Ein Allround-Talent: Jim Avignon hat die Böblinger Kunstsammlung neu interpretiert. Foto: factum/Bach

„Neo interpretiert!“ heißt die Ausstellung in der städtischen Galerie zu ihrem 30. Geburtstag. Der Künstler Jim Avignon hat aus diesem Anlass Werken aus der Sammlung eine aktualisierte Version zur Seite gestellt.

Böblingen - Corinna Steimel strahlt: Zum 30. Geburtstag hat sie der städtischen Galerie ein besonderes Geschenk gemacht. „Es ist eine tolle Hommage an die Sammlung“, schwärmt deren Leiterin. Jim Avignon hat sich 20 Arbeiten aus dem Besitz der Stadt vorgenommen und sie in die Gegenwart geholt. Seine aktualisierten Klassiker ermöglichen einen „verschärften Blick“ auf die Originale“, findet Corinna Steimel. Dass der gefragte Künstler überhaupt Zeit für Böblingen hatte, ist für sie ein absoluter Glücksfall. „Neo interpretiert!“ hat sie die ambitionierte Ausstellung genannt, die am Sonntag, 9. Juli, in der Zehntscheuer eröffnet wird.

Aus Stiefmütterchen werden missmutige Nachbarn

Während Max Ackermann im Jahr 1930 ein im Wohnzimmer sitzendes Paar noch dem Grammofon lauschen ließ, hat Jim Avignon der Frau einen Laptop vorgesetzt und dem Mann ein Smartphone in die Hand gedrückt. Aus einem Strauß mit Stiefmütterchen hat er missmutige Nachbarn gemacht: Aus den Blumen wurden Gesichter, die grimmig, skeptisch und genervt dreinschauen. Vor allem humorvoll ist der Dialog, den der Urban-Art-Künstler mit Schlüsselwerken der Sammlung führte. Die „Landschaft bei Melchsee-Fruft“ von Gertrud Korel-Stemmler-Musculus malte er möglichst originalgetreu nach – bis auf zwei zusätzliche Paraglider und seine leuchtenden Farben, die aus der einsamen Bergwelt einen Freizeitpark machen.

Jim Avignon hat lange überlegt, ob er Corinna Steimels Auftrag annehmen soll. Für eine andere Ausstellung hatte er den Arbeiten zeitgenössischer Künstler seinen Stempel aufgedrückt, wodurch die Galerieleiterin auf die Idee für die Böblinger Sammlung kam. Doch die rund 100 Jahre alten Kunstwerke flößten ihm Respekt ein: „Wie weit kann ich gehen, ohne das Original abzuwerten?“, fragte sich der Urban-Art-Künstler. Er ist dann detektivisch vorgegangen, beschäftigte sich mit den Biografien der Maler, dachte sich in deren Stil ein. Über manche seiner Lösungen sei er selbst überrascht. „Mir hat es getaugt“, lautet sein Fazit nach 19 Bildern und einer Skulptur, „ich hatte Spaß daran.“

Georg Baselitz was here

Das „Proletarische Altarbild“ von Franz Frank aus dem Jahr 1928 hat ihm am meisten Kopfzerbrechen bereitet: Darauf ist ein Mann mit erhobenen Händen zu sehen, der gleich von einem Erschießungskommando umgebracht wird. Er stellte das Gemälde schließlich auf den Kopf und daneben ein Schild mit dem Hinweis „Baselitz was ­here“ als Reverenz an den Künstler, der mit dem Umdrehen seiner Bilder das gegenständliche Motiv abstrakt machte. Sehr ernsthaft ist Jim Avignon auch mit dem Selbstporträt von Hermann Sohn (1923) umgegangen. Der Künstler litt an einem Kriegstrauma, weshalb er in der Neuinterpretation seines Bildes einen Monitor in den Kopf montiert bekam, der in ewiger Abfolge Schlachtszenen zeigt. Lily Hildebrandts in Grau- und Schwarztönen gehaltener „Kubischer Kopf“ aus dem Ersten Weltkrieg fügt sich als „sad selfie“ nahtlos in die Gegenwart ein: Die traurige Frau, die sich in der Neuinterpretation mit dem Handy fotografiert, könnte aus Syrien sein.

Auch der Böblinger Haus- und Hofmaler Fritz Steisslinger hat eine Überarbeitung bekommen: Sein Porträt des Künstlerkollegen Reinhold Nägele wurde zu einem Aufsteller umfunktioniert, mit einem Loch in der Mitte. Indem der Besucher den Kopf durchsteckt, wird er selbst Teil des Gemäldes und kann sich darin ablichten lassen. Corinna Steimel plädiert mit der Ausstellung „für mehr Kreativität in der Museumslandschaft“. Sie hofft, damit ein breites und auch jüngeres Publikum anzusprechen. „Es gibt in Deutschland die Tradition, dass intelligente Kunst nicht Spaß machen darf“, sagt Jim Avignon, „ich versuche, das Gegenteil zu beweisen.“ Ein Gemälde von Willi Baumeister aus der Monturi-Serie wurde unter seiner Bearbeitung zu einer Traumlandschaft mit Schiff, Palme – und Zahnarzt.

Info zur Ausstellung

Künstler
: Jim Avignon, 1968 bei Karlsruhe geboren, zählt zu den Urban-Art-Künstlern der ersten Stunde. Der Autodidakt verschönerte Autobahnbrückenpfeiler, machte „Cheap Art“-Bilder, die billiger als ein Kaufhausdruck waren, lieferte 1997 auf der Documenta in Kassel eine Performance ab, bei der er jeden Tag ein Bild malte und es gleich wieder zerstörte. International wird er für seine überdimensionierten Wandmalereien geschätzt, etwa auf der Berliner Mauer. Unter dem Pseudonym Neoangin macht er auch Musik.

Ausstellung:
Zur Eröffnung am Sonntag, 9. Juli, von 15 Uhr an in der Zehntscheuer gibt es vom Künstler eine Live-Performance und anschließend ein Wohnzimmer-Konzert. Eine Straßenmalerei-Werkstatt, ein Vortrag über Cover-Songs sowie ein Poetry-Slam-Workshop gehören zum Rahmenprogramm

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