Neu im Schauspiel Stuttgart Coolness kommt von Können

Von Jürgen Holwein 

Der Nebel des Verrrates lichtet sich : Paul Schröder in der Rolle des Major Crampas in „Effi Briest“ Foto: Bettina Stoess
Der Nebel des Verrrates lichtet sich : Paul Schröder in der Rolle des Major Crampas in „Effi Briest“ Foto: Bettina Stoess

Schauspieler Paul Schröder ist neu im Ensemble im Stuttgarter Schauspielhauses. Er macht Lust auf Theater, weil er unglaublich viel kann

Stuttgart - Es ist gut, einen Schauspieler zu erleben, den der Zuschauer noch lange nach der Aufführung vor sich sieht. Es ist auch gut, einen Schauspieler zu sehen, der viele Gesichter hat. Und es ist gut, einen Schauspieler in dieser Stadt zu haben, der auf der Bühne einzigartig erscheint, weil er eine Figur aus verschiedenen ­Typen, ihren Posen, Masken und Zuständen zusammenbaut. Paul Schröder (32), ­vormals Gorki-Theater Berlin, jetzt Schauspiel Stuttgart, passt in keine Charakterschablone.

Prägnantes Gesicht, kantig, kein roboterhaftes Grinsen auf Fotos. Zart und transparent erscheint es, wenn Paul Schröder sich unbeobachtet wähnt, während er in der Wintersonne auf einer Treppenstufe am ­Königsbau sitzt und ­Passanten ansieht – präsent, aber doch nicht ganz da. Eine ­Stunde noch, dann wird er sich auf die ­Aufführung am Abend vorbereiten. „Den Text will ich in jedem Fall einmal vorher im Mund gehabt haben.“ Sie sprechen den Text? „Ja.“ Die Vorstellung ­beginnt in fünf Stunden. „Die Reise“ nach dem Roman von Bernward Vesper, im Nord.

Von der Straße die Körpersprache und berlinisch getönte Feinheit im Sprechen; Paule Schröder als zeitgenössisch cooler Kumpel von Erich Kästners legendärem proletarischem Emil, der den politischen Untergrund kennt. Gegen Ende eine Nummer, wie nur der Schröder sie draufhat: eine durchgeknallte Hitler-Parodie im Chaplin-Stil. Mit kalter Präzision auf dem Laufsteg des Bühnenvierecks viermal exekutiert.

Schauspielhaus, „Effi Briest“ nach dem Roman von Theodor Fontane, Regie ­Jorinde Dröse. Paul Schröder in einer Doppelrolle. Wir sehen ihn in der Rolle des Crampas, des Liebhabers der Effi, und als Haushälterin ­Johanna. Effi reitet mit ihrem Liebhaber am Ostseestrand in eine Slapstick-Szene hinein. Pantomimisch stattet Schröder auch die Rolle der Haushälterin aus. Das Grauen ist stumm, es kommt aus der Art zu gehen, es liegt im Blick. Das Unausgesprochene macht uns Angst.

„Die Räuber“ von Schiller im Schauspielhaus, Regie Antú Romero Nunes. Schröder und Antú kennen sich seit dem Studium in Berlin, aus einigen Theaterarbeiten. Schröder spielt in einem 50-Minuten-Solo Franz von Moor als Seelenräuber seines Vaters und seinen Vater als einen kindischen Greis. Auch ein aus Probenimprovisationen her­vor­­gegangener Schweizer tritt in Gestalt Schröders auf. Der genießt die Übertreibung; den Begriff „wackerer Kriegsmann“ würgt er als einen klingenden Konsonanten-Cluster mit gerollten Rs und im ­Rachen versengten Ks und einem Glottis-G zwischen den Zähnen hervor. Physiognomisch, in der raubtierhaft tänzelnden Energie, dem verwegenen komödiantischen ­Zugriff auf seine multiple Figur erinnert der junge Schauspieler an James ­Cagney. In ­ extremsten Momenten an den Grimassenschneider und sensiblen Komiker Jim Carrey („The Truman Show“, „The Grinch“). Der alltägliche Wahnsinn tobt. Unwahrschienlich cool. Schröder geht an die Grenzen.

