„Safer Sniffing“-Tütchen neben Kaugummis: Die neue Ausstellung „Stuttgart im Rausch“ im Stadtpalais zeigt die Arbeit von Take, einem Verein, der im Nachtleben über Drogen aufklärt.
Center Shocks – besonders saure Kult-Kaugummis – , Ohrstöpsel und Kondome: Sie liegen auf dem Take-Tisch genauso wie Dosierhilfen und „Safer Sniffing“ Tütchen – die ein Taschentuch, einen Alkoholtupfer, ein Ziehröhrchen und eine Karte enthalten und die damit einen sicheren Konsum von berauschenden Substanzen ermöglichen sollen. Die Infostände von Take, auf denen sich alles für eine sichere Partynacht findet, stehen normalerweise dort, wo gefeiert wird: auf Partys, Konzerten und Festivals.
Im Stuttgarter Nachtleben leistet Take Aufklärungsarbeit
Denn der Verein Take, der ein Angebot der Drogenberatung Release Stuttgart ist, setzt dort an, wo die Menschen der Stadt größtenteils ihre Rauschzustände erleben. Im Nachtleben, wie Robin Seitter von Take erklärt: „Wir sind dort, wo Konsum stattfindet. Man kann das als Analogie zum Streetworker sehen, die gehen auch dahin, wo die Jugendlichen sind. Wir gehen deshalb ins Nachtleben.“ Hier leistet das Team vor allem Aufklärungsarbeit. „Wäre die Gesellschaft aufgeklärt, bräuchte es uns nicht“, so Seitter weiter. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auch auf der Gruppe der Freizeitkonsumenten: Menschen, die beim Feiern mal berauscht sind oder darüber nachdenken, berauschende Substanzen auszuprobieren.
Dabei ist es dem Team wichtig zu betonen, dass sie nicht dafür da sind, die Feiernden zu belehren oder zu bekehren. „Die Menschen sollen mündige Entscheidungen treffen. Deshalb klären wir auf“, sagt Robin Seitter.
Abwasseruntersuchungen zeigen: „Drogen in allen Gesellschaftsschichten“
Am Freitagabend steht der Stand von Take allerdings in keinem Club, sondern im Stadtpalais wo ab 18 Uhr die Ausstellung „Stuttgart im Rausch. 11 Jahre Take – Ekstase, Sucht & Safer Nightlife“ eröffnet. „Wir wollen eine Ausstellung, die frei zugänglich ist, im Herzen der Stadt“, sagt Robin Seitter. Deshalb sei der Standort im Stadtpalais perfekt, schließlich finde Drogenkonsum auch nicht am Rand der Gesellschaft statt – wie manch einer vielleicht denkt. „Drogenkonsum findet in allen Gesellschaftsschichten statt“, sagt er weiter. Der Beleg dafür seien beispielsweise Abwasseruntersuchungen.
Die Ausstellung zeichnet aber nicht einfach die Geschichte des Angebots aus der akzeptierenden Suchthilfe nach, das vor elf Jahren gegründet wurde, um die Menschen vor einer etwaigen Abhängigkeit zu erreichen. Sie zeigt vielmehr, wie allgegenwärtig Konsum und Substanzen sind. Das erfahren die Besuchenden auf der als Rundgang angelegten Ausstellung, die mit der Frage beginnt, wie man selbst Drogenkonsum wahrnimmt und ob Alkoholkonsum als Drogenkonsum wahrgenommen wird.
Take-Ausstellung will zum Nachdenken anregen
Die Fragen sollen zum Nachdenken und zum Gespräch über das eigene Bild über Drogenkonsum und Konsumierende anregen. Aha-Erlebnisse gibt’s für die Besuchenden beispielsweise dank einer riesigen Tabelle über den Mischkonsum von Drogen. „Mischkonsum steigert das Risiko, ist aber eigentlich fast immer die Regel“, sagt Seitter. „Das prominenteste Beispiel hierfür ist übrigens Wodka Energy.“
Neben einer Substanzenkunde und der Frage, welche Substanz welches Risiko mit sich bringt, geht es in der Ausstellung auch um die Frage, wann jemand abhängig ist. Und natürlich spielt auch die Gesetzeslage rund um den Drogenkonsum eine Rolle.
„Legalisierung ist immer wieder ein Thema, diese Grafik hier zum Beispiel zeigt, dass ein unregulierter legalisierter Markt ebenso problematisch ist wie ein nicht legalisierter“, erklärt Seitter beim Thema „Zukunft der Drogenpolitik“. Denn, sobald eine Substanz legalisiert sei, bekäme auch die Wirtschaft ein Interesse daran. Das Ziel der Firmen, die mit Substanzen Geld machen? Dass Menschen die Substanzen zu sich nehmen.
Durch Haushaltskürzungen klafft Loch in der Vereins-Kasse
Die Ausstellung ist ein Spiegel der Arbeit von Take, einem Projekt, das mittlerweile ein fester Teil des Stuttgarter Nachtlebens ist. „Für viele gehören wir schon zum Sicherheitskonzept dazu“, erzählt Juliane Blanck von Take. Eigentlich könnte man meinen, dass die Macher damit alles erreicht hätten, was sie sich vorgenommen haben. Aber wie überall gibt es Luft nach oben – zehn Prozent weniger Geld durch die Haushaltskürzungen schlagen nämlich gerade ein Loch in die Take-Kasse.
Und ein sogenanntes Drug-Checking, das Substanzen für die Konsumierenden testet und das in anderen Ländern bereits gang und gäbe ist, würde den Konsum sicherer machen und steht deshalb für die Take-Mitarbeitenden ganz oben auf der Wunschliste: „Illegaler Konsum ist immer gefährlich, denn man weiß nicht, was man konsumiert, deshalb wäre eine solche Analyse wichtig“, erklären Juliane Blanck und Robin Seitter.
Ein Drug-Checking am Take-Stand ist aber bisher leider Zukunftsmusik. Zumindest so lange wie Politik und die Finanzierenden nicht erkennen, dass ein sicherer Konsum ein sicheres Nachtleben für alle Feiernden bedeuten würde.
Stuttgart im Rausch. Ausstellung vom 16.05. bis 21.06. in der Galerie im Stadtpalais.