Ganz schön gefährlich, so ein Ritt durch den Wilden Westen Foto: Verleih

Hier kommt der erste große Oscar-Anwärter des Filmjahrs: Regisseur Scott Cooper erzählt in diesem Drama von einer Zeit, als Amerika schon einmal unerbittlich das Recht des weißen Mannes durchsetzte. Christian Bale und Wes Studi spielen brillant die Hauptrollen: „Feinde – Hostiles“.

Stuttgart - Das Massaker beginnt am helllichten Tag. Schwarz bemalte Komantschen fallen über eine Siedlerfamilie her. Morden blindwütig Kinder und Erwachsene, brandschatzen das Anwesen, stehlen die Pferde. Dass nach all dem Schlachten die Familienmutter überlebt, verdankt sie dem Baby, das sie im Arm hält. Der kleine Körper diente als Schutzschild. Beinahe irrsinnig vor Schmerz, leugnet die Überlebende dessen Tod.

In diesem Zustand wird Rosalie Quaid, die Präriesiedlerin, von US-Army-Captain Joseph Blocker gefunden. Der ehemalige Kriegsheld ist mit dem Cheyenne-Häuptling Yellow Hawk unterwegs. Hawk, sterbenskrank, soll nach jahrelanger Haft in Ford Berringer, einem Gefängnis-Vorposten in New Mexiko, zum Sterben in das Stammesland der Cheyenne nach Montana überstellt werden. Blocker wird von einigen Soldaten und der Familie des Häftlings begleitet.

Blocker, der gesetzestreue amerikanische Captain, und Hawk, der indigene Vertreter der Gesetzlosen, hassen sich bis aufs Blut. Und doch müssen beide in stiller Ohnmacht zusehen, wie Rosalie ihre Familie in der roten Prärieerde begräbt. Sie wird den Tross begleiten, nachdem Blocker sie dazu genötigt hat. Es sind nicht die einzigen atem­beraubenden Szenen, die Scott Cooper den Zuschauern seines Neo-Western zumutet.

Und nicht nur einmal möchte man weggucken, wenn es in Scott Coopers neuem Film „Hostiles – Feinde“, einem großen Leinwanddrama, gleich zu Beginn in seltener Brutalität zur Sache geht. Doch wegschauen hilft nicht. Denn die hier gezeigte fiktive Geschichte mit fiktiven Personen ist fest in der Historie des Jahres 1892 verankert.

Wes Studi ist ein ebenbürtiger Partner für Christian Bale

Die Kämpfe der Weißen um ihr seit der Unabhängigkeitserklärung 1776 selbst geschaffenes Recht sind ausgekämpft. Die Indianer sind nach dem Verlust ihrer Jagdreviere, dem Ausrotten der Bisonherden, verheerenden Missernten und der letzten großen Schlacht im Jahre 1892 am Wounded Knee, bei der über 300 Ureinwohner, vor allem Frauen und Kinder starben, rettungslos entkräftet. Die Gnade der Freilassung, die der weiße Präsident Benjamin Harrison sterbenden Cheyenne-Häuptling walten lässt, ist zu diesem Zeitpunkt eher zynisch als wohlwollend.

Es ist ein großer Kinomoment, in dem der Kameramann Masanobu Takayanagi das Objektiv in das Verlies des gefangenen Häuptlings richtet. In einem elenden Halbdunkel zeigt Takayanagi das edle Gesicht des Schauspielers Wes Studi. Der in einem Indianerreservat aufgewachsene Nachfahre von Cherokees spielt hier den auch in seinem letzten Lebensstadium unbeugsamen Cheyenne. Studi ist ein starker Gegenspieler zu Christian Bale, der ihn als Captain Joseph Blocker aus dem Verlies holen und nach Montana bringen wird. Beide Männer wissen, dass sie viele Morde zu verantworten haben, die sich niemals werden sühnen lassen. Der Oscar-Preisträger Christian Bale – wortkarg und mit dickem Schnauzer – lehnt die Mission zunächst heftig ab, beugt sich aber dem Befehl. Oft schweigend, manchmal im Cheyenne-Dialog kommunizierend, nähern sich die beiden Männer aber beim Ritt durch die Prärie auf einem langen inneren Weg einander an.

Erst die Frau vermag es, den Männern Nachdenklichkeit zu verleihen

Scotts Figuren (er schrieb auch das Drehbuch) sind archetypisch. Dazu gehört die junge, traumatisierte Witwe, gespielt von Rosamunde Pike. Nur langsam bildet sich über ihren brennenden Seelennarben eine neue, sensitive Haut. Sie wird die erste der „weißen“ Figuren sein, die Mitgefühl mit den Cheyenne hat. Es wirkt absolut glaubhaft, dass diese Frau, so zäh wie zart, die rauen Männerseelen öffnet.

Und dann schließt sich dem Tross noch ein Krimineller an. Mit seinem unerbittlichen Hass auf alles, was sich bewegt, ist Charles Wills (Ben Foster) der Gegenspiegel zu Blocker. Blocker entwickelt sich von einem kontrollierten Soldaten zu einem offenen nachdenklichen Menschen. Wills bleibt unversöhnlich, ohne Erbarmen. Doch um zu überleben, müssen alle aushalten, was das unwegsame Land und die feindselige Umgebung ihnen abverlangt: Überfälle kriegerischer Indianer, Hitze, lange Pferderitte – und zuletzt die Begegnung mit einem schieß­wütigen weißen Farmer.

Keine Seite wird dämonisiert, aber auch niemand frei gesprochen

Man kann Scott Cooper wahrlich nicht nachsagen, er dämonisiere die eine oder andere Seite, auch wenn die Komantschen, stolze und gefürchtete Krieger, an Grausamkeit kaum zu überbieten sind. Gedreht wurde in den US-Bundesstaaten New Mexiko und Colorado. In langen ikonografischen Einstellungen wandert die Kamera über die Landschaften.

In der zögerlichen Annäherung von Blocker und Hawk liegt die eigentliche Urkraft dieses dichten Erzähldramas. Indem Scott das sogenannt Heldenhafte von seinen Charakteren nimmt, zeigt er deren Wunden, ihr allzu Menschliches. Dass Amerika mit seiner Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1776 ein Land für Weiße sein wollte und deshalb die Ureinwohner ausrottete, ist kaum zu bestreiten. Doch Scotts thematisch und visuell reicher Film könnte so oder anders auch in einem Krisengebiet im Hier und Heute handeln: Gilt Auge um Auge – oder kann die scheinbar ewige Gewaltspirale doch gestoppt werden? Diese Alternative stellt sich bis in die Gegenwart. Auch deshalb sollte man den Oscar-würdigen, nur wenig patriotischen Film unbedingt anschauen.

Feinde – Hostiles. USA. Regie: Scott Cooper. Ab 16 Jahren. Von Donnerstag, den 31. Mai, an in den Stuttgarter Kinos Metropol und Ufa.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: