In der Verfilmung von William S. Burroughs „Queer“ spielt Daniel Craig einen Mann auf der Suche nach Nähe. Am 2. Januar kommt der Film von Luca Guadagnino („Call Me By Your Name“) ins Kino.
Im weißen Leinenanzug und mit seinem Fedora auf dem Kopf schlendert William Lee (Daniel Craig) durch das nächtliche Mexico City. Aus den Bordellen drängen Freier an die Luft, manch eine Prostituierte in der Tür scheint noch minderjährig. William läuft weiter, die Mädchen lassen ihn kalt. „Come As You Are“, nölt der Sänger Kurt Cobain aus dem Off; dabei spielt Luca Guadagninos Liebesdrama „Queer“ über eine Romanze des US-amerikanischen Dichters William S. Burroughs in den frühen 1950er Jahren, in der Ära von Bebop und Cool Jazz, als der Grunge-Rock von Cobains Band Nirvana noch Zukunftsmusik war.
Flucht vor Amerika
„Come as you are“ – „Komm, wie du bist“, ist als Kommentar auf William Lees Situation im Film gemünzt, der als drogensüchtiger Homosexueller dem prüden Amerika entflieht, um im Freiraum von Mexico City sein Glück zu suchen. Guadagnino (“ „Challengers“, „Call Me By Your Name“) stützt sich auf William S. Burroughs autobiografischen Novelle „Queer“ (1985), der sich nach dem durch ihn verursachten Unfalltod seiner Frau in Mexico City in einen US-Soldaten verliebte. Im Film begegnet William Lee dem jüngeren Mann beim Hahnenkampf, danach trifft er ihn in einem Café wieder. Anders als William sendet Eugene Allerton (Drew Starkey) unklare Signale und lässt William abblitzen, bevor er mit ihm gegen Geld eine Beziehung beginnt. Später reist William mit Eugene nach Südamerika, auf der Suche nach der psychotropen Pflanze Yage, zum einen, um sich mit Hilfe der Droge von seiner Heroinsucht zu kurieren, zum anderen, um etwas über die wahre Natur seiner Verbindung zu Eugene zu erfahren.
Der Plot von „Queer“ ist weder besonders aufregend noch dicht, seine Stärke liegt in seiner emotionalen Tiefe und der Ernsthaftigkeit, mit der Burroughs seine Verliebtheit schilderte, die Luca Guadagnino in seine elegante, warme, faszinierend surreale Bilderwelt überträgt.
Mexico City sieht darin aus wie eine zur Realgröße aufgepumpte Miniatur-Modellbaustadt. Trotz ihres realistischen Zeitkolorits verströmen die Bars und Cafés den Charme von Puppenhausszenerien, während der anti-historische Soundtrack mit Musik von Trent Reznor, Nirvana, New Order und Prince die Geschichte von ihrer zeitlichen Verortung löst. Damit rückt sie in den größeren Kontext der postmodernen Popkultur, als deren Pionier William S. Burroughs oft benannt wird.
Daniel Craig wächst über sich hinaus
Spannend ist auch, wie Daniel Craig sich in seiner Darstellung völlig von dem ihm häufig auferlegten Rollenklischee des kernig maskulinen Sexsymbols lossagt und William als witzigen, liebenswert linkischen, aber auch kranken Mann auf der Suche nach Liebe und höherer Erkenntnis ohne einen Funken Machismo spielt. Wer Burroughs bisher bloß als von ein paar Literaturfreaks überbewerteten Junkie-Autor mit blühender Fieberfantasie sehen wollte, begegnet in Guadagninos Film dem sensiblen Menschen mit erstaunlich konventionellen Bedürfnissen und wilden Gedanken.
Queer. Italien, USA 2024. Regie: Luca Guadagnino. Mit Daniel Craig, Drew Starkey. 137 Minuten. Ab 16 Jahren. Start: 2.1. 2025