Vinciane Mellereaus Idee, in „Die progressiven Nostalgiker“ eine französische Familie per Waschautomat auf Zeitreise zu schicken, ist witzig.
Ach wie niedlich, diese Petticoats und Kitten Heels, wie putzig die winzigen Autos und heimeligen Häuschen mit ihren grafischen Tapeten und Vorhangvolants. Im Film sehen die 1950er immer so hübsch aus. Dabei war die Phase nach dem Zweiten Weltkrieg vor den Swinging Sixties ein bleiernes Zeitalter mit grausigen Sozialnormen und betonharten Alltagsregeln, die vor allem den Frauen das Leben zur Hölle machten.
Einen Anflug solcher Härte inszeniert die Französin Vinciane Millereau in ihrer witzig betitelten Zeitreisekomödie „Die progressiven Nostalgiker“. Auf den ersten Blick ist das Familienleben von Michel (Didier Bourdon) und Hélène (Elsa Zylberstein) Dupuis in den Endzügen der vierten französischen Republik ein Traum in Pastell. Wäre da nur nicht Tochter Jeanne (Mathilde Le Borgne), die sich mit süßen 17 vom Nachbarsjungen hat schwängern lassen und jetzt heiraten soll, um den Eltern die Schande eines unehelichen Enkelkindes zu ersparen.
Ein Hauch von Zukunft durchweht den Keller
Mit der Lieferung der ersten vollautomatischen Waschmaschine durchweht immerhin ein Hauch von Zukunft den Keller der Dupuis’. Als Hélène und Michel in einer Gewitternacht über das neumodische Ding in Streit geraten, katapultiert sie ein Blitzeinschlag 70 Jahre vorwärts ins Jahr 2025, wo Michel als Hausmann im Smarthome kocht und putzt, Hélène dagegen als Abteilungsleiterin in der Bank Karriere macht. Jeanne ist im Jahr 2025 in eine Frau verliebt und – sehr konservativ – mit Hochzeitsplänen beschäftigt.
Das Zeitreisethema und der Charme der 1950er sorgten schon in Filmen wie „Zurück in die Zukunft“ (1985) oder „Pleasantville“ (1998) für melancholisches Wohlbehagen. In Zeiten des neuen Imperialismus eines Donald Trump oder Wladimir Putin scheint die Gesellschaft 2025 allerdings wieder an das längst überkommene 19. Jahrhundert anzuknüpfen. Ein Film wie „Die progressiven Nostalgiker“ bietet sich da sowohl als Fluchtpunkt in ein vermeintlich harmloseres Gestern als auch in eine bessere Version des Hier und Heute an, dessen Vorzüge Vinciane Millereau liebevoll komödiantisch überhöht. Wenn die toughe Jeanne per E-Scooter ihre Mutter zur Arbeit beamt oder sich Michel mit den Tücken seines vollautomatisierten Haushalts schlimmer plagt als Hélène mit den vorsintflutlich analogen Putzhilfen ihres alten Lebens, lacht man über die schöne neue Zeit, in der man selbst lebt. Den gegenwärtigen kulturellen Flashback zurück in die dunkelsten Phasen der Moderne blendet Millereau gnädig aus und erschafft so ein trügerisches Idealbild unserer Zeit, das mit der Komplexität der Wirklichkeit wenig zu tun hat.
Der Stoff hätte mehr hergegeben
Sie hätte mehr aus dem Stoff herausholen und zeigen können, dass politischer und sozialer Fortschritt keine historisch verlässliche Konstante, sondern in jeder Ära neu auszuhandeln ist. So ist der Film zwar nett anzusehen, im Kontext der aktuellen Entwicklungen aber eine vertane Chance; eine rührend altbackene Utopie unserer Gegenwart.
Die progressiven Nostalgiker. Frankreich 2025. Regie: Vinciane Millereau. Mit Elsa Zylberstein, Didier Bourdon. 103 Minuten. Ab 6 Jahren