Allein wegen der Luftqualität müsse auf Durchgangsstraßen Tempo 30 verfügt werden, fordert der BUND. Allerdings legen Gutachten das Gegenteil nahe. Foto: factum/Bach

Was den Lärmpegel senkt, kann der Umwelt schaden. In welchem Maß, hängt von der Strecke genauso ab wie vom Fahrverhalten jedes einzelnen – und nicht zuletzt vom Gutachter, der befragt wird.

Herrenberg - Eine „Höchstgeschwindigkeit auf den Hauptverkehrsstraßen von 30 oder 40 km/h“ werde die Konzentration von Stickoxiden in der Luft um 15 bis 20 Prozent verringern. Das hätten Stuttgarter Straßen bewiesen, an denen der Autofahrer Vorwärtsdrang auf 40 Stundenkilometer gedrosselt wurde. So ließ es die Herrenberger Ortsgruppe des Bundes für Umwelt- und Naturschutz, des BUND, in einem Brief ans Rathaus wissen, verbunden mit der Forderung, die Tempobremse umgehend zu verfügen. Stadträte assistierten: Tempo 30, sei nicht nur des Lärms, auch der Luft wegen geboten. Die Stadt will auf mehreren Durchgangsstraßen das Limit verfügen, aber ausschließlich, weil an ihnen der Schallpegel sinken soll (wir berichteten).

Ob niedrigere Geschwindigkeiten die Gifte in der Luft schwinden lassen oder sie gar mehren, ist unter Wissenschaftlern hingegen umstritten. Die Vorhersage des BUND, dass bis zu einem Fünftel weniger Stickoxide zu erwarten seien, ist mit dem Beispiel Stuttgart jedenfalls nicht belegbar. Herrenbergs Kernstadt ist weitgehend eben. Die Stadt Stuttgart unter ihrem grünen Oberbürgermeister Fritz Kuhn hat die Geschwindigkeitsbremse nur für Steigungen von mindestens fünf Prozent angeordnet. 30 gilt auf keiner Durchgangsstraße.

Der Tüv fuhr in mehreren Städten Messrunden

Als Modell gilt die Hohenheimer Straße, an der eine Messstation steht. Dort sank die Konzentration von Stickoxiden nach Einführung von Tempo 40 um 16 Prozent. Allerdings wurde zeitgleich eine grüne Welle geschaltet, außerdem eine Spur für den Verkehr freigegeben, die zuvor als Parkstreifen diente. Bergab oder auf ebener Strecke gilt aber auch in Stuttgart, dass Tempo 40 in Bezug auf die Luftqualität bestenfalls wirkungslos ist – oder schädlich. Eben darum wird gestritten, nicht nur am Stammtisch, auch in Fachkreisen. Die Landesumweltanstalt schickte den Tüv auf Testfahrt, um den Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit und Schadstoffausstoß zu ergründen. Unterschiedliche Automodelle fuhren in mehreren Städten Runden mit 30, 40 und 50 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit. Das Ergebnis war „ein eindeutiger Trend zu steigenden Emissionen bei geringeren Geschwindigkeiten“. Was die derzeit heftig debattierten Stickoxide betrifft, stellten die Gutachter fest, dass „Geschwindigkeitsreduzierungen auf Tempo 30 oder 40 nicht zu einer Verminderung der NOx-Emissionen führen.“

NOx ist das Kürzel für die chemische Familie der Stickoxide. Die Gase reagieren mit Flüssigkeit zu Säure, verätzen die Atemwege und sind in hoher Konzentration giftig. Neben dem Feinstaub gelten die umweltpolitischen Anstrengungen derzeit insbesondere den Stickoxiden, weil deren Konzentration allenthalben steigt. Weshalb das Bundesumweltamt mahnte, dass „Stickstoffdioxid sich zum Schadstoff Nummer eins entwickelt“.

Ein Gutachten kommt zum gegenteiligen Ergebnis

Die Landesumweltanstalt setzte nach dem Tüv auch die in Aachen ansässige Aviso GmbH in Bewegung. Die fuhr Testrunden zwecks einer „Ersteinschätzung der Wirkung von Tempo 30“, wie die Studie benannt ist, und unterzog die Testfahrten des Tüv einer Modellrechnung. Das Ergebnis des Gutachtens: Während der Aviso-Messrunden stießen die Motoren bei niedriger Geschwindigkeit weniger Gift aus. Den Tüv-Fahrern rechneten die Gegengutachter vor, dass sie falsche Streckenabschnitte gewählt oder zu stark beschleunigt hätten, was entgegen landläufiger Meinung Sprit spart, damit den Schadstoffausstoß senkt.

Die Berechnungen der Aachener fußen darauf, dass Tempo 30 schneller erreicht ist als Tempo 50. Damit verkürzen sich die spritfressenden Beschleunigungsphasen, aber auch das Aviso-Gutachten kam zum Schluss, dass bei konstanter Fahrt die höhere Geschwindigkeit die Umwelt schont. Was unter anderem mit der Gangwahl begründet ist. Gemäß dem eidgenössischen Ökoinstitut Energie Schweiz verbrennt ein moderner 1,4-Liter-Motor bei Stadtgeschwindigkeiten im dritten Gang fast doppelt so viel Sprit wie im sechsten. Rund drei Viertel der Autofahrer wählen bei Tempo 30 sogar den zweiten Gang. Die Erklärung, warum selbst Testfahrten auf gleichen Strecken zu gegenteiligen Ergebnissen kamen, ist im Aviso-Gutachten auf der Seite 56 von 80 einem Diagramm zu entnehmen: Die Fahrer des Tüv hatten auf ihren Runden schlicht seltener gebremst und beschleunigt als die von Aviso.

Dass Tempo 30 den Lärmpegel senkt, ist hingegen unumstritten. Die Stadt Herrenberg hat sich diese Erkenntnis dennoch von eigenen Gutachtern bestätigen lassen. Die empfehlen, eher nebenbei, einen möglichst reibungslosen Verkehrsfluss.

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