Campino verarbeitet zwei Todesfälle im Freundeskreis in Liedern der Toten Hosen. Foto: dpa

Auch wenn die Sonne scheint, muss man manchmal über das Sterben nachdenken. Die Toten Hosen und Martin Klumpp können dabei helfen, meint Lokalchef Holger Gayer.

Stuttgart - In ruhigen Momenten kann ein bisschen Punk nicht schaden. Wer zum Beispiel über das Leben und den Tod nachdenken möchte, aber keine Lust auf eine 16 743 Seiten lange Abhandlung über den Blödsinn des Satzes „Er hat seinen letzten Kampf verloren“ hat, dem seien Auszüge aus dem umfangreichen Oeuvre der Toten Hosen empfohlen. In deren philosophischem Frühwerk „Bis zum bitteren Ende“ aus dem Jahre 1983 heißt es: „Und die Jahre ziehen ins Land/Und wir trinken immer noch ohne Verstand (. . ­.) Und wenn einmal der Abschied naht/Sagen alle, das hab ich schon immer geahnt.“

35 Jahre später schlürfen die Punk-Opas aus Düsseldorf Ingwertee und wissen, dass es neben der Bierzeltpoesie über den Rausch des Lebens auch die politische und die persönliche Seite des Todes gibt. Bereits 2012 (drei Jahre vor Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“ und dem Erstarken der AfD) sang Campino im Lied „Europa“ von den Flüchtlingen, die sich ins gelobte Land aufmachen („Zum Abschied winken ihre Familien“), aber dort nie ankommen: „Und der Rest, der wird ersaufen/Im Massengrab am Mittelmeer.“ Fünf Jahre später widmete die Band dem toten Freund Jochen das Lied „Eine Handvoll Erde“ und setzte ans Ende des Albums „Laune der Natur“ ein ganz besonderes Stück. „Kein Grund zur Traurigkeit“ heißt es. Leadsänger darauf ist der ebenfalls verstorbene frühere Hosen-Schlagzeuger Wölli. Am Ende ihres Konzerts auf dem Wasen in diesem Sommer geleitete das Lied die Fans nach Hause.

Martin Klumpp leistet wertvolle Arbeit mit Trauernden

Vielleicht hilft die Kraft der Musik auch Martin Klumpp ein wenig bei seiner wertvollen Arbeit. Von der kommenden Woche an bietet der frühere Stuttgarter Prälat wieder drei Gesprächsgruppen für Menschen in Trauer an: am 9. Oktober um 19.30 Uhr beginnt die Gruppe für Eltern, die um ein Kind trauern, am 10. Oktober um 19 Uhr jene für Frauen, die ihren Mann oder Partner verloren haben, am 16. November startet eine Gruppe zum Thema „Trauer nach Schwangerschaftsabbruch“. Ort ist jeweils der Hospitalhof in Stuttgart.

„In der angenehmen Atmosphäre einer solchen Gruppe können die Trauernden ihre Gefühle in sich aufspüren und offen aussprechen. Sie nehmen wahr, wie andere mit ihrer Trauer umgehen, und finden, dass sie nicht alleine sind“, sagt der evangelische Pfarrer Klumpp und berichtet davon, wie er in der vergangenen Woche in vier Gruppen den Abschiedsabend gefeiert hat: „Von Oktober 2017 bis jetzt haben etwa 65 Menschen je elfmal an diesen Gruppen teilgenommen. Die Rückmeldungen am letzten Abend waren bewegend und auch für mich eindrucksvoll. Da weiß man, wie sinnvoll diese Arbeit ist.“

Wer mehr darüber wissen will, darf Martin Klumpp unter der Nummer 0711 / 7 67 65 88 anrufen. Vergessen Sie dabei nicht, ihm nachträglich zum Geburtstag zu gratulieren. Der Mann des Lebens ist an diesem Freitag 78 Jahre alt geworden.

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