Hae Sung (Theo Yoo) und Nora (Greta Lee) haben alle zwölf Jahre Kontakt miteinander – ist das Schicksal? Foto: epd/Courtesy of Twenty Years Right

Die Frage, ob es so etwas wie Schicksal gibt, führt im Kino oft zu furchtbar kitschigen Filmen. Nicht so in Celine Songs wunderbar sachlicher Romanze „Past Lives“.

Es liegen Welten zwischen New York und Seoul – ganze elftausend Kilometer Entfernung! Ein Umstand, der die Beziehung zwischen Nora (Greta Lee) und Hae Sung (Teo Yoo) so schwierig macht. Als Kinder waren sie unzertrennlich, Nora, die früher Young Na hieß, war in der Grundschule eine Heulsuse, die sich vom besonnenen Hae Sung gerne trösten ließ. Bis ihre Eltern beschlossen, nach Toronto auszuwandern. Während Young Na sich als Nora erst in Kanada und schließlich, als Dramatikerin, in New York neu erfindet, bleibt Hae Sung in Seoul zurück, meldet sich zum Armeedienst, verliebt sich in eine Frau, ehe er sich wieder trennt und bei seinen Eltern einzieht.

Was passiert mit Menschen, die sich einmal ganz nah waren, aber dann auseinandergerissen werden? Die ihren Alltag in unterschiedlichen Kulturen erleben, von der Erinnerung an den anderen aber nicht loskommen? Davon erzählt die südkoreanisch-kanadische Dramatikerin Celine Song in ihrem außergewöhnlichen, in Teilen autobiografischem Debüt „Past Lives“. Themen wie Einsamkeit, Entfremdung in der Großstadt und die Sehnsucht nach einem vermeintlich schöneren Gestern werden immer wieder in melancholischen Komödien behandelt, Filmemacher wie Woody Allen oder Noah Baumbach sind bekannte, gefeierte Experten auf diesem Gebiet. Celine Song findet nun einen eigenständigen Zugriff auf die moderne Großstadtromanze, weil sie unironisch und ohne intellektuelle Filter, aber auch ohne Kitsch und Pathos menschliche Gefühlswelten beschreiben kann.

Die Handlung von „Past Lives“ spielt auf drei Zeitebenen. In Schlaglichtern schildert Song zunächst das Leben der Grundschulkinder Young Na (Moon Seung-ah) und Hae-Sung (Leem Seung-min). Die schönste Szene zeigt die Kleinen mit ihren Müttern beim Spaziergang in einem Park von Seoul, kurz vor Young Nas Auswanderung. Sie wolle den Kindern eine bleibende Erinnerung schenken, sagt Young Nas Mutter. Und tatsächlich verarbeitet Song Bruchstücke dieses Nachmittags im weiteren Verlauf der Handlung. Die zweite Zeitebene spielt zwölf Jahre nach Young Nas Auswanderung. Inzwischen studiert sie als Nora in New York und entdeckt zufällig Hae-Sungs Facebook-Profil. Im Laufe von mehreren Videotelefonaten kommen sich die beiden auf platonischer Ebene wieder näher, malen sich ein Wiedersehen aus. Doch Nora bekommt kalte Füße und bricht den Kontakt ab. Weitere 12 Jahre später hat Nora den jüdischen Schriftsteller Arthur (John Magaro) geheiratet, während sich Hae-Sung nicht an eine Frau binden konnte und als Junggeselle lebt. Als Hae-Sung Urlaub in New York macht, ruft er Nora an und bittet sie um ein Treffen.

In diesen scheinbar unspektakulären Alltagsauszügen entwickelt Song umfassende Charakterbilder ihrer Protagonisten und macht nachvollziehbar, warum Hae-Sung und Nora nicht voneinander loskommen. Um Sexualität und Erotik geht es dabei keine Sekunde, vielmehr kreist der Film um die Frage, was hätte sein können, wenn sich die Lebenswege der zwei anders entwickelt hätten. Zentral für die Geschichte ist das koreanische Konzept „In-Yun“, das Nora umtreibt. In dieser Schicksalsvorstellung treffen füreinander bestimmte Menschen im Laufe von Jahrhunderten und mehreren Reinkarnationsschichten immer wieder aufeinander, ehe sie tatsächlich zueinanderfinden. Diese Idee ist im Film kein esoterischer Kitsch, sondern ein plausibles, philosophisches Gedankenspiel, das erklärt, warum Nora so intensiv sowohl an Hae-Sung als auch an Arthur hängt. In einer nach Schema F gestrickten Erzählung würden die Männer eifersüchtig aufeinander losgehen und Noras Entscheidung für den einen oder anderen in einem Showdown erzwingen. Stattdessen gibt es eine rührend unsichere Annäherung der beiden, erschwert dadurch, dass Arthur nur brockenweise koreanisch spricht und Hae-Sung bloß ein paar freundliche Floskeln auf Englisch beherrscht.

Die verschiedenen kulturellen Hintergründe wie unterschiedliche Vorstellungen von Geschlechterrollen oder Lebensplänen spielen trotzdem keine Rolle. Es geht nicht um all die kontroversen Fragen zu Überzeugungen, Nationalität und Hautfarbe, die gerade die Gemüter erhitzen. Song bewertet nichts, sondern schaut ihren Protagonisten bloß beim Leben zu. Eine besondere Kunst, die aktuell nur wenige Filmemacher in dieser herausragenden Qualität beherrschen.

Past Lives. USA 2023. Regie: Celine Song. Mit Greta Lee, John Magaro, Teo Yoo. 106 Minuten

Info

Inspiration
Celine Song hat einiges gemeinsam mit ihrer Protagonistin Nora: Mit 12 wanderte sie von Korea nach Kanada aus, heute lebt die Dramatikerin und Drehbuchautorin in New York. Als Erwachsene traf sie einen Freund aus Kindheitstagen wieder, das zentrale Treffen von Arthur, Nora und Hae-Sung in einer New Yorker Bar ist von diesem Erlebnis inspiriert. Songs Regie-Debüt „Past Lives“ war 2023 bei der Berlinale für den Goldenen Bären nominiert.

Kulisse
Die Regisseurin erzählt auch anhand der Stadtansichten von den Gefühlen ihrer Figuren; wenn Hae-Sung im strömenden Regen in New York ankommt, oder Nora auf nächtlicher Straße von ihm Abschied nehmen muss. Die elegischen Bilder stammen vom antiguanischen Kameramann Shabier Kirchner, der inzwischen in New York lebt und deutsche Wurzeln hat.