Ministerpräsident Kretschmann, assistiert von den Kirchenvertretern Mack (li.) und Stroppel (re.), bei der Einsegnung des neuen Staatsministeriums Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Noch ist der Neubau des Staatsministeriums neben der Villa Reitzenstein nicht bezugsfertig, seinen Namen hat er jedoch schon: Eugen-Bolz-Haus.

Stuttgart - Winfried Kretschmann erhielt kirchlichen Beistand. Generalvikar Prälat Clemens Stroppel von der Diözese Rottenburg-Stuttgart und Prälat Ulrich Mack als Vertreter der Evangelischen Landeskirche Württemberg standen dem Ministerpräsidenten am Mittwoch bei der Einsegnung des neben der Villa Reitzenstein gelegenen Neubaus zur Seite. Alle drei erinnerten an den von den Nazis hingerichteten früheren württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz (1881-1945) und dessen christlichen Glauben als Fundament seines unerschrockenen politischen Handelns.

Christlicher Märtyrer und unbeugsamer Politiker

„Die Gottesfurcht ist der Anfang der Weisheit“, sagte Stroppel. Bolz habe Kraft daraus geschöpft und Politik „als in der Praxis angewandte Religion“ verstanden. Aus diesem Selbstverständnis heraus habe sich Eugen Bolz „für Rechtsstaatlichkeit in Zeiten staatlicher Rechtsbeugung und Freiheit in Zeiten nationalsozialistischer Menschenverachtung“ eingesetzt. „Er ist ein Vorbild des aufrechten Ganges gewesen und hat diese konsequente Haltung mit seinem Leben bezahlt“, sagte Kretschmann. Dessen „historische Leistung“ als christlicher Märtyrer und unbeugsamer Politiker wolle die Landesregierung durch die Namensgebung des neuen Staatsministerium würdigen, verkündete der Ministerpräsident.

Damit reagierte Kretschmann auf die intensive Berichterstattung der Stuttgarter Nachrichten rund um Eugen Bolz und dessen früheres Wohnhaus auf dem Killesberg, das sich im Besitz einer Wohnungsbaugesellschaft befindet und abgerissen werden soll. Prominente Fürsprecher, wie der frühere Ministerpräsident Erwin Teufel, hatten sich dafür ausgesprochen, die Villa Bolz zu erhalten und dort eine Gedenkstätte einzurichten. Kretschmann hatte sich nach langer Überlegung dagegen ausgesprochen.

Er entschied stattdessen, den Neubau des Staatsministeriums nach dem Freiheitskämpfer zu benennen. Dies ist jetzt offiziell erfolgt. Ein in silberfarbenen Buchstaben gezogener Schriftzug an der Außenfassade des Gebäudes, eine Stele sowie eine steinerne Büste vor dem Sitzungssaal des Landeskabinetts erinnern an Eugen Bolz, dessen Enkel Paul und Eugen der Feier beiwohnten. Das soll noch nicht alles gewesen sein. „Wir stehen mit Historikern in Kontakt und werden im Besucherzentrum des Staatsministeriums in adäquater Form an das Wirken von Eugen Bolz erinnern“, erklärte der stellvertretende Sprecher der Landesregierung Arne Braun.

Villa erstrahlt wieder wie in alten Zeiten

Mitarbeiter des Staatsministeriums, Nachbarn, Architekten und Ingenieure feierten am Mittwoch zudem die Generalsanierung der fast 100 Jahre alten Villa Reitzenstein. Von allen Rednern gelobt wurde die Gesamtkomposition des Berliner Architekten Martin Sting. Dieser habe die alte architektonische Dominanz des Regierungssitzes wieder freigelegt. „Die Villa strahlt jetzt wieder wie in alten Zeiten“, sagte Kretschmann. Sie sei „eine Schatztruhe und zentralen Ort lebendiger Demokratie in Baden-Württemberg“.

Das Land hat 11,2 Millionen Euro für die Sanierung der Villa und 14,6 Millionen für den Neubau investiert. Der Kostenrahmen wurde damit eingehalten. Der Neubau des Staatsministeriums mit 1800 Quadratmetern großer Nutzfläche und 55 Arbeitsplätzen, Kantine, Bibliothek und Besucher-Informationszentrum soll zum Ende des Jahres fertig gestellt sein.

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