Uraufführungen Stuttgarter Ballett Viel Jubel für „Die fantastischen Fünf“ im Schauspielhaus

Von Andrea Kachelrieß 

Von Klassik bis Technosound: Roman Novitzky, Fabio Adorisio, Katarzyna Kozielska, Louis Stiens und Marco Goecke sind tatsächlich „Die fantastischen Fünf“ und lassen das Stuttgarter Ballett im Schauspielhaus gut aussehen.

Stuttgart - Reid Anderson, der 1969 als Tänzer zum Stuttgarter Ballett kam, kennt diese Kompanie nicht anders: als Ort, der vor Kreativität sprudelt. In den 22 Jahren, die nun als Intendant hinter ihm liegen, war Stuttgart immer ein schöpferisches Zentrum – selbst dann, als Anderson mit seinen Haus-Choreografen in sicheren Gewässern navigierte, verlor er nie die Lust auf Neues.

Insofern ist der Abend, mit dem Anderson nun gegen Ende seiner Intendanz das Schauspielhaus bespielt, Bilanz und Ausblick: Gleich fünf neue Stücke sind seit Freitag auf dem Prüfstand. Ihre Urheber sind alles Eigengewächse, entdeckt von ihm bei Noverre-Abenden. Glaubt man dem Applaus des Premierenpublikums, lohnt mit allen ein Wiedersehen. „Die fantastischen Fünf“, das sind Roman Novitzky, Fabio Adorisio, Katarzyna Kozielska, Louis Stiens und Marco Goecke, eint, dass Anderson Vertrauen in ihre Kunst hat. Insofern galten die Bravorufe auch dem scheidenden Intendanten, der Karrieren ermöglichte. Marco Goecke ist der nächste Ballettdirektor made in Stuttgart. Seine Fans, die am Ende des mehr als dreistündigen Abends ein Blumenmeer auf ihn regnen ließen, müssen nächstes Jahr Tickets in Hannover lösen.

Ein Denkmal für den Familiensinn der Kompanie

Emotional dicht gepackt ist dieser Uraufführungsreigen von Anfang an. Dem familiären Geist des Stuttgarter Balletts etwa, der legendär ist, setzt Roman Novitzky in „Under the Surface“ ein Denkmal. Wie ein Familienfest beginnt das Stück: ein Tisch, acht Stühle, auf denen Menschen, drei Frauen und fünf Männer in grauen Kleidern, zu freundlichen Klavierharmonien Platz nehmen. Kaum sitzen sie, treiben perkussive Klänge den Puls hoch, erst synchron, dann in Wellen gehen die Bewegungen durch das Kollektiv.

Aus dem Sitzen entwickelt Novitzky immer wieder überraschende Motive, Stimmungen wechseln in bester Tanztheatermanier mit der Musik. In Pas de deux und Gruppenszenen erobert dieses Stück den Raum. Feine Details sind überraschend, anderes ist zu sehr auf Effekt gebürstet – wie die frontal am Bühnenrand im Gegenlicht aufgereihten Gruppenszenen. Auch wenn es Roman Novitzky gelingt, Geometrien im richtigen Moment ins Chaotische zu brechen, hätten straffende Hände seinem Stück gutgetan.

Fabio Adorisio kittet die Tänzer aneinander

Was eigentlich für fast alle der „Fantastischen Fünf“ gilt, auch für „Or noir“ von Fabio Adorisio. Die koreanische Komponistin Nicky Sohn hat dieser Begegnung von fünf Paaren in schwarzen, rückenfreien Trikots ein live gespieltes Streicherquintett mit auf den Weg gegeben. Seine Dynamik erinnert an den Tango nuevo, und virtuos verwickelt sind auch die Paarbegegnungen, in die Adorisio die Tänzer mit verwinkelten Gliedmaßen schickt. Damen, die sich Herren kühn in die Arme werfen, flotte Pirouetten – hier ist kein Tänzer lange allein. Dass er in diesem neoklassischen Fluss zu wenig Freiräume schafft und die Tänzer immer wieder zu Paaren verknüpft, mag mit der Inspiration des Choreografen zu tun haben, einer kostbaren Porzellan-Reparaturtechnik.

