Der Kunstverein Neuhausen eröffnet seine neue Ausstellung „Desertification“. Dafür haben sich Künstler-Kooperationen aus ökologischer, politischer und gesellschaftlicher Sicht mit der zunehmenden Wüstenbildung auseinandergesetzt.
Sie ist der fatalen Verkettung von Machtstrukturen – politisch, geografisch, klimatisch, menschlich – auf der Spur: Die iranische multidisziplinäre Künstlerin und Forscherin Leila Hekmatnia, deren Film „Margab“ in der neuen Ausstellung des Kunstvereins Neuhausen zu sehen ist. Wie dieser Film so nimmt auch die Schau, die an diesem Samstag in Neuhausen eröffnet wird, künstlerische, ökologische, ökonomische, politische, gesellschaftliche und sozialpsychologische Aspekte der „Desertification“ in den Blick. Mit diesem Begriff beschreibt die Ökologie, die Wissenschaft von den Wechselbeziehungen zwischen Lebewesen und ihrer Umwelt, den Prozess der Wüstenbildung.
„Diese Verwüstung wird zwar gelegentlich durch natürliche Faktoren verursacht, ist jedoch meist menschengemacht – bedingt durch den Klimawandel, Abholzung, Überweidung, Armut, politische Instabilität, Krieg, nicht nachhaltige Bewässerungsmethoden oder eine Kombination dieser Faktoren. Zusammen mit dem Anstieg des Meeresspiegels, Hitzewellen sowie der Zunahme von Überschwemmungen und Stürmen gehört Desertifikation zu den gravierendsten Veränderungen auf unserem Planeten“, erläutern der Künstler Jan Nicola Angermann und die Kunsthistorikerin und -vermittlerin Gloria Aino Grzywatz, die die Ausstellung geplant, organisiert und kuratiert haben.
Es geht auch um ein solidarisches Umdenken
Jan Nicola Angermann erinnert daran, dass bereits 1979 die erste Weltklimakonferenz stattfand: „Was man sich damals ausgemalt hat, bekommen wir heute am eigenen Leib zu spüren.“ Die Schau möchte jedoch nicht nur Chaos, Zerstörung, Verrohung und die Folgen eines „Weiter so“ aufzeigen.
Es geht auch um ein solidarisches Umdenken, die Entstehung von Neuem und um mögliche Ansatzpunkte für Lösungen: So zeigen Designstudierende der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart eine Skulptur, die Regenwasser sammelt, das zum Beispiel für die Gartenbewässerung verwendet werden kann.
Die Bambusarbeit „Shelter“, also Obdach, Zuflucht, Unterschlupf, von Barbara Karsch-Chaïeb beginnt schon vor dem Projektraum, durchdringt scheinbar die Mauern, geht innen weiter und fordert die Besucher auf, spielerisch durch sie hindurchzugehen: „Diese Arbeit fragt auf einer Meta-Ebene: Wo sind Grenzen? Wie lassen sich Grenzen durchbrechen?“, erläutert Gloria Aino Grzywatz. Dem Kuratoren-Duo ist es wichtig, „den Raum ein bisschen anders zu denken, ihn neu auszubalancieren, mit ihm anders umzugehen“. Die beiden möchten die strenge Architektur der ehemaligen Jesuitenkapelle auflösen, neue Wege und Blickachsen schaffen und damit künstlerisch und gedanklich Freiraum schaffen: „Raum ist notwendig, damit sich etwas entwickeln kann“, sind sie überzeugt.
Das Ausstellungsprojekt folgt dem Prinzip des Dialogs, weil Künstler gemeinsam zum Thema arbeiten und ausstellen. „Es sollten sich Paarungen finden, um sich über die eigene Praxis, über Perspektiven und Inhalte auszutauschen. Wenn überhaupt, dann ist die Zukunft nur gemeinsam zu schaffen“, macht Gloria Aino Grzywatz deutlich. So ergeben sich spannende Kooperationen, wenn Andreas Meyer-Brennenstuhl und Barbara Karsch-Chaïeb den innen liegenden Pavillon von Folke Köbberling bespielen. Wenn Sadya Mizan aus Bangladesch mit befreundeten Künstlern das Thema Wasser in seiner ganzen Komplexität erarbeitet. Wenn Beate Baumgärtner und Tatyana Zambrano die Kapelle von der Empore bis zum Altar überspannen.
Fiktives Videospiel zur Desertifikation
Ihr fiktives Videospiel zur Desertifikation kombinieren sie mit Kommentaren auf Social-Media-Kanälen – ein Pixel-Bayer mit Maßkrug inklusive. Oder wenn der indische Wissenschaftler Maan Barua, der zum urbanen Raum forscht, hier seine erste künstlerische Arbeit zeigt und mit einer Installation Georg Winters konfrontiert. „Georg Winter will mit einem Augenzwinkern die Besucher ‚befeuchten‘, um dem Vertrocknen der Kunst- und Kulturszene entgegenzuwirken“, interpretiert Jan Nicola Angermann.
Eine solche interdisziplinäre Zusammenarbeit sei immer auf eine positive Art und Weise herausfordernd: „Es braucht Sympathie auf der zwischenmenschlichen Ebene, ein Vertrauen in die Arbeit des anderen, eine große Offenheit und den Wunsch zur Begegnung und Auseinandersetzung“, betont Gloria Aino Grzywatz.
Barbara Karsch-Chaïeb, die feinnervige Arbeiten auf Papier zeigt, ergänzt: „Es ist sehr bereichernd, mit anderen zu kooperieren und themen- und disziplinenübergreifend zu arbeiten. Und es ist wichtig, Netzwerke zu bilden.“ Deshalb werden zudem Verbindungen vom Kunstverein Neuhausen zu zeitgleichen Ausstellungen im Stuttgarter Projektraum Kunst [ ] Klima, in der Wunderkammer Naturalia/Artificialia in Bad Cannstatt und an der Akademie Schloss Solitude hergestellt.
Programm mit Film, Vortrag und einer Wasserperformance
Eröffnung
Am Samstag, 28. September, um 14 Uhr wird die Ausstellung „Desertification“ beim Kunstverein Neuhausen (Rupert-Mayer-Straße 68 B) eröffnet. Ab 15 Uhr ist der Film „Margab“ der iranischen Dichterin und Filmemacherin Leila Hekmatnia zu sehen. Um 16 Uhr liest Solitude-Stipendiat Moe Thet Han, der aus Myanmar flüchten musste, aus seinem Text „Cannibalism in Ancient Yangon“. Um 17 Uhr folgt eine Wasserperformance von Stella Covi und Kosmas Phan Dinh, anschließend befasst sich Sadya Mizan mit Werken unterschiedlicher Künstler zu den Themen Klimawandel, Fluss und Wasser.
Ausstellung
Die Schau wird bis zum 17. November samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr zu sehen sein. Der Eintritt ist frei. Gezeigt werden Arbeiten von Jan Nicola Angermann, Maan Barua, Beate Baumgärtner, Stella Covi, Kosmas Phan Dinh, Jan Forray, Moe Thet Han, Leila Hekmatnia, Barbara Karsch-Chaïeb, Andreas Meyer-Brennenstuhl, Sadya Mizan, Ahmed Rasel, Benjamin Stäbler, Georg Winter und Tatyana Zambrano. Das Projekt wird gefördert durch die Gemeinde Neuhausen, das Regierungspräsidium Stuttgart, das Land Baden-Württemberg, den European Research Council Horizon, Ritter Sport und die Akademie Schloss Solitude.