Eine neue Bedarfsplanung in den Bundesländern soll Raum für mehr Hausarzt-Niederlassungen schaffen. Foto: dpa

In Baden-Württemberg können sich in ländlichen Regionen noch 460 Hausärzte niederlassen. Das geht nach einem Bericht der Stuttgarter Nachrichten aus der neuen Bedarfsplanung des Landes hervor, die seit 1. Juli gilt und der Zeitung vorliegt.

Stuttgart - Josef Hecken schlägt Alarm. Er ist der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses von Ärzten, Kassen und Kliniken. Ein wichtiges Gremium, denn es ist für die Ärzteplanung zuständig, soll also sicherstellen, dass die medizinische Versorgung der Bevölkerung überall in Deutschland gleichmäßig gewährleistet ist. Hecken hat inzwischen erhebliche Zweifel, ob das noch gelingen kann. Vor allem Hausärzte auf dem Land könnten bald fehlen.

Eigentlich sollten neue gesetzliche Vorgaben helfen. Seit Anfang des Jahres gelten veränderte Grundsätze für die Aufstellung der Bedarfsplanung in den Bundesländern. Die Möglichkeit einer flexibleren Zuschneidung der Versorgungsgebiete soll dazu führen, dass schlecht versorgte Regionen besser berücksichtigt werden. Bisher konnte es passieren, dass sich selbst in einem Landkreis, der objektiv Ärztemangel zu beklagen hat, kein Hausarzt mehr niederlassen durfte, da zur entsprechenden Versorgungsregion auch ein Ballungszentrum gehört, dass mit seiner Arztdichte den statistischen Schnitt so anhebt, dass die gesamte Region als gut versorgt galt. Nun lassen sich kleinere Versorgungsgebiete ausweisen.

Aber Hecken ist mit der Umsetzung durch die Bundesländer keineswegs zufrieden. Er macht Kassen und Kassenärztliche Vereinigungen (KV) gleichermaßen verantwortlich. Bei den Kassen sei das Interesse begrenzt, weil es im Gegenzug in Regionen mit besonders vielen Arztsitzen keinen Abbau gebe. Und die jeweilige KV investiere in diese Frage wenig Energie, „weil sie fürchtet, dass sie nicht genug Ärzte gewinnt.“

Akademiker ziehe es immer stärker in Ballungszentren

In Baden-Württemberg hat der Landesausschuss von Ärzten und Kassen nun aber eine Bedarfsplanung vorgelegt, die von der neuen Regelung ausgiebig Gebrauch macht. Statt wie bisher 44 Versorgungsgebiete gibt es nun 101 so genannte Mittelbereiche. In 62 davon sind nun weitere Niederlassungen von Hausärzten möglich – landesweit insgesamt 460. Deshalb hat man im Südwesten kein Verständnis für die Kritik. Landes-AOK-Chef Christopher Hermann sagt: „Durch eine veränderte Bedarfsplanung bekommen wir keine neuen Ärzte aufs Land.“ Das neue Regelwerk weise zwar genauer die Regionen aus, in denen die Versorgung besser werden kann. „Aber entscheidend dafür, dass mehr Hausärzte aufs Land gehen, ist eine Steigerung der Attraktivität des Berufsbildes Landarzt.“

Da ist sich Hermann mit den Landes-KV durchaus einig. Bedarfsplanungen ändern nichts an den gesellschaftlichen Tendenzen, die den Landarzt-Beruf unattraktiv machen, sagt Kai Sonntag, Sprecher der baden-württembergischen KV. Er zählt auf: Akademiker ziehe es immer stärker in die Ballungszentren. Der Trend gehe zudem in der Medizin zur stärkeren Kooperation – Gemeinschaftspraxen oder Versorgungszentren ließen sich aber in der Stadt besser realisieren; Generell steige bei Ärzten eher die Nachfrage nach angestellten Arbeitsverhältnissen. Fazit: Allesamt keine guten Voraussetzungen für mehr Landärzte.

Der deutsche Hausärzteverband betont, es gebe zwar „auf dem Papier“ 50 000 Hausärzte. „Von denen sind allerdings 15 bis 20 Prozent nicht wirklich hausärztlich tätig“, sagte Verbandschef Ulrich Weigeldt.

Hecken will die Hoffnung nicht aufgeben. Er weist darauf hin, dass Hausärzte anders als früher nicht mehr direkt an ihrem Einsatzort wohnen müssen. Außerdem sehe das Landärzte-Gesetz von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) auch finanzielle Anreize für den stadtfernen Einsatz vor.

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