Die Baugemeinschaft „Statt-Haus“ hat als eine der letzten auf dem Olga-Areal kürzlich Richtfest gefeiert. Foto: privat

Unlängst hat die letzte Baugemeinschaft auf dem Olga-Areal ihr Richtfest gefeiert, die Bewohner des „Statthauses“. Das neue Quartier gilt als Vorzeigewohnprojekt, vor allem eine soziale Durchmischung war gewünscht. Ist das gelungen?

S-West - Ein Einfamilienhaus in der Stuttgarter Innenstadt – davon kann eine Durchschnittsfamilie fast nur noch träumen. Eine eigene Immobilie ist auch für die Mittelschicht nahezu unbezahlbar geworden. „Statthaus“ hat eine Baugemeinschaft auf dem Olga-Areal im Stuttgarter Westen deshalb auch bezeichnenderweise ihr neues zu Hause genannt. „Statt einem Haus“, erklärt der Architekt Herbert Hummel den Namen.

Hummel plante das Gebäude mit 15 Wohneinheiten, einem Laden und einem Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss, das sich im Baufeld zwei auf dem neuen Quartier am Olga-Areal befindet. Zwischen 45 und 155 Quadratmeter haben die Wohnungen. Bewusst habe man auch größere Maisonette-Wohnungen für Familien eingeplant – gewissermaßen als kleines Haus im Haus.

Zehn Jahre müssen Familien in ihrer Wohnung selbst leben

Der Architekt und PR-Berater Rainer Häupl, 41, zieht mit seiner kleinen Familie in das Statthaus ein. Das Grundstück hat seine Baugemeinschaft von der Stadt zum Verkehrswert erhalten. Das bedeutet, es gab einen Festpreis für die Käufer, die Grundstücke gingen deshalb nicht an den meistbietenden. Es gebe unterschiedliche Förderstufen, sagt Häupl. Um eine Förderung von der Stadt zu erhalten, müsse eine Familie mindestens ein Kind haben. Häupl und seine Frau mussten zudem vorweisen, dass sie ein bestimmtes Jahreseinkommen nicht überschreiten.

Damit sie den günstigeren Verkaufspreis erhalten, verpflichte sich seine Familien im Gegenzug dazu, die Wohnung für zehn Jahre selbst zu bewohnen. Selbst wenn sie verkaufen würden, zum Beispiel wegen eines berufsbedingten Umzugs, müssten die neuen Eigentümer ebenfalls selbst in der Wohnung leben. Das gilt auch für die anderen Bauherren der Baugemeinschaften auf dem Areal. Damit soll der Spekulation mit den Immobilien entgegengewirkt werden.

Die Förderung an sich sei ein bisschen eine Gratwanderung: „Das ist schon eine große Summe, die man finanzieren muss, aber man darf umgekehrt nicht zu viel verdienen, damit man noch in den Förderrahmen fällt“, sagt Häupl. Er hat sich trotzdem mit seiner Familie bewusst für das Projekt entschieden, weil die Idee einer Baugemeinschaft für ihn sehr charmant klang. Man habe Einfluss darauf nehmen können, wie die eigene Wohnung, aber auch das Haus gestaltet wird. Und: „Wir kennen die Nachbarn jetzt schon gut durch den langen Planungsprozess“, sagt er. Das gemeinsame Planen und Bauen hat sie zusammengeschweißt. Viele hätten Kinder im gleichen Alter. Das Quartier findet er überhaupt sehr kinderfreundlich. „Wir freuen uns, bald dort zu wohnen.“

Baugemeinschaften erfordern viel eigenes Engagement von den Käufern

Da rücke so manche langwierige Diskussion, wie zum Beispiel über den Bodenbelag im Gemeinschaftsraum, in den Hintergrund. „Anfangs dachten einige Interessenten ja noch, sie können dort einfach eine Wohnung kaufen, aber hier baut man tatsächlich selbst mit“, ergänzt Architekt Hummel. Es brauche viel Kompromissbereitschaft, man müsse sich aktiv einbringen. So ist Häupl zum Beispiel für die Öffentlichkeitsarbeit seiner Baugemeinschaft zuständig, seine Frau ist in der Planung für den Gemeinschaftsraum dabei.

Alle Baugemeinschaften haben sich auch verpflichtet, im Erdgeschoss Gewerbeeinheiten und Räume für die Bewohner unterzubringen. Das Quartier soll gemeinschaftliches Leben, Wohnen und Arbeiten zugleich ermöglichen.

Das Olga-Areal wird von der Stadt als Vorzeigeprojekt gehandelt: baulich, ökologisch und sozial. Bis 2019 sollen auf dem Gelände des ehemaligen Kinderkrankenhauses Olgäle 224 Wohnungen entstehen – 116 von diesen sollen gefördert sein. Neben mehreren Baugemeinschaften bauen dort die SWSG, das Siedlungswerk und Mörk Immobilien – eine Mischung aus privaten Bauherren und Investoren. Besonders wichtig war bei der Vergabe, eine soziale Durchmischung in diesem neuen Quartier zu gewährleisten. Im Statthaus wohnen künftig vier Parteien, die eine besondere Förderung von der Stadt bekommen haben – wie Familie Häupl.

Baugemeinschaften werden auch in Stuttgart immer beliebter

Private Baugemeinschaften sind in Stuttgart bisher eine Seltenheit, werden aber immer beliebter. Die Nachfrage bei der Stadt ist längst höher als das Angebot. Neben der Mitgestaltung lockt viele eben auch die Chance, günstiger bauen zu können als wenn man schlüsselfertig von einem Bauträger oder Investor kaufte. Rund 6000 Euro pro Quadratmeter kosten derzeit Neubauobjekte im Westen. Um die 4000 Euro mussten die Bauherren auf dem Olga-Areal der privaten Baugemeinschaften etwa letztlich bezahlen.

Auch bei der Anzahl der Baugemeinschaften gilt das Olga-Areal als vorbildliches Modell. Das dies so gekommen ist, dafür hat sich maßgeblich Rüdiger Ahrendt, ein Bürger aus dem Westen, eingesetzt.

Arendt war bereits im Jahr 2007 klar gewesen, wenn das Olgäle den Standort verlässt, dann muss da ein Quartier hin, dass zum Westen passt. Er hat deshalb die Initiative „Olgäle 2012“ mit gegründet. Ahrendt ist für dieses Engagement mit der Ehrenmünze der Landeshauptstadt Stuttgart ausgezeichnet worden.

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