Bei der Promi-Jungfernfahrt auf der flotten Strecke zwischen Ulm und Wendlingen spielten Frank Petzold und Raimund Räder aus dem Kreis Ludwigsburg im ICE eine wichtige Rolle. Zugchef Frank Petzold im Gespräch über ein absolut außergewöhnliches Wochenende.
Frank Petzold aus Kornwestheim war Zugchef im ICE, als am vergangenen Freitag mit viel Prominenz die neue Bahn-Schnellstrecke zwischen Wendlingen und Ulm eingeweiht wurde. Er begleitete auch am Samstag mehrere Fahrten mit geladenen Gästen. Und im Cockpit saß ebenfalls ein Mann aus dem Landkreis: Lokführer Raimund Räder aus Tamm. Im Interview erzählt Frank Petzold, wie er das turbulente Wochenende erlebt hat, warum eine Gruppe verirrter Amerikaner an Bord war, warum er Bahn-Vorstandschef Richard Lutz sehr nahe kam und was ihm in Erinnerung bleiben wird.
Herr Petzold, wie ereilte Sie die Ehre, bei einem für die Bahn so gewichtigen Ereignis der Zugchef sein zu dürfen?
Ich hatte am Donnerstag sowieso schon unseren Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz aus Frankfurt abgeholt. Es hat sich angeboten, da ich bereits im Vorfeld viel mit der Inbetriebnahme zu tun hatte. Da wollte ich natürlich auch die Einweihungsfahrt machen.
Wie, Sie haben Herrn Lutz aus Frankfurt abgeholt? Das müssen Sie genauer erklären.
Herr Lutz hat am Donnerstag mit einem Videoteam eine Weihnachtsbotschaft für die DB-Mitarbeiter aufgenommen, die sich zum Teil auch im ICE abspielte. Weil er wegen der Einweihung am Freitag ja eh nach Stuttgart musste, haben wir das Gute mit dem Nützlichen verbunden, ich habe ihn am Donnerstagabend als Zugchef von Frankfurt nach Stuttgart begleitet und konnte ihm bei der einen oder anderen Sache ein bisschen zur Hand gehen. Ein Vorstandsvorsitzender weiß ja zum Beispiel nicht automatisch, wie im Zug eine Sprechstelle funktioniert.
Und wie haben Sie Ihren obersten Chef erlebt?
Ich muss sagen: Das war das persönliche Highlight meiner Berufslaufbahn, auch wenn am Tag danach noch die Streckeneinweihung kam. Herr Lutz hat eine hohe Empathie für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, es war eine wahnsinnig spannende Erfahrung, mit welcher Warmherzigkeit und Offenheit er auf alle zugegangen ist. Im Zug, der ein ganz normaler, gut besetzter ICE am frühen Abend war, hat eine Ansage gemacht, sich vorgestellt, sich für Komplikationen und Verspätungen entschuldigt und sich explizit für den Einsatz des Bahnpersonals in diesen schwierigen Zeiten mit den vielen Baustellen bedankt. Man hat gemerkt, dass das ehrlich war, und es gab dann auch viel Applaus. Das hat uns allen sehr gut getan. Wir bekommen ja im Alltag viel Frust der Kunden ab, und das weiß er auch. Es kamen dann auch etliche ganz normale Reisende zu ihm, um sich persönlich zu bedanken.
Tags darauf haben Sie dann Richard Lutz, Winfried Kretschmann, Michael Theurer und andere Prominenz auf der Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm begleitet. Wie lief das?
Da gab es ein ganz anderes und durchgetaktetes Protokoll, die Nähe vom Donnerstag war da natürlich weg. Wir hatten 200 geladene Gäste im Zug und ich hatte als Zugchef für den reibungslosen Ablauf der Fahrt zu sorgen, das fängt bei der Gastronomie an und hört beim Schauen nach einem problemlosen Zu- und Ausstieg für Rollstuhlfahrer auf. Da war wenig Zeit zum Plaudern, aber natürlich bin ich auch durch den Zug gegangen, habe Kaffee angeboten und das eine oder andere Wort gewechselt.
Wie war die Stimmung an Bord?
Die Passagiere waren natürlich total gespannt, vor allem, als es in Wendlingen über die Überleitstrecke auf die neue Strecke ging, die ja noch niemand vorher gefahren war. Und sie ist ja auch beeindruckend, vor allem die Filstalbrücke, die am Wochenende mit dem Blick in das verschneite Filstal bei Wiesensteig total malerisch war. Wobei, viel Zeit zum Schauen hat man nicht: Mit einem Tempo von 250 Stundenkilometern braucht der Zug vom Tunnelausgang bis zum gegenüberliegenden Tunneleingang sieben Sekunden. Und trotzdem merkt man eigentlich gar nicht, wie schnell man ist. Dadurch, dass es auf der Neubaustrecke ja keinen Schotter und keine Schwellen gibt, sondern die Gleise auf eine feste Fahrbahn einbetoniert sind, gleitet man geradezu dahin.
War die Jungfernfahrt für Sie auch die Premiere?
