In Sam Raimis neuem Werk „Send Help“ kehren sich zwischen Linda und ihrem Boss Bradley die Machtverhältnisse um.
Bevor Regisseur Sam Raimi mit Blockbustern wie „Spider Man“ (2002) oder zuletzt „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ (2022) die Kinokassen klingeln ließ, war er im Horrorfilm zu Hause. Seine Affinität zur cineastischen Heimat hat Raimi nie aufgegeben. Mit „Drag me to Hell“ legte er 2009 ein veritables Genrestück vor, in dem die Freude des Filmemachers an wohldosierten Schrecken und blutigen Effekten gut zur Geltung kam. Ähnliches lässt sich auch über sein neues Werk „Send Help“ sagen, in dem sich der Regisseur dem Genre des Survival-Thrillers auf ebenso hingebungs- wie humorvolle Weise verschreibt. In der Abteilung „Planung und Strategie“ hat die unscheinbare Angestellte Linda Liddle (Rachel McAdams) entscheidend zum wirtschaftlichen Erfolg des Konzerns beigetragen und soll für ihre Verdienste endlich die ersehnte Anerkennung bekommen. Aber als nach dem Tod des Chefs dessen verzogener Sohn Bradley (Dylan O’Brian) die Firma übernimmt, wird Linda bei der Beförderungen übergangen und die Stelle mit einem seiner Burschenschaftsfreunde besetzt.
Zum Trost darf sie als Beraterin mit zu einer Geschäftsreise nach Thailand fliegen. Nach einem grandios orchestrierten Flugzeugabsturz landen Linda und ihr Boss als einzige Überlebende auf einer verlassenen Insel. Als Fan von „Survival“-Serien verfügt Linda über solides Fachwissen in den Bereichen Hüttenbauen, Feuermachen, Trinkwassergewinnung, Pflanzenbestimmung, Fisch- und Wildschweinjagd, während der schwer verletzte Bradley zunächst zur Untätigkeit verdammt ist. Und so kehren sich die Machtverhältnisse um, und Linda beginnt mit einem langwierigen Umerziehungsprozess des toxischen Vorgesetzten. In seiner Grundidee zeigt sich „Send Help“ als naher Verwandter von Ruben Östlunds „Triangle of Sadness“ (2022).
Allerdings steht hier nicht die Gruppendynamik der Klassengesellschaft im Vordergrund, sondern ein formidables Geschlechterkampf-Duell, das durchaus in die analytische Tiefe patriarchaler Machtstrukturen vordringt. Vor paradiesischer Kulisse lässt Rachel McAdams die nerdige Angestellte genüsslich zu einer versierten Survival-Amazone aufblühen, die mehr als nur bloße Vergeltung im Sinn hat. Neben den Überlebenstechniken verfügt sie auch über die Weisheit einer Frau, die von ihrem Schreibtisch aus das Verhalten männlicher Führungskräfte langjährig studiert hat. Aus einer konventionellen Genre-Prämisse entwickelt Raimi ein hochdynamisches Konflikt-Szenario, in dem die beiden Hauptfiguren nie ganz ihre Unberechenbarkeit einbüßen. Dass Linda nicht in einen blinden Rachemodus verfällt, sondern ihre Handlungen immer wieder mit der eigenen Menschlichkeit abgleicht, macht die Figur sehr viel interessanter als männliche Äquivalente. „Verwechsele Freundlichkeit nie mit Schwäche” ist dennoch eine Warnung, die hier sehr ernst genommen werden sollte. Hinzu kommen äußerst pointiert eingesetzte Horror-Effekte, die zum blutigen Schrecken und haptischem Ekel immer auch ein Augenzwinkern servieren. „Send Help” ist ein echtes Genre-Schmuckstück, das als Kultfilm seinen Platz im cineastischen Langzeitgedächtnis finden könnte.
Send Help. USA 2026. Regie: Sam Raimi. Mit Rachel McAdams, Dylan O‘Brian, 113 Minuten. Ab 16 Jahren.