Ein Blick auf den Neckar ohne Rosensteinbrücke. Der Interimssteg an gleicher Stelle für Passanten und Radfahrer wird bis zum Frühjahr 2025 fertig. Foto: Uli Nagel

Stadtplaner wollen mittel- bis langfristig den Verkehr in Bad Cannstatt reduzieren und bündeln. Ein Vorhaben, das großen Einfluss auf die künftige Neckarquerung hat. Allerdings ist beim Bau einer neuen Rosensteinbrücke die ÖPNV-Nutzung gesetzt.

Gut 70 Jahre lang hat die Rosensteinbrücke Passanten, Radfahrer, Kraftfahrzeuge sowie Busse und Bahnen der Stuttgarter Straßenbahnen AG sicher über den Neckar gebracht. Dann kam die Sperrung im Mai 2022 und die Erkenntnis, dass die marode Brücke durch einen Neubau ersetzt werden muss. Am Montag wurde das letzte, knapp 90 Tonnen schwere Stück der Stahlbetonkonstruktion entfernt, die einst nach den Plänen von Fritz Leonhardt, Vater des Stuttgarter Fernsehturms, gebaut und 1953 eingeweiht wurde. Jetzt ist es an der Zeit, ein neues Brückenkapitel aufzuschlagen. Allerdings wird es noch gut sieben Jahre dauern, bis die neue Rosensteinbrücke an gleicher Stelle steht. Denn laut dem Zeitplan des Tiefbauamts soll die Neckarquerung erst 2031 fertig sein.

 

Wie die neue Rosensteinbrücke aussehen könnte, und warum der Neubau nicht schneller vorangeht, hat die Stadtverwaltung bereits nach der Sperrung im März 2023 erklärt. Schon damals gab es die ersten Forderungen nach einer neuen, autofreien Brücke. Auch der Wunsch, die Stadtbahnhaltestelle von der Pragstraße auf die Brücke zu verlegen, beschäftigt seitdem die Stadt- und Verkehrsplaner.

Mehr als nur ein Brückenbau

Mittlerweile ist das Projekt einige Schritte weiter. Wie weit, darüber informierte das Stadtplanungsamt jetzt den Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik und den Bezirksbeirat Bad Cannstatt. Die Stadt will die Chance nutzen, um verkehrlich und auch städtebaulich in Stuttgarts größtem Stadtbezirk aufzuräumen.

Eine Herkulesaufgabe, denn neben dem neuen Verkehrstrukturplan für Bad Cannstatt und dem Klimamobilitätsplan spielen auch das Thema „Stadt am Fluss“ und der Ideenwettbewerb aus dem Jahr 2017 eine Rolle für Gestalt und Funktion der künftigen Rosensteinbrücke. Die Eckpfeiler der Planungen:

Die neue Brücke

Schon vor einem Jahr brachte die Verwaltung eine Bogenbrücke ins Spiel, da so der Abstand zur Wasseroberfläche erhöht wird und größere Schiffe verkehren können. Berücksichtigt werden müssen als Ergebnis des Ideenwettbewerbs zudem die geplanten neuen „Neckarbalkone“ unter anderem bei der Rilling-Mauer sowie die Anbindungen an das Rosensteinufer vor dem Wilhelma-Theater und an den Seilerwasen beim Hochbunker. Fakt ist: Die neue Brücke wird breiter als die alte. Zwar wird es sicher weniger Kfz-Spuren (maximal eine Richtung Altstadt) geben, doch allein die beiden Gehwege nehmen fünf Meter in Anspruch. Dazu kommen noch zwei Rad- und eine Busspur sowie die Stadtbahntrasse.

