Schwebender Quader und Herz der „World of Sports“ in Herzogenaurach: die Adidas Arena Foto: Behnisch Architekten/ David Matthiessen

Das Büro Behnisch Architekten aus Stuttgart hat das neue Adidas-Headquarter in Herzogenaurach geplant. Das skulpturale Gebäude, das an ein Stadion erinnert und den Adidas- Campus komplettiert, ist eine gebaute Symbiose aus Marke, Jugendlichkeit und dem Streben nach Superlativen.

Herzogenaurach - In der neuen Adidas Arena tragen alle Mitarbeiter Adidas-Schuhe. Eine Schuhordnung dürfte kein Arbeitsvertrag enthalten, die Identifizierung mit der Marke ist ungeschriebenes Gesetz. Corporate Identity bis in die Zehenspitzen. Was würde wohl Adi Dassler dazu sagen, der Gründer des Drei-Streifen-Imperiums, der, in Bronze gegossen, nachdenklich und irgendwie sehr bescheiden vor dem riesigen Quader sitzt und einen Fußballschuh in der linken Hand hält?

 

Die spektakuläre von Behnisch Architekten aus Stuttgart geplante Arena komplettiert seit kurzem den „World of Sports“ genannten Adidas-Campus. Weithin sichtbar durch sein enormes Volumen, auf Anhieb identifizierbar durch die markante Fassade bildet der Neubau das Herz des 59 Hektar großen Firmenareals im Nordosten der fränkischen Kleinstadt, in der der Sportartikelhersteller seit 1949 beheimatet ist. Viel Platz für die insgesamt 5600 Herzogenauracher Mitarbeiter, zum Arbeiten in den diversen Bürobauten und zum Sporttreiben, im Fitnessstudio oder auf den Outdoor-Sportanlagen, wo sie Fußball und Basketball spielen können oder klettern und Trampolin springen. Die Gebäude heißen „Laces“, Schnürsenkel, oder, im Fall des 2018 fertiggestellten Kantinen- und Konferenzzentrums, „Halftime“, Halbzeit. World of Sports eben. Eine Milliarde Euro wurden seit 1999 hier investiert.

So groß wie 2,4 Fußballfelder

Stefan Rappold von Behnisch Architekten sagt, beim Entwerfen der neuen Bürozentrale habe man nicht die Analogie zu einem Sportbau gesucht, Gestalt und Konstruktion hätten sich vielmehr aus der „architektonischen Logik“ entwickelt. Der Bau sollte sichtbar den fehlenden Auftakt des Campus bilden, Wege verknüpfen und vor allem ein „hochflexibler Organismus“ sein. Für Christian Dzieia aber ist es keine Frage: „Das Gebäude hat von außen den Charakter eines Stadions“, sagt der Leiter des globalen Immobilienmanagements des Konzerns. Wie ein Spieler ein Stadion betrete, so betrete ein Mitarbeiter die Adidas Arena, und wie der Spieler gebe der Mitarbeiter seine Bestleistung. Die Marke hat sich die Architektur einverleibt. Corporate Identity bis in die schmalste Betonfuge.

Dass man ein Stadion assoziiert, liegt freilich schon an den Dimensionen: Der Baukörper hat in der Grundfläche die Größe von 2,4 Fußballfeldern, für rund 2000 Mitarbeiter stehen 52000 Quadratmeter zur Verfügung. Auch die skulpturale Anmutung des wie von gespreizten Fingern getragenen Quaders stützt den Arena-Vergleich – die Kiste liegt auf 67 unregelmäßig angeordneten Stahl-Beton-Verbundstützen auf und scheint in der Luft zu schweben.

Die markante Fassade optimiert die Energiebilanz

Vertraute, Maßstäblichkeit bildende Parameter wie Geschosszahl oder Fenster sind unter der aus weißen gekanteten Stahlblech-Rauten geformten Fassadenhaut versteckt. Mitnichten dekorativer Schnickschnack, sondern ein feststehendes System zum Sonnenschutz und zur Tageslichtoptimierung, das je nach Himmelsrichtung in Tiefe und Form variiert. Die renommierten Licht-Spezialisten von Bartenbach Lighting Design aus Österreich haben den Stuttgarter Architekten geholfen, dieses maßgeschneiderte und die Energiebilanz optimierende Design zu entwickeln.

