Eine spektakuläre Hängebrücke überspannt den nicht minder spektakulären Todtnauer Wasserfall. Die einen sehen darin einen Meilenstein für den Tourismus im Schwarzwald, andere sind da schon skeptischer.
Der Gitterrost schwankt bedenklich und bringt den Mutigen ins Torkeln. Bis zu 1,50 Meter schwingt der Steg zur Seite aus, 120 Meter misst der Abstand zum Boden, der unter den Füßen gut sichtbar ist. Doch wer aufblickt, sieht von oben auf die Baumwipfel und erhält einen imposanten Blick über die Bergwelt des Südschwarzwaldes. Im Tal liegen Aftersteg und die ersten Häuser von Todtnau. Direkt unter der Hängebrücke, die mit 450 Metern bis auf Weiteres die längste ihrer Art in Baden-Württemberg ist, rauscht der Todtnauer Wasserfall ins Tal.
Wie es ist, auf der neuen Hängebrücke namens „Blackforestline“ zu stehen, kann von Samstag an jeder selbst herausfinden. Dann öffnet die neue Attraktion nach nur neunmonatiger Bauzeit. Andreas Wießner kann sich vom Brückengefühl allerdings nur erzählen lassen. „Ich traue mich da nicht drauf“, gibt er zu – Höhenangst. Doch der parteilose Bürgermeister von Todtnau hat im 24. und letzten Jahr seiner Wirkungszeit in der 5000-Einwohner-Stadt allein mit der Realisierung des Projekts schon viel gewagt.
„Das wird sportlich“, sagt der Bürgermeister
Als klar wurde, an welch prominenter Stelle auf seiner Gemarkung das Bauwerk aufgehängt werden soll, habe er schon geahnt: „Das wird sportlich.“ Schon bisher ist der Todtnauer Wasserfall ein absoluter Hotspot. Unterhalb des Ortsteils Todtnauberg stürzt das Wasser in zwei Schwüngen 97 Meter in die Tiefe. Nur der Wasserfall in Triberg ist höher – aber, so finden viele, lange nicht so spektakulär.
„Für den Besuch der Blackforestline braucht es Mut, für den Brückenbau auch“, sagt Günter Eberhardt. Der Mann, der in Riedlingen eine Firma für Bewehrungsbau betreibt, hat nicht nur Mut, sondern auch das nötige Kleingeld. Fünf Millionen Euro hat er in die Hängebrücke investiert. Zuvor ließ er schon die Hängebrücke „Wildline“ am Sommerberg bei Bad Wildbad bauen. Und das nächste Projekt ist in Planung. Spätestens im nächsten Jahr soll endlich der Bau einer Hängebrücke von der Rottweiler Altstadt über das Neckartal zum Aufzugstestturm beginnen. Beim Turmbau war Eberhardt als Bewehrungsbauer dabei.
Bisher wollte niemand Eintritt zahlen
In Todtnau ist man von der neuen Attraktion angetan. Vor drei Jahren hatte die Bevölkerung den Bau eines Ferienresorts noch abgelehnt. Diesmal habe es zwar keine Abstimmung, aber viel Zuspruch gegeben, sagt Franziska Brünner, Ortsvorsteherin von Todtnauberg. Die Brücke eröffne auch einen ganz neuen Blick auf den Ort. „Erstmals kann man erkennen, dass Todtnauberg ein Bergdorf ist“, sagt Brünner.
Vor allem biete sich für die Stadt die Chance, für die Unterhaltung der Wege, die immer wieder notwendigen Sicherungsarbeiten oder die Müllentsorgung rund um den Wasserfall eine finanzielle Entschädigung zu erhalten. Schon bisher sollte eigentlich jeder Wasserfall-Besucher Eintritt bezahlen. Doch die meisten scherten sich nicht darum. „Das Gebiet ist ja kaum abzusperren“, sagt Bürgermeister Wießner. Künftig fließen 2,50 Euro vom 12-Euro-Eintrittspreis für die Brücke an die Stadt.
„Jetzt gibt es eine Bezahlschranke“
In letzter Sekunde wird auch die Beschilderung der Wanderwege entsprechend angepasst. Denn dazu lädt die neue Attraktion ja ein: sie zum Teil einer größeren Wanderung zu machen. Der Rundgang über die Hängebrücke auf die andere Seite und hinunter zum Wasserfall und wieder zurück zum Ausgangspunkt ist locker in 90 Minuten zu schaffen. Auch größere Touren vom Notschrei oder zum Feldberg sind möglich.
Beim Schwarzwaldverein ist man gleichwohl skeptisch. „Wir sind es gewohnt, dass unsere Wege flächendeckend kostenfrei nutzbar sind. Nun gibt’s mit der Hängebrücke eben eine ‚Bezahlschranke’“, sagt der Hauptgeschäftsführer in Freiburg, Mirko Bastian. Kritisch sieht der Schwarzwaldverein das Verkehrskonzept. 100 000 Besucher erwartet der Investor im Jahr, bis zu 350 Menschen dürfen gleichzeitig auf die Brücke. Doch bisher fährt nur ein Linienbus einmal pro Stunde hinauf. Bei 130 Parkplätzen am Brückeneingang könnte es an schönen Tagen schnell knapp werden. „Es wird Situationen geben, da wird man in Todtnauberg über das Verkehrskonzept noch einmal diskutieren wollen“, glaubt Patrick Schreib, Chef der Hochschwarzwald Tourismus GmbH.
Droht an schönen Tagen ein Verkehrschaos?
Der Bürgermeister will es erst einmal auf sich zukommen lassen. Immer wieder werde von sanftem Tourismus geredet. „Aber was heißt das? Dass die Gaststätten leer sind?“ Die Brücke diene jedenfalls dem Ziel, den Schwarzwald zu einer touristischen Ganzjahresdestination weiter zu entwickeln. Beim Schwarzwaldverein sieht man es kritischer: „Unseres Erachtens bietet die Natur im Schwarzwald schon von sich aus genügend Erlebnismomente“, sagt Bastian. „Ob’s da wirklich noch eine raumwirksame technische Infrastruktur braucht für die Inszenierung der Landschaft, muss muss wohl jeder und jede für sich selbst entscheiden.“