Juliana Herzberg vom Theater La Lune wird StolperKunst vorführen. Foto: Max Messer (z)

Seit 15 Jahren hat die Stolpersteininitiative um Rainer Redies in Bad Cannstatt Steine verlegt. Heute findet die letzte Aktion dieser Art statt. Danach gibt es das neue Projekt StolperKunst.

Bad Cannstatt - Zum 24. Mal werden in Bad Cannstatt Stolpersteine verlegt. Die Aktion findet zum letzten Mal statt, kündigen Anke und Rainer Redies an. In 15 Jahren haben sie 126 Stolpersteine ermittelt. Jetzt gibt es eine neue Form der Erinnerung: die StolperKunst. Und die wird bei der letzten Stolperstein-Verlegung auch schon eine Rolle spielen. Der Grund: „Die Erinnerungsarbeit soll lebendig bleiben“, so Rainer Redies. Auch das politische Bewusstsein der jungen Menschen solle angesprochen werden. Und so tritt die StolperKunst künftig mehr in den Vordergrund, welche es stadtweit als Initiative seit drei Jahren gibt. „Die Initiative trifft sich regelmäßig und hat auch schon beispielsweise im Wilhelma Theater Theateraufführungen mit Lokstoff erlebt“, so Redies. Es sei eine erweiterte Form der Erinnerungskultur, bei der die Stoffe, die damit verknüpft sind, als Bilder, Theater oder Performance dargestellt werden können. Seit 2006 ist Bad Cannstatt in das Netz von mittlerweile 72 000 Stolpersteinen eingebunden, welches sich über 24 Länder Europas erstreckt. Gunter Demnig, der die Stolpersteine verlegt und das Netz der Stolpersteine weiter knüpft, kommt am 1. April zum 24. Mal nach Bad Cannstatt.

126 Cannstatter Opfer der NS-“Euthanasie“

An vier Opfer der NS-„Euthanasie“ wird er mit seinen Kleindenkmalen dort erinnern, wo sie gelebt haben, ehe sie Ärzten und Kliniken anvertraut wurden, die dieses Vertrauen schwer missbraucht haben. „Weil diese Schwachen der Gesellschaft sich nicht selbst vertreten konnten und kaum jemand für sie eintrat“, so Redies, „wurden Emma Bertha Lutz, Georg Ebe, Alber Schoor und Friedrich Kühner in Grafeneck im Gas erstickt“. Mit ihnen werde der mehr als 10 000 Kranken gedacht, an denen 1940 der industrielle Massenmord erprobt wurde.

„Diese 24. Cannstatter Stolperstein-Verlegung verläuft anders als bisher üblich“, kündigt Redies an. Die Steine für Georg Ebe (Kissinger Straße 48), Emma Bertha Lutz (Wildunger Straße 41) und Albert Schoor (Wildunger Straße 46) werden ohne Begleitprogramm verlegt. Das Geschehen konzentriert sich um circa 11.15 Uhr auf den Stolperstein für Friedrich Kühner in der Kreuznacher Straße 17 und erfährt mit StolperKunst einen besonderen Akzent. Es wird eine kurze Ansprache geben, dann leitet Akkordeon-Virtuose Frank Eisele mit Improvisationen zu einer Lesung über. Darauf folgt eine Szene aus Georg Taboris Stück „Jubiläum“. Zum 50. Jahrestag der Machtübergabe an die Nationalsozialisten geschrieben und 1983 uraufgeführt, vereint es Juden und Homosexuelle, Ärzte und Behinderte, Täter und Opfer in einem tödlichen Spiel – und kommt doch zu einem versöhnlichen Ende. Es spielen Julianna Herzberg vom Theater La Lune im Stuttgarter Osten und Jan Uplegger aus Berlin. Mit dieser Verlegung werden die letzten der bis jetzt bekannt gewordenen 126 Cannstatter Opfer der NS-Diktatur gewürdigt. Als Dankeschön an ihre Spender, Helfer und Wegbegleiter, die ihre Arbeit während 15 Jahren ermöglicht und gefördert haben, verteilt die Cannstatter Stolperstein-Initiative bei der Verlegung am 1. April eine Broschüre mit Rückblick und Ausblick. Die Initiative gibt Ausblick auf ihr neues, mit StolperKunst beschriebenes Arbeitsfeld. Unter dem Motto „Kunst belebt Erinnerung“ will diese Initiative die bisherige Arbeit fortführen, indem sie mit Mitteln der Kunst die Geschichten neu erzählt, die mit jedem Stolperstein verknüpft sind, so Redies.

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