Verena Stub war 38 Jahre alt und hatte zwei kleine Kinder, als sie an Brustkrebs erkrankte. Sie weiß also, was die Krankheit mit Familien macht. Heute ist sie Großmutter – und unterstützt mit ihrem Verein Sonnenstrahlen Kinder krebskranker Eltern. Seit kurzem auch in Stuttgart.
Stuttgart - Verena Stub weiß aus eigener Erfahrung, was Krebs mit Familien macht. Vor zehn Jahren hat sie deshalb den Verein Sonnenstrahlen gegründet – der hilft nun auch Kindern in Stuttgart.
Frau Stub, wie vermittelt man es seinem Kind, dass Mutter oder Vater an Krebs erkrankt ist?
Ich rate zu Offenheit. Man kann das den Kindern kindgerecht beibringen. Wobei ich sie langsam ranführen würde. Man sollte nicht gleich sagen: „Mama muss sterben.“ Es gibt auch gute Kinderbücher und Broschüren, die man zu Hilfe nehmen kann. Manche Eltern machen das schon sehr gut. Die Kinder bekommen auf ihre Fragen eine ehrliche Antwort. Andere Eltern können das nicht vermitteln. Dann ist es wichtig, sich Unterstützung zu holen.
Ihr Verein Sonnenstrahlen feiert dieses Jahr seinen zehnten Geburtstag. Bisher sind Ihre Aktivitäten auf den Landkreis Reutlingen beschränkt gewesen. Wie kommt es, dass Sie nun auch in Stuttgart eine Dependance haben?
Wir hatten immer wieder Anfragen von Familien aus Stuttgart, ob ihre Kinder bei uns eine Therapie machen können: eine Reittherapie oder eine Kunsttherapie. Aber eine Stunde Fahrtzeit, das hält man nicht lange durch. Dann haben wir zum Glück diese wunderbaren Räumlichkeiten hier bei Kiss Stuttgart gefunden.
Was bieten Sie den Familien an?
Unser Angebot richtet sich an Kinder von vier bis 18 Jahren, die ein an Krebs erkranktes Elternteil oder Geschwister haben. Auch nach einem plötzlichen Tod, zum Beispiel durch einen Unfall, bieten wir Trauerbegleitung an, da haben wir uns geöffnet. Die Kinder haben in unserer Anlaufstelle die Möglichkeit, ihre Ängste in Bahnen zu lenken. Wir haben geschulte Therapeutinnen, die die Kinder begleiten. In Stuttgart bieten wir erst mal nur Kunsttherapie an, in Reutlingen auch Reittherapie und Erlebnispädagogik. Die Familien zahlen übrigens nichts für die Therapien.
Wie ist die Resonanz bislang?
Wir müssen in Stuttgart erst noch bekannt werden – da arbeiten wir gerade dran, indem wir zum Beispiel an die Krankenhäuser herantreten, an die Krebsberatungsstelle, die Hospize und das Kinderhospiz. Schulen und Kindergärten werden wir auch noch über unser Angebot informieren. Denn nicht alle Eltern sind in der Lage, sich selbst Informationen und Hilfe zu suchen.
Sie wissen auch aus persönlichen Gründen, in welcher schwierigen Lage sich die betroffenen Familien befinden. Sie waren 38, ihre Kinder vier und sieben Jahre alt, als Sie an Brustkrebs erkrankten. Was ging damals in Ihnen vor, als Sie die Diagnose erhielten?
Als Krankenschwester war ich natürlich aufgeklärt, und ich wusste, dass es nicht einfach werden würde, weil schon die Lymphknoten befallen waren. Während der Chemotherapie war ich immer vier Wochen in Karlsruhe in der Klinik, vier Wochen zu Hause. Nach einem Jahr schien alles okay.
Wussten Ihre Kinder, wie es um Sie stand?
