Seit einigen Tagen geöffnet: die „Wildline“ auf dem Sommerberg bei Bad Wildbad ist zur Mitte hin nach oben gewölbt. Foto: dpa

Bad Wildbad hat eine neue Attraktion: eine 380 Meter lange Brücke namens Wildline. Damit soll der Sommerberg zur „Topdestination“ werden. Doch die Stadt will noch mehr: die Gäste sollen künftig länger bleiben.

Bad Wildbad - Seit ungefähr zehn Jahren erfreuen sie sich überall in Europa steigender Beliebtheit: Hängebrücken vermitteln durch ihre lichte Bauweise ein Gefühl ungemeiner Luftigkeit, und zugleich bieten sie einen ungewöhnlichen Nervenkitzel, weil der Gitterrost unter einem bei jedem Schritt ins Schwingen gerät. Oft haben diese neuen Hängebrücken deshalb gar keine direkte Funktion, sondern sie dienen vorwiegend dem Spaß der Begeher. Insofern sind sie manchmal im Grunde keine Brücke, sondern eher eine Art Fahrgeschäft.

 

Auch auf dem Sommerberg oberhalb von Bad Wildbad (Kreis Calw) ist nun eine solche Hängebrücke eröffnet worden: Die „Wildline“ spannt sich 380 Meter lang über die Bärenklinge – sie ist damit immerhin die längste Hängebrücke im Südwesten, ihre eigentliche Besonderheit liegt aber darin, dass sie sich zur Mitte hin nach oben wölbt – am Anfang kann man also das Ende der Brücke gar nicht sehen.

Neun Euro kostet der Eintritt pro erwachsener Person. Erbaut worden ist sie – mit ausschließlich privaten Mitteln – für rund drei Millionen Euro von der Firma Eberhardt Bewehrungsbau in Hohentengen. Das Unternehmen hat in Baden-Württemberg bereits einen guten Klang: Es hat den Testturm in Rottweil mitgebaut und plant dort ebenfalls eine Hängebrücke, die einen kurzen Weg von Altstadt zum Turm schaffen soll.

Der Sommerberg soll weiter ausgebaut werden

Die „Wildline“ ist ein weiteres wichtiges Element, um den Sommerberg zu einer „Topdestination“ des Schwarzwaldtourismus zu machen. Der Baumwipfelpfad zieht jährlich nach Angaben der Stadt 250 000 Besucher an, es gibt einen Märchenpfad und einen großen Bikepark mit Radlift, mehrere Hütten sorgen für das leibliche Wohl, und allein schon die Auffahrt mit der Sommerbergbahn ist ein Erlebnis.

Wildbads Bürgermeister Klaus Mack hat es auf diese Weise geschafft, die große Delle zumindest ein wenig auszubeulen, die das Ende des großen Kurbetriebs in den 1980er Jahren hinterlassen hat. Fast 500 000 Übernachtungen hatte Bad Wildbad vor 30 Jahren; das sank bis auf 140 000, heute sind es wieder gut 180 000; wenn man alle Übernachtungen mitrechnet und nicht nur wie die Statistik die der größeren Betriebe, sind es sogar 340 000. Und der Sommerberg soll weiter ausgebaut werden, sagt Bürgermeister Mack: Er kann sich einen Abenteuerspielplatz, eine Waldrodelbahn vom Eyachtal her und Baumhäuser zum Übernachten vorstellen. Letzteres soll dazu führen, dass nicht nur Tagestouristen den Sommerberg besuchen, sondern dass die Gäste mehrere Tage bleiben und vielleicht noch den Nationalpark und das Gasometer in Pforzheim besuchen. Denn dieses touristische Problem haben viele Hängebrücken: der überwiegende Teil der Besucher bleibt nur wenige Stunden.

Bad Wildbad kalkuliert mit 100 000 Besuchern im Jahr

Bei der Hängebrücke habe man auch bewusst keinen Rekord angestrebt, erzählt Mack weiter – denn der eigentliche Superlativ sei der Sommerberg als Ganzes: „Das baut uns so schnell keiner nach.“ Das Risiko, dass aus dem Gebiet immer stärker ein Rummelplatz werden könnte, sieht er nicht – im Gegenzug habe man in den Wäldern von Wildbad Wege und Loipen zugemacht, um dort wertvolle Rückzugsgebiete für das Wild zu schaffen: „Unser Konzept geht nicht auf Kosten der Natur“, sagt Mack.