Der Quader wird von sechs unregelmäßig angeordneten Lichthöfen durchbrochen, die Tageslicht ins Innere bringen. Unter ihn haben die Planer ein weitgehend offenes Zwischengeschoss gepackt. Die Freiluft-Etage verbindet das Gebäude organisch mit dem Außengelände und hält im Freien Sitzgelegenheiten und Pflanzzonen bereit. Und eine knallblaue, aus recycelten Sportschuhen hergestellte Tartanbahn. Im Inneren birgt dieser gebaute Landschaftshügel das Erdgeschoss mit Foyer, Konferenz- und Serviceräumen. Geht man wiederum auf einem Tartanbahn-Weg – diesmal ist er rot – auf den gläsernen Eingang zu, ist man kurz versucht, in ein lockeres Jogging-Tempo zu verfallen. Im Gebäude selbst kann man weiter sporteln: Eine freitragende Treppe aus schwarzem Stahl zickzackt sich eindrucksvoll vom Foyer aus durch ein luftiges Atrium nach oben und führt zu den drei Arbeitsgeschossen. Gehe man die 136 Stufen ein Jahr lang täglich einmal hoch und runter, werde so viel Energie wie bei einem Marathonlauf umgesetzt, heißt es im PR-Text von Adidas. Im siegreichen Wettbewerbsentwurf waren Rolltreppen vorgesehen, erzählt Stefan Rappold. Inzwischen finden auch die Architekten, dass die Treppe die passendere Lösung für ein Unternehmen sei, bei dem sich alles um Sport dreht.

Treppe als Begegnungsort

Die Treppe funktioniere hervorragend als Ort für Begegnungen und spontane Kommunikation, freut sich Christian Dzieia. Und Kommunikation in allen Varianten zu ermöglichen, das ist die Aufgabe der entstandenen Arbeitswelt, die, so der Anspruch des Bauherrn, nicht weniger als „die besten Arbeitsplätze der Welt“ hervorbringen sollte. Diese breiten sich nun auf weiten, offenen Flächen um die zentrale Achse herum aus und sind „nonterritorial“. Sprich: Jeder kann sich niederlassen, wo er oder sie es will und wie es die Situation gerade erfordert; für die persönlichen Dinge stehen Metallspinde bereit. In die monochromen Büroflächen eingestreute farbige Schiffscontainer dienen mal als „Phone Room“, mal als intime Konferenz-Box oder Einzelkabine; zudem gibt es Nachbarschaft-Treffs, die mit Sofas und Regalen Wohnzimmer-Atmosphäre schaffen.

Die Teeküchen heißen „kitchen hubs“

Damit auf diesem flexiblen Arbeits-Spielfeld – 15 000 Quadratmeter pro Bürogeschoss – die Orientierung nicht verloren geht, wurden sechs Zonen definiert und in Farbe, Materialität und Design voneinander abgesetzt. Die Metropolen Los Angeles, London, Tokio, Paris, New York und Schanghai standen Pate – bedeutende Standorte des Sportgiganten. In der Teeküche von Los Angeles etwa dominiert helles Holz und Ozeanblau, in Paris spielen grüne Kacheln und Metall-Elemente auf die Metro und den Eiffelturm an. Alles in der Arena ist bis hin zum Wegweiser-System durchgestylt, kommt aber, etwa durch die sichtbaren Technikinstallationen, sehr hemdsärmelig daher – entsprechend der informellen Unternehmenskultur. Man ist per du bis zum Vorstand.

Die Teeküchen, die sich zur zentralen Achse öffnen, heißen nicht Teeküchen, sondern „kitchen hubs“. All die Anglizismen mögen Außenstehenden ein wenig lächerlich vorkommen. In der Adidas-Welt aber ist Englisch Unternehmenssprache; 90 Prozent der 57 000 weltweiten Mitarbeiter, die im Schnitt 31 Jahre alt sind, haben keinen deutschen Pass – in Herzogenaurach gilt das immer noch für vierzig Prozent der Angestellten. Die neue Adidas Arena ist eine Symbiose von Marke, Jugendlichkeit und Architektur und ein stolzgeschwelltes Statement, erwachsen aus dem sportlichen Streben nach Superlativen. Bescheidenheit wäre wohl aber der falsche Weg, um High Potentials aus aller Welt dazu zu bringen, sich nicht für Shanghai oder Los Angeles zu entscheiden. Sondern für Herzogenaurach.