Das Modell zeigt die drei geplanten Gebäude hinter der Stadtkirche – über die Größe des südlichen Komplexes (rechts) wird viel diskutiert. Foto: Barkow Leibinger

Die knappe Ankündigung im Gemeinderat, dass Bäume auf dem Plateau gefällt werden, zieht viel Kritik nach sich. In einem kurzfristig anberaumten Treffen vor Ort muss die Böblinger Stadtverwaltung die Maßnahme nochmals erklären. Doch eigentlich geht es um mehr.

Neben Fasnet und Fischsuppenessen bestimmte ein weiteres Thema die vergangenen Tage in Böblingen: die geplante Schlossberg-Bebauung. Nachdem ganz am Ende der letzten Gemeinderatssitzung bekannt wurde, dass Bäume wegen der anstehenden archäologischen Grabungen auf dem Plateau gefällt werden müssen, kochte einmal mehr der Protest hoch – auch wenn über das Projekt bereits seit etlichen Jahren diskutiert wird. Einige Gemeinderäte und engagierte Bürger forderten mehr Informationen – und bekamen sie am Donnerstag.

 

Was kam bei dem kurzfristigen Treffen auf dem Schlossberg heraus? Der Hobbyhistoriker Hans-Jürgen Sostmann und CDU-Stadtrat Hans-Dieter Schühle hatten Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger um ein Treffen vor Ort gebeten. Dass daraus ein Meeting mit rund 20 Teilnehmern wurde, überraschte die Stadtverwaltung, zeigte aber auch den Informationsbedarf. Die neun Apfeldorne seien in keinem guten Zustand mehr, die trockenen Sommer hätten den Bäumen zugesetzt, erläuterte Stadtgärtnerei-Chef Oliver Henke vor Ort. Zudem beschädige das Wurzelwerk die Stützmauern, hieß es. Für die Grabungen werden zunächst nur die Bäume in der Mitte und im östlichen Bereich entfernt, nicht die Apfeldorne nahe der Kirche – was aber im weiteren Verlauf durchaus noch passieren kann. „Das Treffen war positiv, die offenen Fragen wurden sachlich abgehandelt“, sagte Stadtrat Hans-Dieter Schühle, „aber besser wäre gewesen, wenn das bereits vorher geklärt worden wäre.“ Dass die Information unter „Verschiedenes“ im Gemeinderat diesbezüglich unzureichend war – „diesen Schuh ziehe ich mir an“, sagte Kraayvanger bei dem Treffen. Sprich: Den Stadträten und Bürgern ging es nicht nur um die Bäume an sich, sondern vor allem darum, vernünftig informiert zu werden.

Welche Ergebnisse sind von den Grabungen zu erwarten? Das ist momentan völlig offen. An dieser Stelle stand bis zur Bombennacht im Oktober 1943 das alte Böblinger Schloss, dessen Obergeschosse in den Jahren nach dem Krieg abgetragen wurden. Der Grundriss ist vor Ort noch zu sehen, seitlich lässt sich auch ein Blick in den alten Keller werfen. Weil die Mauern im Untergrund zum Teil aus dem Mittelalter stammen, hat das Denkmalamt eine flächige Untersuchung gefordert. Welche Teile sind in welcher Form zu erhalten? Aus der Antwort auf diese Frage wird sich erst Ende des Jahres ableiten lassen, was letztlich überhaupt an dieser Stelle gebaut werden kann und wie. Dass die Grabungen in den nächsten Monaten die Stadt insgesamt 100 000 Euro kosten, wurmte so manchen Stadtrat. Doch das sei Rechtslage, wurde am Donnerstag vor Ort erklärt, diese Ausgaben würden auf jeden Bauherrn zukommen, wenn das Denkmalamt Bedarf sieht.

