Auch wenn die Hexe finster schaut – der neue Märchenwald ist ausgesprochen einladend. Foto: factum/

Der Ludwigsburger Märchengarten bekommt zu seinem 60. Geburtstag eine neue Attraktion. Dabei geht es um nichts weniger als um den „Aufbruch in ein neues Zeitalter“ – der sich allerdings als fulminanter Spaß entpuppt. Nicht nur für Kinder.

Ludwigsburg - Das Beruhigendste vorneweg: Die neue Szene, die seit Donnerstag den Ludwigsburger Märchengarten ziert, ist auch für Erwachsene toll, und auch für ältere Erwachsene. Dieser Umstand könnte angezweifelt werden, wenn man jenen Herren zuhört, die an der Erfindung und Entwicklung der neuen Szene beteiligt gewesen sind. Der Oberbürgermeister Werner Spec rühmt die „digitale Medieninstallation“; Andreas Hykade, der Leiter des maßgeblich beteiligten Animationsinstituts der Filmakademie, ist glücklich, nun auch im Märchengarten „die Kraft der interaktiven Arbeiten“ erlebbar zu machen; und Volker Kugel, der Direktor des Blühenden Barock, freut sich auf den „Aufbruch in ein neues Zeitalter“. Allerdings, das schiebt Volker Kugel sicherheitshalber hinterher: „Auch die Oma mit 75 kann hier spielen.“

Und wahrscheinlich, so ist bei der Eröffnungszeremonie zu vermuten, wird sie dabei ziemlich viel Spaß haben. Volker Kugel zumindest, nur 15 Jahre jünger als die fragliche Oma, hat ihn sichtlich. Und OB Spec, nur 14 Jahre jünger, strahlt auch wie ein Maikäfer, als er Aschenputtel zu dessen zweitem Schuh verholfen hat.

Der Märchenkönig bittet um Hilfe

„Tumult im Märchenwald“ heißt die neue Szene, die kein Märchen darstellt, sondern mit bereits vorhandenen Erzählungen spielt. Mit dem Rotkäppchen zum Beispiel, dem gestiefelten Kater oder dem erwähnten Aschenputtel. Bei ihnen und zahlreichen Weggefährten ist einiges durcheinander geraten – und die Besucher sollen aufräumen. „Kannst du mir helfen, wieder Ordnung in dieses Chaos zu bringen?“, bittet der Märchenkönig am Eingang in den neu geschaffenen Märchenwald, der sich im selben Gebäude wie das Däumelinchen befindet, das die Attraktion zum 50. Geburtstag des Gartens wurde.

Wie also kommt das hübsche Aschenputtel, das den Gast von einem großen Bildschirm entgegenblickt, an seinen zweiten Schuh? Und wie der gestiefelte Kater zu seinem Stiefel? Und das Rotkäppchen zu seinem Korb? Nichts leichter als das: Einfach an dem lila Baumstamm vor dem Bildschirm drehen. Und zwar so lange, bis unter diversen Gegenständen, die beim Drehen auf den Schirm schweben, der richtige auftaucht und das Aschenputtel vor Freude ausflippt. Oder der Kater. Und auch das Rotkäppchen.

Hänsel und Gretel hätten sich wohlgefühlt

Ähnlich verhält es sich mit den Bremer Stadtmusikanten, deren Mitglieder sich in alle Waldesrichtungen zerstreut haben. Mit einem beherzten Wisch über einen „Zauberstamm“ jedoch – und dem nötigen Wissen – können die Ordnungshüter die tierische Combo wieder zusammenstellen. Der Esel, der sich über die Leinwand schiebt, gehört dazu – Wisch nach rechts. Das Schaf nicht – Wisch nach links. Der Hahn ja, die Hexe nein. Und so weiter, und so fort, so lange, bis die Originalbesetzung komplett ist und, nun ja, singen kann.

Erschaffen haben diesen modernen Märchenwald Absolventen des Animationsinstituts der Filmakademie. Und man muss sich nicht besonders lange in diesem Wald aufhalten, um zu erahnen, wie gut diese Game- und Sounddesigner, Medientechniker und Raumgestalter, Producer und Interactionprofis sind, und wie viel Freude sie in den vergangenen zwei Jahren bei ihrer, trotz allem, Arbeit hatten. Hätten sich Hänsel und Gretel in solch einem warmen, liebevollen, ja einladenden Wald verlaufen – wahrscheinlich wären sie gern dort geblieben. Womit sich die neue Szene trotz aller Modernität bestens in die ältere Märchenwelt einfügt. Wenn Volker Kugel also sagt: „Wir wollen das Erbe Albert Schöchles bewahren“, hat er einen schönen Beweis dafür.

Keine nassen Füße im Froschteich

Schöchle hat den Märchengarten, der am 16. Mai 1959 eröffnet worden ist, erfunden. Er wollte damit die Zahl der Besucher im Blühenden Barock dauerhaft erhöhen – was ihm gelungen ist. Die Einnahmen stiegen um 50 Prozent. Und aktuellen Befragungen zufolge, kommt die Hälfte der Blüba-Besucher wegen des Märchengartens – der übrigens seit jeher auf modernste Technik setzt: Das analoge Tonbandgerät, das anfangs den Papagei im Märchengarten zum Sprechen brachte, war seinerzeit „High-End-Technologie“, wie Volker Kugel es formuliert.

Für die 350 000 Euro, die der Tumult im Märchenwald gekostet hat, hat es auch noch zu einem Teich gereicht, in dem sich Frösche und goldene Kugeln tummeln. Die digitalen Objekte in dem simulierten Gewässer zu vereinen, damit daraus viele Froschkönige werden, gehört auch zur interaktiven Aufräumaktion. Nasse Füße bekommt man dabei nicht, aber beim Hüpfen von Kugel zu Frosch und Frosch zu Kugel ziemlich gute Laune. Und die kann man in jedem Alter brauchen.

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