Stadtbahn und Busse

Gesetzt ist die ÖPNV-Nutzung. „Die neue Brücke muss wieder eine direkte Führung der Stadtbahnlinien U13 und U16 sowie der Buslinien 52 und 56 ermöglichen“, sagt Andreas Hemmerich, Verkehrsexperte beim Stadtplanungsamt. Der Umweg über die König-Karls-Brücke ist länger und kostet die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) jährlich rund eine Million Euro. Ob die SSB-Haltestelle von der Pragstraße auf die Brücke verlegt wird, muss der Gemeinderat entscheiden. Der Vorteil: Die Anbindung der Altstadt an den ÖPNV wird verbessert. Der Nachteil: Eine neue Brücke mit Haltestelle wäre einer höheren Belastung ausgesetzt, wenn rund 60 Tonnen schwere Fahrzeuge anfahren und bremsen, sie müsste deshalb massiver gebaut werden. Ein Fakt, der später auf dem Preisschild stehen wird. Die Stadtplaner habe insgesamt rund 20 Varianten untersucht. Zwei sollen jetzt weiter verfolgt werden: eine Brücke mit Haltestelle und eine ohne.

Autoverkehr

Die Stadt muss auf jeden Fall auf Tunnelsperrungen (Unfall, Wartung, Sanierung) reagieren können. Allein im Bereich Leuzeknoten gibt es neben dem Rosensteintunnel vier weiter Tunnels mit neun Röhren. „Wir haben 60 Sperrfallszenarien durchgespielt“, sagt Hemmerich. Die Erkenntnis: Die Rosensteinbrücke und die Schöne Straße können für beide Fahrtrichtungen potenzielle Umleitungsstrecken sein. Die Verwaltung rät von einer autofreien Brücke ab und plädiert für einen „flexibel nutzbaren Neubau“, der Kfz-Verkehr in Richtung Altstadt ermöglichen soll. „Und sollte die Sanierung der König-Karls- oder der Reinhold-Meier-Brücke anstehen, müssen wir den Verkehr ebenfalls entsprechend umleiten können“, erläutert Hemmerich.

Vor dem Hochbunker plant die Stadt mit einem Kreisverkehr, was eine flexible Nutzung ermöglicht, auch für Radfahrer. Denn die Hauptradroute 6 verläuft über die neue Brücke und dann weiter über die zurückgebaute Pragstraße. Die Umgestaltung soll laut Tiefbauamt spätestens im Frühherbst 2024 beginnen.

Visionen

Auf Grundlage des Verkehrsstrukturplans will die Verwaltung Bad Cannstatts Straßennetz neu sortieren. Ziel der Verkehrsplaner ist ein „Straßenring“ um die Neckarvorstadt und die Altstadt zu installieren, durchaus vergleichbar mit dem City-Ring in der Stuttgarter Innenstadt. Unter anderem sollen die Haldenstraße (stadtauswärts) und die Neckartalstraße (stadteinwärts) zu Einbahnstraßen werden. Gleiches gilt für die Überkinger Straße (Richtung Parkhaus Mühlgrün), die einmal zur Fahrradstraße umgebaut werden soll. Um dieses Ziel zu realisieren, müsste die Schmidener Straße „unterbrochen“ werden. „Das ist erst möglich, wenn der Augsburger Platz zu einem Vollknoten umgebaut wurde“, sagt der Verkehrsplaner Hemmerich. Das Thema sei jedoch erst in zehn Jahren realistisch. Das gleiche Zeitfenster prognostizierte der Verkehrsplaner für einen ins Gespräch gebrachten Altenburgtunnel, der zwischen der Firma Mahle unter der Altenburg in Richtung Münster die Neckarvorstadt weiter vom Verkehr entlasten soll.

Interimsbrücke

Immerhin wird für einige Jahre eine Interimsbrücke dafür sorgen, dass Radfahrer und Passanten sicher über den Fluss gelangen. Sie soll im Frühjahr 2025 fertig sein. Die Kosten: rund 2,2 Millionen Euro. Die Investition wurde nötig, da die benachbarte Wilhelmsbrücke ebenfalls marode ist. Sie wird ab 2026 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Das Tiefbauamt rechnet mit einer zweijährigen Bauzeit, sodass ab 2028 mit dem Bau der neuen Rosensteinbrücke begonnen werden kann.