Nein, ich bin sie für interne Zwecke schon mehrmals gefahren, zum ersten Mal Anfang November, da haben wir eine Rettungsübung im Tunnel für Feuerwehren gemacht. Im Tunnel wurde mit einer Disco-Nebelmaschine Rauch erzeugt, und es wurde simuliert, wie die Feuerwehr an ihr Löschwasser kommt, wie Verletzte geborgen werden und Unverletzte zu Fuß aus dem Tunnel hinausgelangen. Und mein Kollege Raimund Räder aus Tamm ist die Strecke noch öfter gefahren: Wie ich Gruppenleiter für Zugbegleiter bin, ist er Gruppenleiter für die Lokführer. Die Lokführer, die diese Strecke kennenlernen mussten, hatten noch viel mehr zu tun als ich, der einfach mitfährt. Wenn man so eine Strecke neu in Betrieb nimmt, ist das kein Pappenstiel. Und für die Einweihung bestand der Wunsch, dass ICE und Regionalbahn, die dort immerhin auch bis zu 200 Stundenkilometer schaffen kann, parallel zueinander fahren und gleichzeitig in Ulm ankommen. Da war bei den Lokführern viel Koordinierungsarbeit und Abstimmung gefragt.
Beide auf den Einweihungsfahrten Verantwortliche aus dem Kreis Ludwigsburg: Gibt es da ein Nest?
(lacht) Das war wohl eher ein Zufall. Lustig ist, dass wir unsere Büros Luftlinie etwa 30 Meter voneinander entfernt haben, aber vorher noch nie so viel miteinander zu tun hatten wie an diesem Wochenende. Wir sind ein richtig gut aufeinander eingespieltes Team geworden und hatten viel Spaß miteinander.
Ging es denn nach Freitag noch weiter?
Ja, wir haben auch am Samstag noch mehrere Fahrten für geladene Gäste zusammen gemacht, für Abgeordnete, für Bauherren, beteiligte Ingenieure, Kreisräte, auch für Zeitungsleser und Radiohörer, die Fahrten gewonnen hatten und die ganz aufgeregt und neugierig waren. Überhaupt hat man gemerkt, auch bei den Halten am neuen Merklinger Bahnhof, dass die Leute aus der Ulmer Gegend und von den Gemeinden auf der Alb eine sehr große Akzeptanz für die Neubaustrecke haben. Der Bahnhof in Merklingen wird sicher bewirken, dass sich Pendlerströme verändern. Und wenn Stuttgart 21 fertig ist, wird man von Ulm aus in 25 Minuten am Flughafen sein. Da hat der Kornwestheimer eher das kürzere Streichhölzchen gezogen, und auch der Stuttgarter erkennt den Mehrwert womöglich nicht unbedingt. Wobei: Auch für den Stuttgarter Tourismus Richtung Schwäbische Alb eröffnen sich durch den Merklinger Bahnhof ganz neue Möglichkeiten.
Was wird Ihnen von diesen Tagen im Gedächtnis bleiben?
Allen Mitarbeitern und natürlich auch mir ist bewusst, dass das etwas ganz Besonderes, Einmaliges war. Ich bin seit 32 Jahren als Zugbegleiter im Dienst, aber ich habe noch nie eine Neubaustrecke eingeweiht. Gerade die Fahrten am Samstag, an denen so viele Beteiligte im Zug saßen und jeder eine Verbindung zu dem Projekt und Anekdoten dazu parat hatte, haben mir noch einmal deutlich gemacht, was da in einer großen Gemeinschaftsleistung geschafft worden ist. Das erfüllt mich schon mit gewissem Stolz.
Gab’s auch etwas, das nicht nach Plan lief oder besonders skurril war?
Am Dienstag, bei einer Probefahrt für Mitarbeiter, landete warum auch immer eine Gruppe von Amerikanern im Zug. Sie fanden es dann ziemlich aufregend, bei einer Art Vorpremiere dabeizusein. Aber es war ihnen schon auch peinlich. Sie wollten eigentlich zum Shoppen nach Metzingen.
Hat der Schwung aus den Einweihungstagen auch noch zu Wochenbeginn angehalten?
Es ist auf jeden Fall noch ziemlich viel Adrenalin da. Und ein Glücksgefühl, das Ganze gut über die Bühne gebracht zu haben.
Auf der schwäbischen Eisenbahn
Der Gesprächspartner
Frank Petzold, Jahrgang 1973, arbeitet seit September 1990 bei der Bahn. Seit 2006 ist Petzold Gruppenleiter Bordservice bei der DB Fernverkehr AG in Stuttgart. Er lebt mit seiner Familie in Kornwestheim.
Das Projekt
Das Bahnprojekt Stuttgart–Ulm ist das größte Ausbaukonzept für den öffentlichen Schienenverkehr in Baden-Württemberg seit dem 19. Jahrhundert. Es schafft die Voraussetzung dafür, dass der Süden Deutschlands in das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz eingebunden wird. Kernstücke sind die Neugestaltung des Stuttgarter Bahnknotens durch Stuttgart 21 und der Bau der Hochgeschwindigkeitsstrecke Wendlingen–Ulm; letztere kostete vier Milliarden Euro. Die gesamte Strecke soll bis 2025 fertig sein.
Das Highlight
Zwischen dem 8,8 Kilometer langen Boßlertunnel und dem 4,8 Kilometer langen Steinbühltunnel überquert die neu gebaute 485 Meter lange und 85 Meter hohe Filstalbrücke das Filstal und die A 8. Es ist die dritthöchste Eisenbahnbrücke Deutschlands. Sie besteht aus zwei direkt nebeneinander liegenden Brückenbauwerken.
Die Fahrzeit
Zwischen Stuttgart und Ulm soll die Fahrzeit nach Angaben der Bahn im Fernverkehr noch bei rund einer halben Stunde liegen, wenn alle Arbeiten fertig sind. Im Regionalverkehr ist man laut DB auf der Strecke künftig nur noch 41 Minuten lang unterwegs.