Die fünf Neulinge: die Ungarin Noémi Verböczi , die Koreanerin Minji Nam, die Französin Coralie Grand und die beiden Amerikaner Satchel Tanner und Christian Pforr (v. li. n. re.) Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das Ballett startet als erste Sparte der Stuttgarter Staatstheater in die neue Saison. Beim „Blick hinter die Kulissen“ steht von Montag ein neuer Intendant auf der Bühne des Kammertheaters. Neu sind auch fünf junge Tänzer, die zum Teil aus weiter Ferne zum Stuttgarter Ballett gestoßen sind.

Stuttgart - Fünf Tänzer, vier Länder, drei Kontinente, ein Durchschnittsalter von 20 Jahren: Die drei Damen und zwei Herren, die am Donnerstagmorgen in einem Ballettsaal unterm Dach des Opernhauses zusammenkommen, passen gut zum Stuttgarter Ballett – und das nicht nur, weil die neuen Gruppentänzer jung und weltoffen sind. Alle fünf sind hier gelandet, weil sie Teil von John Crankos Tanzdramen sein wollen. Und sie alle haben Lust auf die Arbeit mit Choreografen, die unter dem neuen Intendanten Tamas Detrich weiterhin groß geschrieben werden soll.

Die erste Erfahrung in dieser Hinsicht durften die Französin Coralie Grand (22), die Ungarin Noémi Verböczi (21), die Koreanerin Minji Nam (19) und die beiden Amerikaner Christian Pforr (20) und Satchel Tanner (19) gleich in der ersten Arbeitswoche sammeln. Am Mittwoch war der britische Choreograf Akram Khan zu Gast und bat das Ensemble zum Workshop, um die Übernahme seines Tanzstücks „Kaash“ am Ende der Saison vorzubereiten. Khan, im indischen Kathak verwurzelt und im zeitgenössischen Tanz zu Hause, hat mit seinem Stil auch die Jungen herausgefordert. Lachend stöhnen die fünf unisono auf, als das Stichwort Muskelkater fällt.

„Ich war sehr nervös vor diesem Workshop, weil ich überhaupt nicht wusste, was auf mich zukommt“, gibt Satchel Tanner zu. „Aber die Arbeit mit Akram Khan hat mir Lust gemacht, Stile jenseits des klassischen Balletts zu erkunden.“ Auch die anderen sind dankbar für die Begegnung mit einem wichtigen Künstler der zeitgenössischen Tanzszene, der sie mit intensiven, dynamischen, bodenverhafteten Bewegungen ans Limit gebracht habe. „Das ist ein Stil, den ich bislang nicht kannte“, sagt Noémi Verböczi, die während ihrer Zeit beim Dresdner Ballett bereits mit William Forsythe gearbeitet hat. „Der Workshop mit Akram Khan hat Spaß gemacht, auch wenn er anstrengend war, da man nach der Sommerpause noch nicht perfekt in Form ist.“

Ideale Vorbilder für junge Tänzer

Wie die Ungarin bringen fast alle fünf Neuen Erfahrungen aus anderen Theatern mit. Dass Kompanien Einblicke in ihre Arbeit geben, wie es das Stuttgarter Ballett in dieser Woche mit dem „Blick hinter die Kulissen“ tut, kennt Christian Pforr aus seiner Zeit als Eleve am Boston Ballet. Satchel Tanner hat als Tänzer des Het Nationale Ballet in Amsterdam Erfahrung mit öffentlichen Proben und Trainings gesammelt, und auch Coralie Grand kennt diesen Ansatz vom finnischen Nationalballett, wo sie drei Jahre tanzte.

Nur Minji Nam, die jüngste unter den fünf, frisch von der Ballettschule Princesse Grace aus Monaco eingetroffen, weiß nicht genau, was im Kammertheater auf sie zukommen wird. Dafür weiß die Asiatin, warum sie unbedingt mit dem Stuttgarter Ballett tanzen möchte. „Sue Jin Kang ist in meiner Heimat ein Star, und mit Hyo-Jung Kang gibt es hier wieder eine Erste Solistin aus Korea.“ Das sind ideale Vorbilder für die junge Tänzerin, die wie ihre beiden neuen Kolleginnen erstmals beim Abend „Shades of White“ im Bayadère-Schattenakt oder in Balanchines Choreografie „Sinfonie in C“ auf die große Bühne treten wird.

Alle sprechen von Stuttgart

Wie kommen junge Menschen heute zum Ballett? Durch die Schwestern, erzählt Christian Pforr. „Ich bin aber der einzige, der professioneller Tänzer wurde.“ Wegen Freundinnen, die im Tutu so toll aussahen. „Die Ballettschule war dann ganz schön hart, aber inspirierend“, sagt Coralie Grand, die als Dreijährige zum Ballett kam. „Als ich das erste Mal mit sieben Jahren selbst auf der Bühne stand, hat sich das prima angefühlt“, sagt Minji Nam, und das sei bis heute so geblieben, trotz Lampenfieber. „Ich hatte als Junge zu viel Energie und meine Mutter wollte mich aus dem Haus haben“, erzählt Satchel Tanner. Wer den athletisch gewachsenen Mann sieht, ahnt, welche Power in ihm als Kind stecken mochte. Fußball, Baseball, Kampfsport hat er ausprobiert, dann schlug seine Mutter Ballett vor. „Sie meinte, dass ich toll in Form und von hübschen Mädchen umgeben sein würde“, erzählt der Amerikaner. „Ich erinnere mich nicht an die erste Stunde, aber daran, wie ich rausging, mich unglaublich gut fühlte und dachte: Das ist genau das, was ich machen will.“

Und warum Stuttgart? Cranko, das spannende Repertoire zählen die fünf auf. „Wenn es um Ballett und Deutschland geht, dann sprechen in den USA alle von Stuttgart “, sagt Christian Pforr. Sein Landsmann Satchel Tanner hat in Amsterdam den eleganten Ausdruck der ehemaligen Stuttgarter Marijn Rademaker und Daniel Camargo bewundert, ihre Ex-Kompanie wurde sein Wunschziel. Nach drei Tagen in Stuttgart empfindet er das tägliche Training bereits als Bereicherung: „Es ist anders, schneller, präziser“, so Satchel Tanners Beobachtung.

Sorgen darüber, dass mit dem neuen Intendanten viele Veränderungen in der Kompanie anstehen könnten, machen sich die Neuen nicht. „Wir haben nicht mit Reid Anderson gearbeitet, für uns ist alles neu“, gibt Coralie Grand zu bedenken. Und die Stimmung in der Kompanie, sei genauso, wie sie sein müsse, sagt Nomi Verböczi lachend: „Sie stimmt!“

Termin: Der „Blick hinter die Kulissen“, den das Stuttgarter Ballett von 17. bis 23. September im Kammertheater gewährt, ist komplett ausverkauft. Kennen lernen kann man die neuen Tänzer auch beim Spielzeitfest der Staatstheater am 23. September. Von 14 bis 15 Uhr stellt sie Tamas Detrich während des öffentlichen Trainings auf der Bühne im Opernhaus vor. Der Eintritt ist frei, Einlasskarten gibt es an den Kassen.

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