Am Rande der Winnender Altstadt wird eine Lücke geschlossen. Foto: Frank Rodenhausen

Nach jahrelangem Stillstand hat das Siedlungswerk Stuttgart in Winnenden mit dem Bau eines Quartiers am Rande der Altstadt begonnen. Das Besondere daran steckt unter der Oberfläche.

Jahrelang lag das Gelände an der Ecke Mühltorstraße/Gerberstraße in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) brach, ein Stück Stadt im Wartestand. Jetzt fräst sich schweres Gerät durch den Boden, Lastwagen kippen Erde ab, Rohre werden verlegt. Das „Altstadtquartier“ nimmt Form an – mit 65 Wohnungen, verteilt auf sechs Gebäude. Ein Bauprojekt, das lange stockte und nun sichtbar Fahrt aufnimmt.

 

Doch was hier nunmehr unter der Regie des Siedlungswerks Stuttgart entsteht, ist mehr als Beton und Grundriss. Wie die Stadtwerke Winnenden mitteilen, verbirgt sich unter der Oberfläche ein Energiekonzept, das mit Gewohnheiten bricht: Wärme soll künftig aus Abwasser gewonnen werden.

Innovative Abwasserwärme revolutioniert Energieversorgung

Was nach klassischer Erschließung aussieht, ist in Wahrheit der Aufbau eines Systems, das die Energieversorgung neu denkt. Bereits bei der Kanalsanierung wurde ein Wärmetauscher installiert. Er entzieht dem Abwasser Energie – Tag für Tag, Liter für Liter. Duschen, Waschmaschinen, Küchen: All das speist künftig ein lokales Wärmesystem.

Bauzaun als Werbefläche: Das Siedlungswerk baut am Rande der Winnender Altstadt. Foto: Frank Rodenhausen

Über eine zentrale Wärmepumpe wird die gewonnene Energie nutzbar gemacht. Anders als bei herkömmlicher Fernwärme setzt das Quartier auf ein Niedertemperaturnetz. Die Wärme fließt auf niedrigem Niveau durch die Leitungen und wird erst direkt im Gebäude hochgefahren – effizient, bedarfsgerecht, verlustarm.

Booster-Wärmepumpen: Neue Logik für nachhaltige Quartiere

Das Prinzip klingt simpel, ist aber ein Bruch mit bisherigen Standards. Statt hohe Temperaturen durch die Stadt zu pumpen, übernehmen sogenannte Booster-Wärmepumpen die Feinarbeit in den Häusern. Sie liefern genau die Wärme, die für Warmwasser oder Fußbodenheizungen nötig ist – nicht mehr, nicht weniger.

Für die Stadtwerke ist das ein Schritt hin zu einer neuen Logik: Quartiere werden als zusammenhängende Energiesysteme geplant. Infrastruktur, Gebäude und Versorgung greifen ineinander. Entscheidungen, die heute im Erdreich verschwinden, prägen die nächsten Jahrzehnte.

Herausforderungen überwunden: Baustart für Altstadtquartier

Dabei war der Weg zum Baustart alles andere als geradlinig. Mehrfach verschoben sich Termine, Planungen wurden angepasst, Förderfragen verzögerten den Beginn. Aus ursprünglich geplanten Eigentumswohnungen wurde ein Mix aus Eigentum und gefördertem Wohnraum.

Ein letzter Altbau auf dem Gelände soll bleiben – das Quartier wächst nun um ihn herum. Seit dem offiziellen Spatenstich im vergangenen März ist der Stillstand beendet. Vertreter der Stadt und des Siedlungswerks betonten die Bedeutung für die Innenstadtentwicklung: mehr Wohnraum, mehr Leben, mehr Verdichtung.

Für Anwohner bedeutet die Baustelle allerdings vor allem Lärm, Umleitungen, Einschränkungen. Doch unter dem Asphalt entsteht etwas, das über das Quartier hinausweist. Abwasser als Energiequelle – unabhängig von Wetter, Tageszeit, Jahreszeit. Eine Ressource, die immer da ist und bislang kaum genutzt wurde.