Vor-Bilder? „Ich kenne James Cagney, ­habe aber wenig von ihm gesehen. Es ist nicht so, dass ich versuche, etwas in dieser Richtung nachzuspielen. Sean Penn, Jack Nicholson, Anthony Hopkins ­finde ich gut, ich finde auch Brad Pitt ziemlich cool. Das sind Leute, in deren Haltungen Extreme durchblitzen. Also wirklich grenzwertige Dinge, aber noch vor der Grenzdebilität. Das fände ich ziemlich langweilig auf der Bühne. Aber so eine grenzwertige Fragilität hinter starken Meinungen . . .“

Schröder wird 1982 in Anklam geboren. Mit Willi Steffen gründet er 1997 das Duo „Paul und Willi“. „Ich komme aus der Kleinkunst und hab’ da Geräuschpantomime gemacht, Kabarett im kleinsten Sinne, Comedy, so ­etwas. Physical Comedy, Geräuschpantomime, das sind Sachen, die ich mitbringe, und natürlich die Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst ‚Ernst Busch‘ in Berlin.“

Da steht einer – und er ist voll da. Er will angeschaut werden. Man schaut Schröder zu, er schaut zurück. Die Distanz zur Rolle, als schaute er sich ­selber zu, schafft Nähe zum Zuschauer. „Sie flirten mit dem Publikum.“ – „Ja klar. Crampas sagt in ,Effi Briest‘, Leichtigkeit ist das Beste, was wir haben. Deswegen kann man ruhig mit dem Publikum flirten.“

Der Text ist seine Partitur. Nuancen, Tonlagen, Farben zur psychologischen Charakterisierung der Person, zu ihrer Situation, fast wie im klassischen Liedgesang. „Es ist toll, einen Schiller-Text zu sprechen, weil er eine Art von Musikalität mit sich bringt. Ich versuche aber in jeder Vorstellung, diesen Text neu zu entwickeln, nicht ­irgendwelche Noten nur nachzusingen. Ich hab’ die natürlich, aber das Tolle ist ja bei Schiller, oder bei Kleist, dass ein Wort das andere und jeder Gedanke den anderen ergibt. Daraus entsteht diese Musikalität, muss mir also keine Gedanken darüber machen. Ich kann mich den Gedanken der Figur hingeben.“

„Sind Sie schon angekommen in der Stadt?“, frage ich. – „Mit dem ­Ankommen ist es so eine Sache. Ich kann mit Städten an sich wenig anfangen, es sind die Leute. Und das ist noch im Entstehen. Leute außerhalb des Theaters zu treffen ist für mich wichtig. Dass man nicht nur in der eigenen Soße kocht. Ich mag hier, dass die Natur so nah ist. Das Einzige, was schwer ist – meine neun­jährige Tochter ist so weit weg, in Berlin. Aber ich find’s total gut, am Theater zu sein. Das muss man irgendwie zusammen­kriegen.“

Paul Schröder hat ein Seminar des französischen Clowns Philippe Gaulier besucht. „Was ich da gelernt habe? Ich versuche eigentlich immer, Clown zu sein. In dem Sinne, dass man, was aus der Bühne passiert, unvoreingenommen aufnimmt, so frisch und situativ wie ein Clown. Was im Moment da ist, aufnehmen und darauf reagieren. Andere würden vielleicht Schauspiel sagen. Für mich hat das sehr viel mit Clownsspiel zu tun. Weil mich sehr diese Momente interessieren, wo man sich selber als Zuschauer ­erkennt.“

In „Leben des Galilei“ von Brecht spielt Paul Schröder die Rolle des kleinen Mönchs. Premiere am 31. Januar im Schauspielhaus.

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