es im Job ihren Kollegen erklären soll. Das Problem der Frau ist nicht die Schwangerschaft, sondern die mögliche Frage nach dem Vater. Denn die Frau ist lesbisch und mit ihrer Partnerin zusammen. Niemand weiß aber im Betrieb davon.

 

Rebecca Rottler ist Beraterin in der neuen Stelle Berta für Regenbogenfamilien an der Langen Straße 18. Erst kürzlich hat ihr Team unter der Projektleitung von Katharina Binder ihre Büroräume bezogen. Sie berate allerdings schon seit Herbst online, berichtet Rottler. Die Stadt hat für Berta eine 100-Prozent-Stelle finanziert. Rottler teilt sie sich mit einer anderen Kraft. Gemeinsam wollen sie Nicht-Heterosexuellen mit Kinderwunsch oder eigenen Kindern mit Rat zur Seite stehen. Rottler erklärt, dass sie im beschriebenen Konfliktfall die lesbische Frau bestärkt habe, auch im beruflichen Umfeld zu sich zu stehen. „Auch ihre Partnerin hat sie ermutigt“, sagt Rottler. Wie sich die Frau letztlich entschieden habe, wisse sie allerdings nicht, fügt sie hinzu.

Akzeptanz für Eltern aus der Regenbogen-Community

Der geschilderte Fall legt nahe, dass Regenbogenfamilien mit zwei Vätern oder Müttern auch knapp vier Jahre nach der Bundestagsentscheidung für die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare im Juni 2017 mit besonderen Bürden im sozialen Umfeld zu kämpfen haben. Projektleiterin Katharina Binder zieht dennoch eine positive Zwischenbilanz für die Akzeptanz von Eltern aus der Regenbogen-Community durch die Gesellschaft. „Es hat sich etwas getan in den vergangenen Jahren. Das sehen wir ja auch an der Unterstützung der Stadt für unsere Beratungsstelle“, sagt Binder.

Berta ist die erste Stelle im Land

Diese sei die erste ihrer Art im ganzen Bundesland, fügt Binder hinzu. Rebecca Rottler berichtet, dass sie die meisten Gespräche bisher mit Frauen geführt habe. Dabei sei es oft darum gegangen, wie lesbische Paare sich einen Kinderwunsch erfüllen können. „Das sind meist Frauen Ende 20 oder Anfang 30, beruflich angekommen und mit beiden Beinen im Leben“, sagt Rottler. Führt der Wunsch nach eigenem Nachwuchs über eine Samenspende in einem Kinderwunschzentrum, seien finanzielle Möglichkeiten aufgrund der Kosten der Behandlung auch in der Beratung gefragt, erläutert sie. Andere Frauen täten sich mit einem ihnen bekannten Mann zusammen, um ein Kind zu zeugen. Empfängt eine Frau nun ein Kind, ist ihre Ehefrau aber nicht automatisch auch Mutter. Sie müsse sich um eine Stiefkindadoption bemühen, erläutert die Beraterin. Im Vergleich zu heterosexuellen Ehen und Partnerschaften erfordere der Weg zum eigenen Kind viel Einsatz, meint die Beraterin. „Ein Baby ist dann immer ein Wunschkind“, sagt Rottler.

Der Weg zum Kind ist beschwerlich

Seit der Einführung der Ehe und der damit verbundenen rechtlichen Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften nehme der Kinderwunsch nicht-heterosexueller Paare zu, erläutert Projektleiterin Binder. Eine genaue Zahl, wie viele Regenbogenfamilien in Stuttgart leben, kann sie nicht nennen. Es existierten aber bereits mehre Elterngruppen, schildert sie. Zu den Familien jenseits der Heteronormativität gehören auch Familien mit Mütter und Vätern, bei denen ein Elternteil sich oft nach langen Ehejahren als gleichgeschlechtlich definiert. Bisher hätten Familien in einer solchen Konstellation keinen Rat gesucht, sagt Rebecca Rottler. „Ein spätes Coming-out wird auch immer seltener, weil sich die Gesellschaft verändert hat“, meint sie.

Berta bildet Fachkräfte fort

Die Beratungsstelle Berta will neben Gesprächen mit Betroffenen auch Fortbildungen für Fachkräfte, etwa Lehrer oder Erzieher, anbieten. Sie sollen im Umgang mit Regenbogenfamilien und ihren Kindern unterstützt werden. Nach dem Ende der Pandemie steht noch ein weiteres Projekt auf dem Programm von Berta. Ein Café soll als Treffpunkt für Regenbogenfamilien öffnen. „Es hilft, einen Ort zu haben, an dem man nicht anders ist als die anderen“, sagt Binder.

Berta ist erreichbar unter der Nummer 07 11/95 35 75 21, oder per E-Mail an: info@regenbogenfamilien-stuttgartde.