Reid Anderson lenkte das Stuttgarter Ballett von 1996 bis 2018 Foto: dpa

Als Reid Anderson 1996 Intendant des Stuttgarter Balletts wird, setzt er ein klares Ziel: den Neubau der Cranko Schule. 24 Jahre später wird Anderson Ehrengast der Eröffnung. Mit welchen Gefühlen?

Stuttgart - In der Ballettwelt ist es ein klangvoller Name: John Cranko Schule. Aus allen Erdteilen zieht es die beste jungen Tänzerinnen und Tänzer nach Stuttgart. Ihr Ziel: Über einen Abschluss an der 1971 als erste staatliche Ballettschule der Bundesrepublik Deutschland gegründeten Cranko Schule auf die großen internationalen Ballett-Bühnen zu kommen. Ein hartes Ringen, das längst auch die Ausbildungsforen selbst erfasst hat. Schon seit 25 Jahren wird um einen Neubau der Cranko Schule gerungen. Nun ist es soweit – nach fünf Jahren Bauzeit sollen sich im September die Türen öffnen. Eine neue Ära kann beginnen. Reid Anderson, von 1996 bis 2018 Intendant des Stuttgarter Balletts, hat sich für den Neubau bereits 1996 eingesetzt. Unter welchen Vorzeichen sieht Reid Anderson das Projekt? Die „Stuttgarter Nachrichten“ haben nachgefragt.

 

Herr Anderson, mit Antritt in Stuttgart 1996 haben Sie die Schule in den Mittelpunkt gerückt und einen Neubau der John Cranko Schule forciert. 2002 ergingen erstmals Aufträge, ein Anforderungsprofil mit Raumprogramm zu entwickeln. Noch einmal 18 Jahre später wird die neue Schule nun in diesem September eröffnet. Mit welchen Gefühlen werden Sie dabei sein?

Mit größter Freude und auch mit ein wenig Stolz. Ich habe die John Cranko Schule von Beginn meiner Intendanz an zu einer Priorität gemacht und ein neues Zuhause für die SchülerInnen war immer mein langfristiges Ziel. Das alte Gebäude war in keiner Weise dieser wunderbaren Institution würdig, hat weder den Namen seines Gründers noch die großen Errungenschaften von ihm, der Compagnie, der „Ballettstadt“ Stuttgart, geschweige denn die hohe, weltweit anerkannte Qualität der Ausbildung, die innerhalb der vier (kleinen) Wänden stattgefunden hat und heute noch stattfindet, wiedergespiegelt.

Das war Ihr Ansporn?

Ja, ich habe mich reingekniet und nicht lockergelassen. Und bin nun überglücklich, dass der ganze Stress, die ganze Überzeugungsarbeit und Hartnäckigkeit jetzt belohnt wird. Es wird ein wunderschönes, architektonisch unvergessliches Monument für einen Mann, der so viel für den Tanz in Stuttgart, Baden-Württemberg, Deutschland und die Ballettwelt getan hat: John Cranko.

Sie haben insbesondere nach der Eröffnung des Nord immer wieder entschieden für die Probebühne gekämpft. Jetzt betreten Sie diese als Reid Anderson Saal. Was bedeutet Ihnen das?

Als Tamas Detrich mir sagte, dass der Probesaal meinen Namen tragen wird, hat es mich vom Stuhl gehauen, weil ich so überrascht und natürlich sehr geschmeichelt war. Es ist aber auch fantastisch, dass jeder Saal nach einer Persönlichkeit, die mit der Geschichte der Compagnie und der der Schule zu tun hatte, benannt wird.

Der Neubau der Schule kommt spät. Kommt er im internationalen Standortwettbewerb zugleich gerade noch rechtzeitig?

Ich bin der Meinung, dass es nie „zu spät“ ist, so lange man das, was man sich vorgenommen hat, doch noch erreicht. Die Idee war, ein neues Schulgebäude zu bauen, dass so gut, wenn nicht besser ist, als alle anderen. Dies haben wir, denke ich, erreicht. Und ich hoffe, dass die vielen, vielen Leute, die dieses Vorhaben mit ermöglicht haben, es auch so empfinden. Nicht zuletzt: ich freue mich darauf, nie wieder neidisch sein zu müssen, wenn ich um die Welt reise und all die anderen, schönen, modernen Ballettschulen sehe! Wir können nun mehr als mithalten.