Katarzyna Kozielska ist nicht nur die einzige Frau der „fantastischen Fünf“, sie ist auch die Einzige, die auf Spitze tanzen lässt – und die Farbe ins Spiel bringt. Dass „Take your Pleasure seriously“ vom ersten Takt an hochdramatisch ist, liegt nicht nur an der Farbe Rot, die auf den Trikots auftaucht. An Filmmusik, die eine Raumschiffarmada ankündigt, erinnert der Sound, zu dem sechs Paare außerirdisch inszeniert sind. Wie Bögen gespannt sind die Körper der Damen, wie Dartpfeile rammen sie die Herren in den Bühnenboden. Auch als die Klänge sanfter werden und Alicia Amatriain spinnengleich in einem Netz aus Armen thront, bleibt die Stimmung angespannt. Erst ein live am Flügel begleiteter Pas de deux, in dem sich Diana Ionescu und Daniele Silingardi in schöner Harmonie finden, söhnt mit den Kämpfen davor aus. .

Blick zurück in Wehmut

Für eine Überraschung gut ist auch Louis Stiens. Licht schüttet er zuckend wie berstendes Glas über seine 13 Tänzer, laut wummernde Elektrobeats machen die Musik dazu, pulsierende Ensembleszenen erzählen von der Verletzbarkeit des Einzelnen und seiner Stärke in der Masse. Ein bisschen wirkt das, als seien die Raver einer Loveparade auf die Ballettbühne herabgestiegen, als mischten sich Clubambiente, Aerobicpower und Tanzästhetik zu einer Attacke, deren Ziel unklar bleibt. „Skinny“ heißt diese energiegeladene Häutung, die aber nur die Herren entblößt, auch wenn Angelina Zuccarini und Elisa Badenes gleich zu Beginn als kostbares, nasses Strandgut ins Spiel kommen. Die Wucht, mit der Louis Stiens den Tanz als Motor inszeniert, reißt das Publikum regelrecht mit.

Ruhige Jazzclub-Atmosphäre gönnt Marco Goecke seinen neun Tänzern. „Almost Blue“ heißt das Dankeschön des Choreografen an den Mann, der ihn 2005 zum Haus-Choreografen des Stuttgarter Balletts machte. „Heute zum ersten Mal Reid Anderson getroffen, sehr nett“, notierte er im April 2001 in sein Tagebuch. Auf den gemeinsamen Weg blickt Marco Goecke mit einer Wehmut zurück, die der Titel seines neuen Balletts andeutet. Immer wieder blitzen Erinnerungen auf: Hände, die wie Schmetterlinge flattern, das ganze Spektrum an zärtlichen, nervösen, fragenden Gesten, mit denen sich Körper ihres Daseins vergewissern – das alles entfaltet ein verstörendes Kraftfeld.

Dass Goecke fast ausschließlich mit jungen Gruppentänzern arbeitet, darf man auch als Statement eines Künstlers verstehen, der den Neuanfang nicht scheut und in seiner reduzierten Ästhetik immer noch Neues entdeckt. Dieses Mal sind es armlange, schwarze Handschuhe, die im dunklen Raum den Körper zum Torso machen. Beschädigt? Unvollendet? So mag Goecke seine abrupt beendete Beziehung zum Stuttgarter Ballett empfinden. Aber auch wenn er seine Trauer zu Beginn von „Almost blue“ mit lauten Schüssen wegbläst: Die Blumen und der lange Applaus, die am Ende als Abschiedsgruß auf ihn regnen, rühren ihn sichtbar.

Weitere Termine am 28. März, 10., 21., 25. und 29. April sowie am 17. Juli

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