Ob das Boardinghouse überhaupt gebaut werden darf, steht noch immer nicht fest. Eine neue EU-Richtlinie könnte für das vorzeitige Aus sorgen. Foto: Wolf-Architekten

Der Investor für das Projekt Wernerstraße 10 muss beim Baurechtsamt ein immissionsschutzrechtliches Gutachten vorlegen.

Stuttgart-Feuerbach - Das geplante Gästehaus-Projekt an der Wernerstraße 10 kann weiterhin noch nicht realisiert werden. Die Investoren müssen zunächst ein immissionsschutzrechtliches Gutachten für das Baurechtsamt der Stadt Stuttgart erstellen lassen, damit die Behörde abschließend über das Baugesuch entscheiden kann. „Der Hauptgrund, warum wir das Gutachten brauchen, ist die Nähe zu dem angrenzenden Störfallbetrieb“, erklärt die Leiterin des Baurechtsamtes, Kirsten Rickes, auf Nachfrage unserer Zeitung.

In diesem Fall greift nämlich die europäische Seveso-Richtlinie, die nach dem Ort eines schweren Chemieunfalls benannt ist, der sich am 10. Juli 1976 in der Chemiefabrik Icmesa ereignete. Bei der Herstellung des Desinfektionsmittels Hexachlorophen platzte ein Überdruckventil. Die Folgen für das norditalienische Städtchen Seveso und die umliegende Region waren verheerend. Das soll nicht mehr passieren, deshalb wird im direkten Umfeld von sogenannten Störfallbetrieben, die mit gefährlichen Stoffen wie zum Beispiel Chlor oder Phosphor arbeiten, noch mehr Wert auf die Sicherheit gelegt – nun auch in Stuttgart. Mit Störfallbetrieb ist in diesem Feuerbacher Fall die Firma Bosch gemeint. „Wir haben die Investoren in Kenntnis gesetzt“, sagt Rickes. Über den genauen weiteren Zeitablauf kann sie allerdings noch nichts sagen. „Fest steht nur, dass sich leider alles weiter verzögert.“

Was bedeutet das eigentlich nun für die Markt & Service gGmbH, die das Gebäude an der Wernerstraße pachten möchte, um dort ein sogenanntes Boardinghouse betreiben zu können? Spätestens im Januar 2019 sollte der Neubau mit seinen 124 Apartments eigentlich eingeweiht werden, sagte Gerhard Sohst, der Geschäftsführer der Markt & Service gGmbH, im März im Rahmen einer Bezirksbeiratssitzung.

Der potenzielle Pächter des Gebäudes hält an dem Projekt fest

Bis vor wenigen Tagen wusste Sohst von einem Gutachten, das für das Baurechtsamt erstellt werden muss, noch nichts. „Wir stehen mit unserem Investor immer in Kontakt und führen gute Gespräche.“ Allerdings sei das letzte Telefonat aufgrund von vielen Terminen schon ein paar Tage her gewesen. „Deshalb kann ich momentan zu einem Gutachten nicht viel sagen“, betonte Sohst gegenüber unserer Zeitung. „Wenn es aber notwendig ist, eines zu erstellen, dann können wir daran nichts ändern und müssen damit leben.“ Sicherlich seien die weiteren Planungen von den neuen Voraussetzungen beeinflusst, „aber wir halten an dem Projekt fest. Wir werden nicht aussteigen, auch wenn es zu weiteren zeitlichen Verzögerungen kommt“.

Unabhängig von allen Schwierigkeiten plant das Inklusionsunternehmen Markt & Service gGmbH an der Wernerstraße 10 einen Beherbergungsbetrieb – mit 124 Apartments, 248 Betten, einer Lobby mit Aufenthaltsbereich, einem Multifunktionsraum sowie einem Café­shop. Alle Apartments sollen mit Dusche, WC und Kitchenette ausgestattet werden. Das Gästehaus soll eine Alternative zu klassischen Hotels sein. Zielgruppe sind Langzeitgäste, die für ein paar Wochen in Stuttgart arbeiten sowie Touristen und Geschäftsreisende. Bis zu 41 Mitarbeiter sollen dort beschäftigt sein. Zehn Stellen sind für Menschen mit Behinderung angedacht, die an der Rezeption, im Service, in der Haustechnik und dem Housekeeping angesiedelt sind. „Auch bei diesem Projekt steht nicht im Vordergrund, ein Hotel zu betreiben, sondern wie immer: Menschen mit Behinderung in Arbeit zu bringen“, betont Sohst.

Die MuS betreibt seit 2004 zwei CAP-Lebensmittelmärkte in Stuttgart (Obertürkheim und Untertürkheim) und beschäftigt derzeit 40 Mitarbeiter, von denen 21 schwerbehindert sind.

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