Sie wussten am Anfang nur, dass ich krank und brustamputiert bin, aber nicht, was das beinhaltet. Ich weiß noch, wie ich mit meiner Tochter mit dem Zug nach Karlsruhe fuhr und meine Tochter eine Frau ansprach: „Du, meine Mutter hat nur eine Brust.“ Die Frau meinte zu ihr, das sei sicher nicht so. Da hat meine Tochter durch den ganzen Zug mit glockenheller Stimme gerufen: „Gell, Mutti, du hast nur eine Brust.“ Ich war damals sogar froh, dass sie sich so unbefangen äußern konnte. Dennoch habe ich selbst nicht mit meinen Kindern über meine Krankheit gesprochen.
Bereuen Sie das?
Heute würde ich anders handeln, aber damals wusste ich es nicht besser. Und anfangs war es noch nicht ernst. Das kam später, als ich die schweren Rückfälle hatte. Besonders schlimm war es 1990, als man die Leber- und Knochenmetastasen feststellte. Ich dachte, ich lebe noch ein halbes, drei viertel Jahr. Ich habe sogar die Konfirmation meiner Tochter um ein Jahr vorgezogen. Die wollte ich unbedingt erleben. Später habe ich erfahren, dass mein Sohn damals eine Freundin gefragt hat, ob ich sterben muss. Mich hat er das nicht gefragt. Ich denke, das liegt daran, dass ich auf Distanz zu den Kindern gegangen bin.
War das aus Selbstschutz?
Nein. Ich bin auf Abstand gegangen, weil ich dachte, dass sie dann vielleicht nicht so um mich trauern müssen. Zwei Jahre später starb dann mein Mann innerhalb von nur einem halben Jahr – er hatte einen sehr aggressiven Krebs. Die Frauenselbsthilfe hat mir sehr durch diese Zeit geholfen. Dort habe ich mich engagiert und später Familien begleitet. Dabei habe ich gemerkt, dass wir etwas brauchen, um die Kinder aus ihrer Angst holen. So entstand die Idee zu Sonnenstrahlen.
Sie sagen, man müsse die Kinder aus ihrer Angst holen. Wie geht das zum Beispiel?
Sie können in der Kunsttherapie über die Farben ihre Trauer ausdrücken. Die meisten Kinder, die zu uns kommen, sind eher klein, im Alter von fünf bis zwölf Jahren. Manche können aufgrund des Verlusts erst mal gar nicht sprechen. Ich erinnere mich an einen Jungen, bei dem das nach dem Tod des Vaters so war. Er war bei uns in der Reittherapie. Er stand dann am Pferdebein, hat es gestriegelt und mit dem Bein gesprochen. Es war ein Anfang.
Bei Schulkindern kann durch die psychische Belastung schnell die Schulkarriere gefährdet sein, weil die Noten in den Keller gehen.
Ja, das ist oft der Fall. Ich weiß noch, wie damals ein Schreiben vom Schulleiter bei uns zu Hause ankam, ich solle meine Tochter von der Schule nehmen, weil sie einen Leistungsabfall hatte. Das habe ich natürlich nicht getan, sondern bin zu dem Rektor, um mit ihm zu sprechen. Es kann schließlich nicht sein, dass ein Kind ein Elternteil verliert und dann auch noch die Klassenkameraden. Sie hat übrigens ihr Abitur gemacht, studiert, promoviert und ist Zahnärztin geworden. Dazu wäre es nicht gekommen, wenn ich sie runtergenommen hätte. Heute, habe ich den Eindruck, sind die Schulen sensibler geworden. Aber natürlich müssen sie von den Eltern informiert werden über die Situation.
Wie geht es Ihnen heute gesundheitlich?
Ich plane von Jahr zu Jahr, und das schon ziemlich lange. Mein letzter Rückfall war vor 13 Jahren. Ich habe Spätfolgen von der Bestrahlung, aber es geht mir gut, solange ich das hier machen kann. Ich habe noch eine Aufgabe: Kindern zu helfen ist mir eine Herzensangelegenheit. Meine Lebensfreude habe ich mir nie nehmen lassen, auch nicht von der Krankheit. Ich habe mir immer gesagt, bevor der Krebs mich kriegt, kriege ich ihn.