Erfahrungen, wie eine Hängebrücke den Tourismus befördert, hat man schon in Mörsdorf im Hunsrück gesammelt. Die 360 Meter lange Geierlay-Hängebrücke ist im Oktober 2015 eröffnet worden; seither haben sich 700 000 Menschen schon über sie hinweg gewagt. In Bad Wildbad kalkuliert man mit 100 000 Besuchern im Jahr, also halb so viel wie in Mörsdorf.

Allerdings kostet die Brücke dort keinen Eintritt, sondern nur Parkgebühren – die Kosten von 1,2 Millionen Euro trugen EU, Land und Kommunen. Damals versprach eine Machbarkeitsstudie 50 000 zusätzliche Übernachtungsgäste und 2,5 Millionen Euro mehr Umsatz in der Region. Heute sagt Gadah Shatanawi, die Leiterin der Touristinformation Kastellaun: „Es gab eine Zunahme bei den Übernachtungen, aber lange nicht in dem vorhergesagten Bereich.“ Dennoch sei die Hängebrücke ein Leuchtturmprojekt für den Hunsrück und habe sich politisch wie touristisch bewährt. „Viele Restaurants sind so gut besucht, dass man ohne Reservierung keinen Platz mehr bekommt“, sagt Shatanawi.

Bei der geplanten Höllentalbrücke bei Hof gibt es Widerstand

Die Geierlay-Brücke hatte übrigens einige Anlaufschwierigkeiten. Anfangs kamen bis zu 3000 Gäste täglich in den 660-Seelen-Ort, sodass die Seitenstraßen zugeparkt waren und viel Müll weggeworfen wurde. In Bad Wildbad werde es das nicht geben, ist sich Klaus Mack sicher, weil die „Wildline“ in eine bestehende touristische Infrastruktur hingebaut worden sei.

Während die Brücke in Bad Wildbad ohne Proteste errichtet werden konnte, gibt es bei der geplanten Höllentalbrücke in der Nähe von Hof erheblichen Widerstand. Dort soll für zwölf Millionen Euro aus öffentlichen Kassen ein Rundkurs mit zwei Hängebrücken gebaut werden – die Höllentalbrücke wäre mit 720 Metern dann die längste Hängebrücke der Welt, die zweite Brücke wäre immerhin noch so lang wie jene in Bad Wildbad, also 380 Meter. Eine Bürgerinitiative und auch die Grünen kritisieren, dass damit erstens kein nachhaltiger Tourismus entstehe, sondern nur Tagestouristen angelockt würden, und dass es sich zweitens um ein Naturschutzgebiet handele, das durch den Massenansturm stark in Mitleidenschaft gezogen werden würde. Beim ersten Bürgerentscheid in Issigau unterlagen die Gegner allerdings – nur 43 Prozent waren gegen das Projekt.

Weitere Hängebrücken und ihre Superlative

TitanRT, Harz:
Mit 458 Metern Länge ist die TitanRT-Hängebrücke über der Rappbodetalsperre im Harz der längste Übergang dieser Art in Deutschland. Sie ist seit dem Frühjahr 2017 geöffnet; ein Erwachsener zahlt 6 Euro.

Geierlay, Hunsrück : Schon seit Oktober 2015 können Besucher umsonst die Geierlay-Hängebrücke im Hunsrück über den Mörsdorfer Bach benutzen. Sie ist insgesamt 360 Meter lang.

Highline179, Reutte : Seit November 2014 gibt es die Highline179, die kurz hinter der deutschen Grenze bei Reutte in Tirol auf 408 Metern Länge die Burg Ehrenfels mit dem Fort Claudia verbindet. Der Eintritt beträgt 8 Euro.

Kuonen, Zermatt : Die Charles-Kuonen-Hängebrücke in der Schweiz gilt mit 500 Metern Länge als längstes Bauwerk dieser Art weltweit. Sie hat auch eine Funktion als Wanderweg – über die Brücke verläuft der Europaweg von Grächen nach Zermatt. Sie ist auch deshalb kostenlos.

Titlis, Engelberg : Der Titlis Cliff Walk im Berner Oberland ist nur 100 Meter lang, kann aber zwei Superlative in Anspruch nehmen: Die Brücke liegt 500 Meter über dem Talgrund, und sie ist zugleich mit 3041 Metern Seehöhe die höchstgelegene Hängebrücke Europas. Die Brücke selbst ist umsonst, die Bahn hinauf ist dagegen nicht ganz billig.