Was soll eigentlich genau gebaut werden? In den 2000er-Jahren sollte eine Galerie und ein Kinderhaus auf dem Schlossberg entstehen. Das wurde nach vielen Diskussionen und Protesten 2005 beerdigt, unter anderem wegen der Kosten. 2019 kamen die damaligen Entwürfe der Architekten Barkow/Leibinger, die sich an der historischen Bebauung orientieren, wieder auf den Tisch. Denn zum einen braucht die Böblinger Musik- und Kunstschule langfristig neue Räume, zum anderen muss die Paul-Lechler-Schule spätestens ab 2030 umfangreich saniert werden. Der Gedanke: Man baut anhand der alten, aber weiterhin tragfähigen Entwürfe eine Musik- und Kunstschule inklusive öffentlicher Nutzung wie Gastronomie und Aufführungssaal, lässt aber zuerst die Paul-Lechler-Schule einziehen, so lange dort saniert wird. So würde man den Schülerinnen und Schülern eine Container-Lösung ersparen.

Warum wird bereits länger gestritten? Im Oktober 2021 hat der Böblinger Gemeinderat den Grundsatzbeschluss gefasst, die Neubaupläne auf dem Schlossberg in Richtung Musik- und Kunstschule voranzutreiben. Damit war die Stadtverwaltung beauftragt, weitere Untersuchungen aller Art einzuleiten. Doch parallel werden und wurden einige Aspekte immer wieder kritisiert und diskutiert. Ein großes Thema ist das Ausmaß des südlichen der drei Gebäude, das auf dem Grundriss des einstigen Schlosses stehen soll. Als zu massiv wird der Komplex kritisiert und als zu starke Konkurrenz zur benachbarten Stadtkirche gesehen. Zudem ist die zukünftige Verkehrssituation rund um die Musikschule ein Streitpunkt. Dabei sei betont: Das Verfahren hat noch einen weiten Weg vor sich. All diese Fragen und Aspekte werden nach und nach abgearbeitet und im Gemeinderat diskutiert, bevor irgendetwas gebaut wird.

Würde das Süd-Gebäude kleiner ausfallen oder gar wegfallen – reicht der Platz für die Musik- und Kunstschule trotzdem? Eine Machbarkeitsstudie hat zumindest nahegelegt, dass das Raumprogramm in den konzipierten drei Gebäuden schlüssig untergebracht werden kann – sowohl für die Musik- und Kunstschule als auch für die Paul-Lechler-Schule. „Die Anregung zu verkleinern oder sich gar auf die nördlichen Gebäude zu beschränken, wird parallel untersucht und die Konsequenzen werden dann im Gemeinderat vorgestellt“, sagt der städtische Pressesprecher Gianluca Biela. Genaueres lässt sich erst sagen und diskutieren, wenn die Ergebnisse und Konsequenzen der archäologischen Grabungen klar sind.

Lässt sich das alles bezahlen? Bislang sind für das Projekt 36,5 Millionen Euro vorgesehen. In diesen Tagen muss allerdings mit steigenden Baukosten gerechnet werden. Sollten die Ergebnisse des Denkmalamts den Bau enorm verkomplizieren, könnte es eng werden. „Natürlich geht es letztlich um die Frage, wie viel Geld wir in dieses Projekt überhaupt stecken wollen und können“, resümiert Hans-Dieter Schühle.

Infotage zum Schlossberg

Beschluss
 Der Böblinger Gemeinderat hatte im November 2022 nicht nur die archäologischen Grabungen für 100 000 Euro gebilligt, sondern auch die Stadtverwaltung beauftragt, für 40 000 Euro eine breite Öffentlichkeitsarbeit zu diesem Projekt zu starten. Diese soll jetzt im März mit den Infotagen im Treff am See beginnen.

Austausch
 Um die Öffentlichkeit einzubeziehen, bietet die Stadtverwaltung von Montag, 13. März, bis Sonntag, 19. März, Infotage im Treff am See (Poststraße 38) in Böblingen an. Hier will man ausführlich über die Planung und Überlegungen berichten – und in den Dialog mit der Bürgerschaft treten. In diesem Rahmen lädt Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger am Samstag, 18. März, zu einem Stadtrundgang bezüglich der aktuellen Baustellen ein. Über den genauen Ablauf und die Öffnungszeiten wird noch gesondert informiert.